Priester wider Willen: 1779-1792
Priester wider Willen: 1779-1791

Talleyrands Karriere in der Kirche ist ein Lehrstück über die Kunst, das Beste aus einer Situation zu machen. Dem Mann, der noch am Tag vor seiner Priesterweihe bittere Tränen über sein Schicksal vergossen hatte, gelang es in den darauf folgenden Jahren, den größtmöglichen Nutzen aus dem zu ziehen, wozu man ihn so ganz und gar gegen seinen Willen gezwungen hatte. Bis zu dem Tag, an dem der Lauf der Geschichte ihm erlaubte, sich zu befreien.


Priester wider Willen: 1779-1791
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 Der Abbé de Périgord

Als der fünfundzwanzigjährige Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord am Morgen des 19. Dezember 1779 aufwacht, hat er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt. Er hat seine Tränen getrocknet, und da er glaubt, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich in sein Schicksal zu fügen, hält er nun, so wie es von ihm verlangt wird, seine Antrittsmesse. Er ist schlecht vorbereitet, seine Nerven liegen schon seit Tagen blank, und was schief gehen kann, geht schief: Er stolpert über sein Messgewand, bringt den Ablauf durcheinander, hat den Text vergessen. Und sichtlich bemüht, den überaus frommen und andächtigen Ausdruck, den er seinem Gesicht verliehen hat, aufrecht zu erhalten, kann er sich ein Lachen, das mit Fröhlichkeit wenig zu tun hat, kaum verkneifen; die Situation, in der er sich befindet, ist zu absurd. Ein Priester, ausgerechnet er! Aber es ist geschehen, sein Onkel Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord hat ihn geweiht am Tag zuvor, der Alptraum ist wahr geworden. Charles-Maurice hat sich letzten Endes doch gefügt. So wie er sich schließlich immer in alles fügt, was seine Eltern und sein Onkel von ihm verlangen: widerwillig, unglücklich, trotzig schweigend.

 

Er reißt sich zusammen und bringt die Messe hinter sich. Aber die unfreiwillige Komik seines Auftritts bringt die Gemeinde dennoch zum lachen – alle außer seine Eltern, die in der ersten Reihe sitzen und dem Schauspiel mit versteinerten Gesichtern zusehen. Diese Messe ist die erste von ganzen sieben, die er in seinem Leben halten wird, und bis auf eine einzige Ausnahme, von der noch die Rede sein wird, sind sie alle so: gelesen von einem gut aussehenden, aber hinkenden Priester in einem kostbaren Messgewand, der zur falschen Zeit am falschen Ort die falschen Worte spricht, und dabei kurz vor einem hysterischen Lachanfall steht.


Die praktische Seite des Priesterseins hat ihn nie interessiert. Er ist kein Pfarrer, kein seelsorgender Hirte, und das weiß auch sein Onkel, der die wahren Qualitäten seines Neffen recht gut einschätzen kann und ihm deshalb ein Amt verschafft. Onkel Alexandre-Angélique fürchtet (wohl zu Recht), dass der junge Mann sich sehr bald zu langweilen beginnt und auf dumme Ideen kommt, wenn er weiterhin einfach so 18.000 Livres im Jahr verdient, ohne einen Finger krümmen zu müssen, ohne dass sein überragender Intellekt gefordert wird, und ohne dass sein Opfer irgendwie entschädigt wird. Denn Onkel Alexandre-Angélique weiß auch, dass er ein Versprechen zu halten hat. Wer sein Leben der Kirche schenkt, soll reich belohnt werden; Macht und Geld im Tausch gegen Freiheit, das hat er seinem Neffen seit dessen fünfzehnten Lebensjahr mit allen Mitteln eingetrichtert. Jetzt hat der dickköpfige Neffe endlich klein beigegeben und sich weihen lassen, und nun ist Zahltag.


Es ist nicht irgendein Amt, das der Erzbischof von Reims seinem Neffen angedeihen lässt: es ist das Amt des Generalbevollmächtigten des Klerus. Der Generalbevollmächtigte des Klerus ist verantwortlich für die Verwaltung des Fiskus der Kirche des Landes, seine Stellung entspricht also in etwa der des Finanzministers eines Staates. Außerdem obliegt ihm die Verwaltung und Koordination von zu diesem Zeitpunkt etwa 40.000 Kirchengemeinden, und, was vielleicht noch wichtiger ist, er ist der Mittler zwischen Kirche und Staat.


Es ist also ein ungeheuer mächtiges Amt, in das der gerade Sechsundzwanzigjährige am 10. Mai 1780 von seinem Onkel eingeführt wird. Oder besser: Das Sprungbrett zu wahrer Macht. Denn bislang wurde ohne Ausnahme noch jeder Generalbevollmächtigte des Klerus nur kurze Zeit später zum Bischof ernannt.


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 Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord

Da erträgt es der frischgebackene Generalbevollmächtigte auch ohne zu murren, sich geschlagene zwei Stunden lang den Sermon seines Onkels anzuhören (wie verantwortungsvoll sein Amt doch sei, wo er welche Akten zu finden habe, wen er in diesem oder jenem Fall zu kontaktieren habe) – im Stehen, versteht sich, denn eine ganze Menge anderer Kirchenmänner sind anwesend, die in der Rangfolge alle über ihm stehen und sich auch nicht setzen dürfen, weshalb auch der Neffe stehen bleiben muss. Die Erschöpfung, die Folge dieser nur mit Mühen und zusammengebissenen Zähnen ertragenen Amtseinführung ist, führt zu ganz unpriesterlichen Abenteuern, in die der Duc d’Aiguillon und die verstoßene Mätresse des verstorbenen Königs, Madame Dubarry verwickelt sind, aber sie sollen aus Gründen der Diskretion und des Themas hier verschwiegen werden.


Überhaupt verhält sich der junge Mann nicht ganz so, wie es seinem Amt und seinem Status wohl angemessen wäre, und wie es seinen Eltern und seinem Onkel gefallen würde. Nicht, dass er seine Aufgabe nicht besser als hervorragend erfüllen würde. Nein, hier kann er seine Fähigkeiten endlich entfalten, und er erweist sich als einer der besten Generalbevollmächtigten, die die französische Kirche je hatte: er hat exzellente Fähigkeiten in der Verwaltung, erkennt sofort den tieferen Kern eines Problems und ist in der Lage, es schnell und effizient zu lösen, er ist umsichtig und geschickt im Umgang mit Finanzen, beharrt in jedem Fall auf legaler und ordnungsgemäßer Vorgehensweise, zeigt außerordentliches diplomatisches Geschick, und ist mutig genug, auch neue, innovative Vorschläge zu machen. Und er arbeitet sehr hart.


Das ist eine Fähigkeit, die man mit Talleyrand gewöhnlich nicht sofort in Zusammenhang bringt, und er selbst hat in der Tat viel dazu beigetragen, sich den Ruf eines faulen, lässigen und trägen Menschen zu erwerben, dem seine Erfolge einfach aufgrund seiner Genialität zufallen. Aber während er mit seiner eigenen Faulheit kokettiert, ist er in Wahrheit ausgesprochen fleißig und erheblich dienstbeflissener, als er jemals zugegeben hätte. Und es ist nur gut, dass er so hart arbeiten kann, denn er muss doppelte Arbeit leisten: Das Amt des Generalbevollmächtigten des Klerus teilen sich immer zwei Männer, aber der Kollege des Abbé de Périgord, der Abbé de Boisgelin, hat sich durch eine Affaire mit einer ehemaligen Mätresse von Louis XV, der Madame de Cavanac, diskreditiert und fällt damit als ernstzunehmender Vertreter der Kirche aus. De Boisgelin behält das Amt, rührt jedoch keinen Finger mehr und lässt seinen jungen Partner tun, was dieser will. So hat der Abbé de Périgord zwar doppelte Arbeit, aber auch erheblich mehr Macht, als er  hätte, wenn der Neffe des Erzbischofs von Aix sich nicht resigniert von allen Dienstgeschäften zurückgezogen hätte.


Es sind dies wichtige Lehrjahre im Leben des zukünftigen Politikers und Diplomaten. Er lernt eine Menge über Verwaltung und Betriebsführung, über Wirtschaftslehre und Finanzen, und nicht zuletzt über Staatsgeschäfte und Diplomatie – schließlich vertritt er die Interessen der Kirche vor dem Staat und unterhält somit Kontakte zum Hof, zu Ministern wie Turgot, Castries, Choiseul, Maurepas, Malesherbes und Necker. Und was könnte eine bessere Schule für politisches Überleben und die Kunst der Intrige sein als Versailles?


Er arbeitet also hart im Dienste der Kirche, sein Einsatz für die Besserstellung und die Erhöhung des Gehalts des niederen Klerus in den Provinzen gewinnt ihm auch die Sympathien der kleinen Landpfarrer, die oftmals am Rande des Existenzminimums leben, er pflegt gesellschaftlichen Umgang mit den Mächtigen des Landes – warum also dauert es acht endlose Jahre, bis man ihn endlich zum Bischof macht?


Weil ihm sein Privatleben und der Umgang, den er außerhalb von Versailles pflegt, erheblich weniger Sympathien einbringen. Weder bei seinen Eltern, noch bei seinem Onkel, noch beim König, der letzten und wichtigsten Instanz auf dem Weg zur Mitra.


Es ist in den achtziger Jahren des Achtzehnten Jahrhunderts keineswegs ungewöhnlich, dass ein Kirchenmann eine Beziehung zu einer Frau pflegt, und auch über die gelegentliche Äußerung eines nonkonformen und kritischen Gedankens wird wohlwollend hinweggegangen. Der Generalbevollmächtigte des Klerus überspannt den Bogen aber ein wenig.


Er pflegt nicht nur die Beziehung zu einer Frau, sondern ist umgeben von einem ganzen Harem junger, hübscher und intelligenter Damen der Gesellschaft, die den gut aussehenden, charmanten und geistreichen jungen Mann anhimmeln.


Abgesehen von den vielen Liebschaften, die daraus erwachsen, lebt er mehr oder weniger offen mit einer von ihnen zusammen; Talleyrands Verhältnis mit Adélaïde de Flahaut ist das eheähnlichste, das er jemals hat. Knapp zehn Jahre lang ist er mit ihr zusammen, er schläft häufiger unter ihrem Dach, als unter seinem eigenen, er speist fast täglich mit ihr zu Abend, er empfängt Gäste in ihrem Wohnzimmer und erwirbt sich schnell den Status des Herrn des Hauses. Und all das, während der Ehemann seiner Geliebten, 36 Jahre älter als diese, durch schweres Rheuma ans Bett gefesselt nebenan im Schlafzimmer liegt. Als Adélaïde 1784 feststellt, dass sie schwanger ist, ist es offensichtlich, dass der Vater nicht der alte, kranke Comte de Flahaut de la Billarderie ist, obwohl der seiner Frau die Güte erweist und die Vaterschaft anerkennt – die Wahl des Vornamens des am 21. April 1785 geborenen Charles de Flahaut lässt Interpretationsspielraum, und die verblüffende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Abbé de Périgord erstickt schließlich jeden Zweifel im Keim. Der schweigt; weder bestätigt noch dementiert er seine Vaterschaft, aber sein Verhalten gibt allen Anlass zu glauben, dass er sich tatsächlich freut, Vater eines gesunden Jungen geworden zu sein. Und zu oft sieht man die drei miteinander bei Vergnügungen, die einer kleinen Familie vorbehalten sind, bei Sonntagsspaziergängen zum Beispiel – sehr kurzen, denn der Abbé de Périgord kann nicht gut gehen – als dass nicht vollkommen klar wäre, dass er nicht nur der Vater des Jungen, sondern auch noch stolz darauf ist.


Aber da ist nicht nur die kleine, seltsame Familie, zu der sich der Generalbevollmächtigte des Klerus auf diese Weise indirekt bekennt. Nicht nur die vielen anderen Damen, mit denen er zur gleichen Zeit eine kürzere oder längere, mehr oder weniger heftige Liaison hat. Auch nicht nur die Tatsache, dass er seine Kontakte zum Finanzminister Calonne dazu benutzt, recht erfolgreich an der Börse zu spekulieren. Und er spielt nicht nur an der Börse, er ist auch bestens bekannt in allen gehobenen Spielsalons von Paris; wenn er nicht Brüste oder Schenkel streichelt, dann hält er Karten in der Hand. Oder er trifft sich mit Leuten, deren Reputation der seinen nur weiteren Schaden zufügen kann: Schon lange besucht er Häuser und Salons, die vom Hof misstrauisch beargwöhnt, und wo Meinungen geäußert werden, die nur noch mit äußerstem Wohlwollen unorthodox genannt werden können. Und er versammelt sie an seiner Tafel, meistens zum Frühstück: Freidenker, Dichter, Dramatiker, Künstler, Wissenschaftler aller möglichen Couleur, unter ihnen einige Physiokraten, von deren Lippen der Gastgeber gierig alles aufsaugt, was sie ihm über Finanzpolitik erzählen können – neben seinen praktischen Erfahrungen mit dem Verwalten des Fiskus der Kirche wird hier sozusagen der philosophische Unterbau für Talleyrands Verständnis von Wirtschaft und Geldgeschäften gelegt.


Die Physiokraten sind noch das kleinere Übel. Schlimmer ist es, dass auch Leute wie der Duc d’Orléans und Mirabeau zu diesen Treffen erscheinen. Ansonsten ist es eine recht wilde Mischung: Choderlos de Laclos, der Verfasser der Liaisons dangereuses, kommt genau so wie Marmontel, ein sich im Dichten versuchender Bauer, Armand de Gontaut, Duc de Lauzun vertritt den Hochadel, der Schweizer Bankier Panchaud die Hochfinanz, dann sind da Joseph Barthès, der Abbé Delille, Sébastien de Chamfort, der eigentlich der Sohn eines Krämers ist und sich das de einfach so selbst in den Namen gesetzt hat, Pierre du Pont de Nemours, der Abbé Louis, Rulhière – dem Abbé de Périgord ist es egal, ob jemand der Sohn eines Bauern ist, wenn er klug und amüsant ist, etwas Interessantes zum Gespräch beitragen kann und sich zu benehmen weiß. Dem Abbé de Périgord ist es ebenso egal, was man am Hof und in hofnahen Kreisen von ihm denkt. Auch seine beiden besten Freunde, Auguste de Choiseul, der Neffe des mittlerweile in Ungnade gefallenen Ministers Etienne-François de Choiseul, und Louis de Narbonne-Lara, allem Anschein nach unehelicher Sohn von Louis XV und dessen leiblicher Schwester, Madame Adélaïde, sind Personen, mit denen man, will man am oder durch den Hof Karriere machen, nicht unbedingt Umgang pflegen sollte, und auch sie tragen dazu bei, dass der Generalbevollmächtigte des Klerus dort allmählich zur persona non grata wird.


Es ist ihm egal, was man über ihn denkt. Es ist ihm mittlerweile auch egal, was seine Mutter über ihn denkt – natürlich muss er sich von ihr anhören, was er sich in den letzten Jahren schon so oft hat anhören müssen: dass er zu wirklich gar nichts tauge und eine Schande für die ganze Familie sei – es ficht ihn nicht mehr an. Vorbei die Tage des sehnlichen Wünschens und Hoffens, sie könnte ihn ja vielleicht doch eines Tages lieb gewinnen: Er hat sich mit einer immer häufiger tatsächlich empfundenen Gleichgültigkeit ihr und allen anderen gegenüber gewappnet, die ihn nicht mögen, die ihn als moralisch verkommen und nichtsnutzig bezeichnen – sollen sie doch. Seine Freunde, die Freiheit zumindest des Geistes, die Frauen und das Glücksspiel, seine Vergnügungen, die die selbsternannten Wächter der Moral ihm verübeln, all das ist ihm wichtiger.


Und weil das so ist, weil der Abbé de Périgord die unmöglichsten Menschen bei sich empfängt und die unmöglichsten Salons frequentiert, mit seiner Mätresse und seinem Sohn öffentlich Sonntagsspaziergänge unternimmt, beim Whist Unmengen Geld gewinnt oder verspielt, ebenso schamlos wie erfolgreich sein Wissen über die Staatsgeschäfte bei seinen Spekulationen an der Börse ausnutzt, und ihn dabei jegliche Kritik an seinem Verhalten absolut peripher tangiert, wird er auch nicht Bischof.


Bis sein Vater stirbt.



Im Dezember 1788 kommt ihm das Schicksal zur Hilfe: Der Bischof von Autun, Marbeuf, wird nach Lyon versetzt, und Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord erleidet einen Herzinfarkt. Auf dem Sterbebett tut er zwei Dinge: Erstens zitiert er seinen ältesten Sohn zu sich und hat zum ersten Mal in seinem Leben eine ernsthafte Unterhaltung mit ihm. Um was es dabei geht, bleibt unklar, man munkelt, der Vater habe seinen Sohn um Vergebung dafür gebeten, ihn sein Leben lang schlechter als einen Bastard behandelt zu haben; andere behaupten, er habe ihm dringend nahe gelegt, sich endlich am Riemen zu reißen und sich so zu benehmen, wie es dem Generalbevollmächtigten des Klerus nun einmal zukommt. Was auch immer der Vater dem Sohn in der Stunde seines Todes gesagt hat, es hat wesentlich weniger Einfluss auf dessen weiteren Werdegang, als die Tatsache, dass er als nächstes den König bittet, diesen seinen Sohn endlich zum Bischof zu machen. Es ist das einzige, was er jemals für ihn tut.


Louis XVI fühlt sich dem sterbenden Grafen verpflichtet. Die Talleyrand-Périgords können das Recht für sich in Anspruch nehmen, vom König von Frankreich mit „Vetter“ angeredet werden, und dieses Recht ist fast tausend Jahre alt. Louis XVI muss sich ihm beugen. Außerdem hat er Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord eigentlich schon immer gerne gemocht, und der Mann stirbt. Sein Sohn mag zwar ein Nichtsnutz sein, aber der König kommt seinem Wunsch dennoch nach - glücklich ist er damit nicht. Aber er nimmt seine Entscheidung auch dann nicht mehr zurück, als ihm Alexandrine de Talleyrand-Périgord einen mehr oder weniger offenen Brief schreibt, er möge ihren missratenen Sohn doch bitte auf gar keinen Fall zum Bischof machen, nichtsnutzig und durch und durch verdorben, wie er sei.


Am 16. Januar 1789 wird der ehrwürdige Carolus-Mauritius in der Kapelle von Issy zum Bischof geweiht. Die Zeremonie dauert sechs Stunden, die zum größten Teil im Stehen hinter sich gebracht werden müssen, und irgendwann wird der Abbé de Périgord ohnmächtig. Vor Schmerzen? Wegen der Anstrengung? Oder weil ihn die Ungeheuerlichkeit dessen, was er zu tun im Begriff ist, überwältigt? Vorher noch habe er, so ein Augenzeuge, gewirkt wie ein Schauspieler, den seine Rolle langweilt, und das Ritual teilnahmslos über sich ergehen lassen. Es ist wahrscheinlicher, dass es weniger Gewissensqualen, als körperliche Qualen waren, die ihm die Sinne haben schwinden lassen.


Er schweigt, er geht darüber hinweg, als sei nichts geschehen; am Abend nach seiner Weihe diniert er bei seiner Freundin Adélaïde de Flahaut, zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn. Auch die der Weihe vorhergehenden drei Tage der Kontemplation, die er im Seminar von Issy verbringt (das zu Saint-Sulpice gehört), lassen darauf schließen, dass der Abbé de Périgord den spirituellen Aspekt seiner neuen Aufgabe ein wenig vernachlässigt. Noch nie habe er einen so schwierigen Kandidaten gehabt, sagt der ihm als geistiger Lehrer zugedachte Abbé Duchoux hinterher, unaufmerksam und pietätslos sei er gewesen, und einmal sei sogar mitten im gemeinsamen Gebet die Tür aufgeflogen, eine ganze Horde „frivoler Leute“ sei hereingekommen und habe mit ihrem Freund den neuesten Klatsch und Tratsch aus Paris ausgetauscht.


Der ist nun also Bischof, noch kurz vor seinem 35. Geburtstag und damit der jüngste in Frankreich; das Durchschnittsalter liegt am Ende des Achtzehnten Jahrhunderts bei 60 Jahren. Mit dem Bischofssitz kommen eine ganze Menge Titel einher, mit denen er sich nun schmücken darf, Comte de Saulien, Baron d’Issy-Leveque, Lucenay, Grosme und Touillon. Keiner davon reicht zwar auch nur annähernd an den Namen Talleyrand-Périgord heran und an die Titel, die ihm seine Eltern dereinst genommen haben, aber immerhin, Titel sind Titel, und Geld ist Geld, auch wenn ihm der Bischofssitz nur 22.000 Livres pro Jahr einbringt. Denn Autun ist wohl die letzte Diozöse, die er sich gewünscht hätte, ein kleines, ärmliches Städtchen in der tiefsten Provinz, und noch dazu der Geburtsort seiner Mutter. Und der neue Bischof von Autun sieht zunächst einmal nicht ein, warum er auch in persona dort anwesend sein soll. Deshalb setzt er den Erzpriester seiner Kathedrale als seinen Stellvertreter ein und macht sich von Paris aus an die Umgestaltung seiner Diozöse, und das tut er zur vollsten Zufriedenheit des in Autun gespannt auf sein Tun und Wirken wartenden Klerus und seiner Gemeinde. Ja, man ist zufrieden mit ihm dort unten in der Provinz, trotz seiner andauernden Abwesenheit. Denn nicht nur schafft er es in kürzester Zeit, die Verwaltung effizienter zu gestalten, er schreibt auch wundervolle Briefe an seine Gemeinde. Diese Briefe werden von jeder Kanzel der Diozöse verlesen. Sie sind warm und menschlich, voller Hingabe und Sorge um die Belange der einfachen Leute, dabei von apostolischem Eifer, und sie gewinnen ihm im Nu die Herzen seiner Schäfchen. Als er sich dann am 12. März 1789 endlich tatsächlich nach Autun begibt, säumt jubelndes Volk die Straßen.


Das wahre Interesse an den ganz konkreten Problemen der Landbevölkerung hält sich bei einem Spross der Familie Talleyrand-Périgord zwar durchaus in Grenzen, aber Charles-Maurice hat seiner Erziehung und vor allem den vier Jahren bei seiner Urgroßmutter in Chalais ein wenn auch abstraktes, so doch recht stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl dem Volk gegenüber zu verdanken. In Chalais hat er gelernt, dass es die natürliche Aufgabe des Adels ist, die Untertanen zu beschützen, sie in einfachen, verständlichen Worten zu belehren und gelegentlich auch zu ihrer Erbauung beizutragen. Und das tut er mit seinen Hirtenbriefen.


Aber die Briefe und sein Besuch in Autun haben natürlich auch einen politischen Hintergrund. Es ist 1789, der Frühling vor der Revolution. Der Staat ist bankrott, der König hilflos, man will die Generalstände einberufen. Und der Bischof von Autun will als Vertreter des Klerus von Autun in die Generalversammlung gewählt werden. Insofern ist das, was er dort treibt, eine Art Wahlkampagne: unermüdlich redet er mit allen möglichen Leuten, lässt sich von ihren Sorgen und Wünschen berichten, hört aufmerksam zu, macht Versprechungen. Und man liebt ihn, der Jubel auf den Straßen reißt nicht ab. Nur einmal wäre es fast schiefgegangen: Er lässt sich vom Domkapitel dazu überreden, am 25. März (Mariä Verkündigung) eine Pontifikalmesse zu zelebrieren, was wie immer in ein einziges Chaos mündet. Man verzeiht ihm jedoch noch einmal, dass er sich so erstaunlich wenig vertraut mit den komplexen liturgischen Abläufen zeigt. Vielleicht ist das auch der Grund für die baldige Abreise des Prälaten, denn just am Ostersonntag sitzt er in der Kutsche nach Paris – noch eine Pontifikalmesse (die er in seiner Funktion als Bischof sicherlich an Ostern hätte halten müssen) wäre doch etwas zu viel des Guten gewesen.


Der Besuch in Autun war in zweifacher Hinsicht ein Erfolg: Zum ersten Mal in seinem Leben ist dem ungeliebten, von seiner Familie verstoßenen und so oft von allen Seiten angefeindeten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord uneingeschränkte Sympathie und Zustimmung entgegengebracht worden, und zwar in einem überwältigenden Ausmaß. Und man wählt ihn in die Generalversammlung.


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Der Bischof von Autun als Abgeordneter des Klerus in der Nationalversammlung

Das Zusammentreten der Generalversammlung markiert den Beginn der französischen Revolution, und der Bischof von Autun avanciert zu einer der an ihrem Verlauf maßgeblich beteiligten Personen. Man kann ihn zu den Vertretern einer gemäßigten, linksliberalen Politik zählen, Extremismus und Gewalt, auch verbale, sind ihm wesensfremd; er plädiert für eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild, mit Ober- und Unterhaus. Aber er kann die Entwicklung nicht aufhalten, nur moderieren.

 

Am 26. Juni 1789 schließt er sich gemeinsam mit einigen anderen Bischöfen dem Dritten Stand an. Weil man ihn als intelligenten und gemäßigten Menschen schätzt, wird er am 14. Juli, dem Tag, an dem die Bastille fällt, in die Gesetzgebende Versammlung gewählt, wo er zusammen mit Lafayette – mittlerweile auch häufig gesehener Gast an seiner Frühstückstafel - an der Erklärung der Menschenrechte mitwirkt. Er formuliert und erwirkt die Aufnahme von Artikel VI:


Das Gesetz ist Ausdruck des Willens des Volkes. Alle Bürger haben ein Recht, entweder persönlich oder durch ihre Vertreter an der Gestaltung mitzuwirken. Es soll für alle gleich sein, ob zum Schutz oder zur Bestrafung. Und alle sollen vor dem Gesetz gleich sein und die Möglichkeit haben, alle Ehren, Positionen und Ämter zu erlangen, entsprechend den Fähigkeiten des einzelnen, wobei keine andere Unterscheidung gelten soll als die nach Eignung und Talent.


Man kommt nicht umhin, eine recht persönliche Motivation für den Vorschlag dieses Artikels zu erkennen, der im Jahr 1789 eine ziemlich radikale Formulierung revolutionären Gedankenguts ist und ihm in der Nationalversammlung stehende Ovationen einbringt.


Der Bischof von Autun tritt nun nicht nur ein für die Freiheit des Menschen, Rede- und Pressefreiheit, gerechte Besteuerung und die bürgerliche Gleichstellung der Juden, sondern er erdenkt auch eine Methode, Darlehen zu versichern, entwirft die Polizeiordnung von Paris, und neben dem omnipräsenten Problem der Staatsverschuldung kümmert er sich um Bildungspolitik und verfasst einen Bericht über das öffentliche Erziehungswesen für das Verfassungsgebende Komitee, der noch hundert Jahre später das französischen Schulsystem prägen wird.


Und dann, am 10. Oktober 1789, bittet er den Vorsitzenden der Nationalversammlung ums Wort und macht einen schier unglaublichen Vorschlag, wie man dem Staatsbankrott beikommen kann. Der Antrag, den er einbringt, und der nach langer Diskussion – an der er sich mit keinem Wort mehr beteiligt - schließlich auch angenommnen wird, beginnt mit den Worten: Die Nationalversammlung erklärt, dass alles kirchliche Eigentum dem Staat zur Verfügung gestellt wird, [...]


Der Bischof von Autun hat die Kirche enteignet und die Kirchengüter verstaatlicht.

 

Dass er damit auch seine eigene Karriere als Kleriker demontiert, nimmt er offensichtlich gerne in Kauf, auch, dass ihn dieser Vorschlag landesweit in Verruf bringt – auf eben dieser Tat begründet sich sein Ruf als Verräter, der ihm sein Leben lang anhaften wird. Als das absolut Ungeheuerliche wird nämlich nicht die Enteignung der Kirche empfunden - die gefällt dem einen oder anderen gar nicht so schlecht - sondern die Tatsache, dass es ausgerechnet ein Kirchenmann ist, der sie initiiert hat. Dieser Aspekt erst macht die Sache monströs, und man beginnt, ihn mit anderen Augen zu betrachten. Was für ein Mensch kann das sein, der in der Kirche und durch die Kirche aufsteigt, um sie dann von innen heraus zu zerstören? Einer, der diese Karriere so niemals wollte, der von seinen Eltern, allen voran von seiner Mutter, dazu gezwungen wurde, diesen Weg einzuschlagen, und sich nun auf diese Art und Weise an dem System rächt, das er für sein persönliches Unglück verantwortlich macht. Seine Mutter bezeichnet ihn dafür jetzt in einem Brief aus dem Exil als Missgeburt, was einigen Anlass zu Spekulationen gibt. Es lässt ihn kalt.


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 Der Bischof hat die Soutane abgelegt

Die Enteignung der Kirchengüter ist der erste Schritt hinaus aus dem System, das ihm seine Jugend und sein Glück geraubt hat. Immer öfter sieht man ihn nun nicht mehr in Soutane, sondern in einem eleganten, gut geschnittenen Anzug, das Brustkreuz dezent zwischen den Spitzen seiner Halsbinde verborgen – welche Befreiung für den Fünfunddreißigjährigen, der im Alter von fünfzehn Jahren seine Schuluniform gegen dieses verhasste Kleidungsstück eintauschen musste, dessen einziger Vorteil es war, dass es seine Beine vor den Blicken der Damen verbarg. Das hat er jetzt nicht mehr nötig, und zwanzig Jahre Soutane sind genug. Zwanzig Jahre im Dienste Roms sind genug.


Am 14. Juli 1790 jährt sich der Tag, an dem mit dem Sturm auf die Bastille die Revolution begonnen hatte. Dieser Tag muss gefeiert werden, und da Frankreich 1790 noch katholisch ist, mit einer Messe. Der Bischof von Autun, der im Februar sogar für eine Woche das Amt des Präsidenten der Nationalversammlung inne gehabt hat, wird sie lesen, denn er ist der einzige Bischof, der noch in der Nationalversammlung sitzt. Da er diesmal nichts falsch machen will, übt er die Abläufe vorher bei sich daheim im Wohnzimmer. Zu diesem Zweck hat er noch einmal das Messgewand angezogen, der Kamin stellt den Altar dar, und sein kleiner Hund, der ihn immer überall hin begleitet, umspringt ihn dabei freudig aufgeregt und beißt ihm schließlich sogar in die Waden, was sowohl bei ihm als auch bei seinen anwesenden Freunden zu großer Heiterkeit führt. Am nächsten Tag hört man ihn kurz vor dem Beginn der Zeremonie zum Abbé Louis, der ihm ministriert, sagen, er solle ihn doch bitte nicht zum Lachen bringen. So bewusst ihm die Bedeutung des Ganzen ist, so lächerlich erscheint ihm das ganze Ritual.


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14. Juli 1790: Talleyrand, Bischof von Autun, zelebriert eine Messe zur Feier des Jahrestages des Sturms auf die Bastille

 

 

Und diesmal geht endlich einmal nichts schief. Er trägt ein weißes Messgewand und hat sich eine Tricolore um den Bauch gebunden, was in konservativen Kreisen zu großer Entrüstung führt, und dann sehen ihm vierhunderttausend Menschen dabei zu, wie er im strömenden Regen mit der Mitra auf dem Kopf auf seinen Hirtenstab und zwei ihn flankierende Priester gestützt die Stufen zum Altar hochsteigt, um dort das Tedeum anzustimmen. Er hat eine schöne, klangvolle Stimme, und wer ihn hören kann berichtet hinterher, dass er auch sehr schön singen kann. Und er singt nicht nur, er schwört auch einen Eid auf die Nation, die Verfassung und den König und weiht die Fahnen der Nationalgarde. Danach begibt er sich in einen Spielsalon, wo es ihm gelingt, die Bank zu sprengen – er gewinnt so viel Geld, dass er es sich in seinen Hut stopfen muss, um es zu transportieren.


Langsam begibt er sich auf dünnes Eis, was seine Beziehung zu Rom angeht.


Seinen „Austritt“ aus der Kirche besiegelt er jedoch am 28. Dezember 1790, indem er folgende Worte spricht: „Ich schwöre mit erhobener Hand, gewissenhaft meine Pflichten zu erfüllen, dem Gesetz, der Nation und dem König treu zu dienen, die Verfassung und im besonderen den Beschluss der zivilrechtlichen Konstituierung der Geistlichkeit zu unterstützen.“


Die „zivilrechtliche Konstituierung der Geistlichkeit“, also eine Verstaatlichung des Kirchenrechtes, geht weit über die Verstaatlichung der Kirchengüter hinaus. Hier wird das Fundament der römisch-katholischen Kirche angegriffen, hier werden dem Staat Machtbefugnisse eingeräumt, die seit unerdenklichen Zeiten nur dem Papst zustanden. Nur drei weitere Bischöfe leisten diesen Treueeid, und alle außer dem Bischof von Autun ziehen sich in die Provinzen zurück. Der Papst schäumt vor Wut.


Nun ist es endgültig Zeit für Talleyrand, sich von seiner Karriere in der Kirche zu verabschieden: So wie er die Soutane nicht mehr braucht, um seine Beine zu verbergen, so braucht er auch die Kirche nicht mehr, um zu größerer Macht aufzusteigen. Und er möchte dem Papst, der ihn dispensieren will, zuvorkommen: Anfang Januar 1791 erklärt er dem König in einem Brief, er wolle auf die Bischofswürde verzichten, da er von den Staatsaufgaben zu sehr in Anspruch genommen sei. Am 20. Januar schreibt er einen entsprechenden Brief nach Autun, in dem er dem dortigen Klerus nahe legt, sich um einen Nachfolger für ihn zu bemühen. Eine offizielle Rücktrittserklärung an Rom verfasst er nicht, ab jetzt lässt er den Dingen ihren Lauf.


Die Verhältnisse kommen ihm entgegen: Noch einmal, ein allerletztes Mal, muss er seine Messgewänder anlegen und eine Messe halten: Die zivilrechtliche Konstituierung der Geistlichkeit verbietet es Bischöfen, die den Eid auf dieses Gesetz nicht geleistet haben, neue Priester zu weihen. Neue Priester braucht es aber, denn ein Großteil der Geistlichen hat dem Gesetz nicht zugestimmt und damit seine Stellung verloren. Gleichzeitig droht Rom jedem Bischof, der es wagen sollte, in dieser Lage irgendwelche Priester oder gar Bischöfe zu weihen, mit der sofortigen Exkommunikation. Der Noch-Bischof von Autun meldet sich freiwillig.


Anhänger des Papstes schicken ihm Morddrohungen, die er ernst genug nimmt, um am Tag vor dem Ereignis sein Testament bei Adélaïde de Flahaut zu hinterlegen. Lafayette und seine Mannen postieren sich vor der Oratorianer-Kapelle in der rue Saint-Honoré, in welcher der Bischof von Autun nun (ungeübt und mit dem Ritus unvertraut wie immer) zwei Priester zu höheren kirchlichen Würden erhebt. Da währenddessen niemand versucht, ihn umzubringen, holt er am Abend sein Testament wieder bei seiner Freundin ab.


Der Papst belegt ihn jedoch mit einem Bannfluch und schreibt: Nichts Wünschenswerteres kann sich ereignen, als dass sich einer von der Kirche lossagt, der aus so vielen Gründen verdient, hinausgeworfen zu werden. Talleyrand ist geradezu entzückt, hinausgeworfen zu werden: Am 13. Mai 1791 erscheint das päpstliche Breve im Moniteur, und am selben Tag noch sendet er ein Billet an den Duc de Biron, einen seiner Freunde: Haben Sie schon die Neuigkeit gehört: Exkommunikation! Kommen Sie, um mich zu trösten und um mit mir zu soupieren. Jeder soll mir Wasser und Feuer verweigern, so werden wir heute Abend nur kaltes Fleisch und geeisten Wein haben.


Der Papst gewährt ihm sogar noch eine Gnadenfrist. Noch im März 1792 schickt er seinem abtrünnigen Schäfchen einen privaten Brief, in dem er ihm 60 Tage Zeit gibt, seine Irrtümer rückgängig zu machen und seine Sünden zu bereuen. Sollte er dieser Aufforderung nicht innerhalb der gesetzten Frist nachkommen, drohe ihm die Exkommunikation und der endgültige Ausschluss aus der heiligen römisch-katholischen Kirche. Er kommt der Aufforderung nicht nach. Und als die 60tägige Frist verstrichen ist, macht Papst Pius VI. seine Drohung schließlich wahr und exkommuniziert ihn.

Er ist frei.





Dreiundzwanzig Jahre sind vergangen, seit Charles-Daniel seinen Sohn aufgrund seiner Behinderung enterbt, dreiundzwanzig Jahre, seit Onkel Alexandre-Angélique seinen Neffen in seinem Palais in Reims willkommen geheißen und dem entsetzten Jugendlichen als Begrüßungsgeschenk eine schwarze Soutane und ein wertvolles Brustkreuz überreicht hat.

Er wollte nicht Priester werden. Unglücklich und unwillig beugte er sich einem Zwang, dem er nicht entkommen zu können glaubte; vielleicht gab es wirklich keinen Ausweg. Und er wusste, er sagte es ihnen, wieder und wieder, dass er dazu nicht geeignet sei und nicht die geringste Neigung zu diesem Beruf verspüre. Sie wollten nicht hören. Er solle es doch einfach als einen Weg zur Macht sehen, versuchte sein Onkel dem Fünfzehnjährigen eine Karriere in der Kirche schmackhaft zu machen.

Kann man ihm wirklich verübeln, dass er genau das getan hat?