Vom Emigrant zum Außenminister
Der Weg nach oben

Am 21. September 1796 kehrte Talleyrand nach fast vierjährigem Exil nach Paris zurück - zwar offiziell rehabilitiert, aber nahezu mittellos und ohne jegliche Macht. Am 17. Juli 1797, weniger als ein Jahr später, ernannte ihn Paul Barras zum Außenminister. Ein beispielloser Karrieresprung, zu dem Vorträge über Wirtschaftspolitik, eine Selbstmorddrohung, ein ertrunkener Liebhaber, Germaine de Staël und große Schauspielkunst beitrugen.

Der Weg nach oben


Der Weg nach oben – Ein Drama in drei Akten


1.Akt

Seit September 1796 wohnt Talleyrand nun also wieder in der Stadt, in der er geboren und aufgewachsen ist, und in der er Karriere gemacht hat, bis die Revolution sein altes Leben beendete. Das Exil war eine Nullrunde, vier Jahre Armut und Machtlosigkeit und Nichtstun. Jetzt scheint der Weg nach oben wieder frei, aber wie immer wird kein Schritt getan, ohne ihn genauestens vorbereitet und bedachtsam geplant zu haben.


Und Paris hat sich verändert. Die Gesellschaft hat sich verändert. Die Stadt ist schmutzig, verwahrlost, viele Häuser zerstört. In den Straßen drängen sich Bettler, die Menschen hungern, wieder einmal. Die überlebenden Aristrokraten feiern das Leben; nie wurden mehr Bälle, mehr Feste veranstaltet, als in diesen ersten Jahren nach dem Ende des Terrors 1794. Die Reichen und Mächtigen tragen nicht mehr unbedingt ein ‚de’ im Namen. Frauen in einem Nichts von Kleid tanzen auf den Trümmern und tragen ihre Haare ‚á la victime’, kinnlang. Man hatte den Damen die Haare im Nacken abgeschnitten, bevor das Messer der Guillotine ihre Köpfe vom Hals trennte, und nun gilt der Haarschnitt als chique bei denen, die ihre Haare und ihren Kopf behalten durften. Weil verknitterte Hemden ebenfalls en vogue sind, lässt der Mann von Welt seinen Diener darin schlafen, bevor er sie trägt.


Dieser Tanz über dem Abgrund wird regiert von fünf Männern, Paul Barras, Jean-François Rewbell, Louis-Marie de La Révellière-Lépeaux, Lazare Nicolas Marguerite Carnot, und François de Barthélemy, die wenig dafür tun, die fragile öffentliche Ordnung zu stabilisieren und viel dafür, ihre eigenen Taschen zu füllen. Und sie wird beobachtet von einem, der staunt und schweigt und sich und die Welt langsam und sorgfältig darauf vorbereitet, sie wieder zu erobern.


Er beginnt damit, gar nichts zu tun. Zunächst wohnt er bei seiner alten Freundin Madame de Boufflers, dann bei General d’Arcon – sehr zum Leidwesen von Germaine de Staël, die fest damit gerechnet hatte, dass er nach seiner Rückkehr bei ihr Unterschlupf suchen würde – und orientiert sich. Alte Freundschaften werden wiederbelebt und neue Kontakte geknüpft; er ist sanftmütig und freundlich und ein bisschen träge, und wenig deutet darauf hin, dass er nichts als seine Rückkehr an die Macht im Sinn hat. Und dann kommt der Tag, an dem der Löwe aus dem Schlummer erwacht und zum Sprung ansetzt. Es folgt des Dramas


2.Akt


Am 4. April 1797 hält der zurückgekehrte Ex-Exilant eine öffentliche Vorlesung im Institut Français. Er spricht über „Die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika“; der Inhalt seiner Rede entspricht im Wesentlichen dem des Memorandums, das er an den Lord of Lansdowne geschickt hat: Er legt dar, wie freie und gerechte Marktwirtschaft zu wachsendem Wohlstand und dauerhaftem Frieden zwischen den Nationen führen kann.


Sein Vortrag wird mit frenetischem Beifall bedacht und am nächsten Tag in den Zeitungen in den höchsten Tönen gelobt. Wie eloquent er gesprochen habe, wie grazil und anmutig seine Handbewegungen gewesen seien, wie elegant seine Kleidung, wie kunstvoll seine Frisur. Was er nun genau über die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika zu berichten gewusst hatte, tritt dabei ein wenig in den Hintergrund, aber das ist ihm Recht, denn darum ging es ja auch nicht, sondern um eine glanzvolle Rückkehr in das öffentliche Bewusstsein. Und das ist ihm gelungen. Mit Sternchen und Lorbeerkranz. Er muss den Vortrag vor dem Spiegel einstudiert haben, denn eigentlich ist er kein besonders begabter Redner – seine Begabung liegt in der Konversation. Er kann ein Gespräch führen, er kann unterhaltsam plaudern, er kann besser als irgend jemand anderes zuhören. Ein Demagoge ist er jedoch nicht gerade.


Nun aber hat dieser doch recht wenig volksnahe Aristokrat im postrevolutionären Paris die beste Publicity, die er sich nur hat wünschen können. Er hat die Menschen mit Stil und Eloquenz bezaubert und dabei die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika auf’s Präziseste analysiert: Der Mann versteht etwas vom Welthandel!


Um diese Ansicht zu festigen, setzt er wenig später, am 3. Juli, noch eins drauf und hält einen Vortrag über die Beziehungen Frankreichs zu seinen Kolonien. Er rät dazu, sich von Amerika abzuwenden, das zu weit entfernt, zu teuer und noch dazu von Großbritannien bedroht wird, und sich auf Marokko, Algerien und vor allem Ägypten zu konzentrieren. Dabei plädiert er für einen respektvollen Umgang mit Land und Leuten: Keine Ausbeutung, sondern der Aufbau einer florierenden Wirtschaft, die auf beidseitigem Interesse beruht, sei anzustreben und das Mutterland als eine beschützende Macht zu betrachten, die Frieden und Wohlstand bringt. Wie das allerdings zu bewerkstelligen sei, wie man die Länder zu erobern und die dort einheimische Bevölkerung davon zu überzeugen habe, dass es in ihrem Interesse sei, eine französische Kolonie zu werden, verrät er nicht. Hier zeigt sich sehr deutlich eine gewisse Praxisferne, was militärische Unternehmungen angeht, und das wird sich auch niemals ändern: Talleyrand ist ein ‚unverbesserlicher Zivilist’, wie Napoleon ihn später einmal nennt.


Dennoch wird auch diese Rede mit Begeisterung aufgenommen. Wer träumt nicht von Frieden und Wohlstand? Es sind Talleyrands erklärte Ziele, sowohl privat für sich selbst, als auch für Frankreich. Auch das wird immer so bleiben.


Beflügelt vom Erfolg seiner Vortragsreihe will er eine dritte Vorlesung halten, diesmal über „Die Rolle der Salons in der jüngeren Geschichte“, lässt sich aber glücklicherweise von Freunden davon abhalten – zu frisch ist die Erinnerung an die Revolution und die Zeit davor. Das Volk liebt ihn wieder, das gilt es nun nicht durch Anspielungen auf die aristokratischen Protagonisten der Revolution auf’s Spiel zu setzen. Außerdem wird es Zeit, den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen. Nun wird der Plan, das Finanzministerium zu erobern, konkreter.


Warum das Finanzministerium? Talleyrand findet, dass es seiner Begabung und seinen Fähigkeiten im größten Maße entspricht – 1797 ist er wohl das, was man heute einen Wirtschaftswissenschaftler nennen würde. Zehn Jahre lang hat er Erfahrung mit der praktischen Verwaltung des Fiskus der Kirche gesammelt, er kennt sich mit dem internationalen Bank- und Handelswesen aus, er hat ein Händchen für Finanzen. Und er liebt Geld auch auf seinem eigenen Konto. Da erscheint das Finanzministerium wie geschaffen für ihn. Relativ gefahrlos lässt es sich da reich werden, und mit viel Arbeit scheint es ihm auch nicht einherzugehen. Das ist gut, denn er ist kein großer Freund von anstrengender Arbeit.


Eine Alternative wäre das Außenministerium, mit dem Ausland kennt er sich schließlich auch aus. Außerdem besteht bereits eine gewisse, wenn auch sehr persönliche Beziehung zu diesem Amt: Mit der Frau des derzeitigen Außenministers, Charles Delacroix, unterhält Talleyrand eine Liaison, welcher bald sogar ein Kind entspringt: Eugene Delacroix, der später ein gefeierter und von ihm sehr geförderter Maler wird.


Die Leitung des Auswärtigen Amtes ist jedoch mit erheblich mehr Aufwand und Risiko verbunden, und eigentlich ist ihm das zu anstrengend.


Letzten Endes spielt es aber keine Rolle, jede Position ist Recht, wenn sie ihn nach oben führt. Und just im Juli 1797 müssen fünf Ämter neu besetzt werden. Schwierig ist es nun nur, den Verantwortlichen klar zu machen, dass ausgerechnet er der beste Kandidat für all diese Ämter ist, jubelnde Reporter hin oder her – Talleyrand kennt die Herren Direktoren nicht persönlich, und diese haben größte Ressentiments ihm gegenüber. Es steht ihm sein Ruf, lasterhaft und durchtrieben zu sein im Weg, da hilft auch Wissen und Klugheit wenig - und schon einmal gar nicht Eleganz und Stil, denn das ist genau das, was die neuen Machthaber nicht haben, niemals haben werden, und aus tiefstem Herzen verabscheuen.

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 Jean-François Rewbel

Vor allem Rewbell hasst Talleyrand, und verspritzt Gift und Galle: „Er ist ein Hinkefuß, ein Krüppel, ein Mensch, der nur über einen Teil seiner Gliedmaßen verfügt und sich kaum auf zwei ausgezehrten Knochen zu halten vermag. Er ist ein lebender Toter, für den es gar keine Entschuldigung gibt, wo es für andere noch eine gäbe. Ein gepuderter Lakai des Anciene Régime, die personifizierte Korruption,...“ Jean-François Rewbell wird es sich zur Aufgabe machen, Talleyrand so respektlos zu behandeln, wie er nur kann. Das wird eines Tages sogar dazu führen, dass er ihn mehrere Stunden in eine kleine Kammer einsperrt, bevor er ihn wie einen unartigen Schuljungen nach Hause schickt.


 

Aber das Direktorium besteht ja aus noch mehr Männern. Zum Beispiel aus Paul Barras, und da erscheint es wie ein Wink des Schicksals, dass dieser ein Verhältnis mit einer Dame hat, die zu dieser Zeit noch immer eine enge Freundin Talleyrands ist: Germaine de Staël.


Der einzige Weg zu Barras und damit in irgend ein Ministerium führt über Germaine, und diese muss nun damit beauftragt werden, sich für ihn einzusetzen. Das ist nicht ganz einfach, denn er hat sie in den letzten Monaten ein bisschen vernachlässigt. Sie fühlt sich zurückkesetzt und sieht eigentlich nicht ein, warum sie schon wieder etwas für ihn tun soll, wo doch so wenig Dankbarkeit von seiner Seite zu spüren ist. Bei all dem, was sie schon für ihn getan hat – schließlich hat er es ihr zu verdanken, dass er nach Frankreich zurückkehren konnte.


Germaines Herz muss also erst ein wenig erweicht werden. Er kennt sie, und er weiß, wie er sie kriegen kann. Was jetzt kommt, ist wirklich großes Theater.


3. Akt


Unglücklich sitzt er auf ihrem Sofa und starrt missmutig ins Leere. Was los ist, will sie wissen. Er hat kein Geld, verrät er ihr. Das ist nichts Neues, und so oft, wie er sie gefragt hat, ob sie ihm Geld leihen kann, so oft hat sie auch schon abgeleht. Auch sie kennt ihn, sie weiß, dass er ein Meister im Geldausgeben ist, und dass das meiste davon an irgendwelchen Spieltischen verjubelt wird. Er hält ihr seine geöffnete Geldbörse unter die Nase, „Da, sieh nur, diese 25 Louisdor sind alles, was ich noch habe!“ Was sich sonst noch einmal in dieser Geldbörse befunden hatte, hat er in der Tat nur kurz zuvor beim Whist verloren, aber das muss sie ja nicht wissen.


Germaine ist jedoch noch nicht angemessen gerührt, weshalb stärkere Geschütze aufgefahren werden müssen. Er hat schon oft an ihr Mitleid appelliert, aber nun tut er etwas, das er in seinem Leben nicht sehr oft tut: Er bringt seine Behinderung aufs Tapet. „Germaine, Du weißt, dass ich nicht zu Fuß gehen kann, ich brauche wenigstens eine Kutsche!“, ruft er, und jetzt hat er sie da, wo er sie haben will. Denn der verkrüppelte Fuß, den er ihr da in Erinnerung ruft, steht nicht nur für die alltäglichen Einschränkungen und die Schmerzen, unter denen er zu leiden hat. Er steht auch für die Einsamkeit seiner Kindheit und die Lieblosigkeit seiner Eltern, dass man ihn verstoßen und dass er nie das bekommen hat, was er sich wünschte. Und natürlich will sich Germaine nicht in die Reihe derer einreihen, die ihm versagten, was ihm aufgrund seiner Geburt zustand. Sie liebt ihn, und sie will, dass er sich nicht schon wieder ungeliebt und verstoßen fühlen muss, dass er dieses eine Mal bekommt, was er will.


Wenn ich nicht bald irgendwoher Geld bekomme, schieße ich mir das Hirn aus dem Kopf!“, bekräftigt er seine Verzweiflung, und ob sie diese Selbstmorddrohung ernst nimmt oder nicht, sie verspricht ihm, sich mit allen Mitteln bei Barras für ihn einzusetzen. Zufrieden geht er nach Hause und wartet, was passiert.


Die Theatralik dieses Auftritts wird nur noch von dem Germaines bei Paul Barras übertroffen. Sie weint und rauft sich die Haare, sie wirft sich vor ihm zu Boden, sie bettelt und fleht ihn an, ihrem armen, vom Schicksal so arg gebeutelten Freund eine Chance zu geben, „Man hat ihn schon so oft benachteiligt und übergangen, Sie können ihm das nicht antun!“ Barras’ Mitleid mit dem vom Schicksal Gebeutelten hält sich in Grenzen, aber er verspricht ihr, ihn zumindest in Betracht zu ziehen. Um ihn vorher wenigstens einmal persönlich kennen zu lernen, lädt er ihn zum Mittagessen in sein Landhaus in Suresnes ein. Jetzt ist es wieder an Talleyrand, sein Schauspielkönnen unter Beweis zu stellen, und es bietet sich ihm die perfekte Kulisse, in der er agieren kann.


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 Paul Barras



Er ist ein bisschen zu früh, und deshalb bittet man ihn, in der Bibliothek zu warten, was er gerne und geduldig tut. Zwei junge Männer kommen kurz herein, fröhlich lachend und gut gelaunt, sehen auf die Uhr und stellen einhellig fest, dass noch genug Zeit ist, ein wenig schwimmen zu gehen. Es ist ein wunderbarer, warmer Sommertag. Nur wenig später hört Talleyrand durch das geöffnete Fenster aufgeregtes Rufen und Schreien, er eilt in den Garten und erfährt, dass einer der beiden, Barras’ Sekretär Raymond, an diesem wunderbaren, warmen Sommertag beim Baden in der Seine in einen Strudel geraten und ertrunken ist.


Talleyrand weiß, wer der junge Mann ist. Paul Barras macht in der Liebe wenig Unterschiede zwischen Männern und Frauen, und Raymond stand in einem sehr ähnlichen Verhältnis zu ihm, wie etwa Germaine de Staël. Entsprechend erschüttert ist Barras über den Tod seines Liebhabers. Talleyrand sucht den Unglücklichen, und nun erweist sich seine Ausbildung zum Priester als ein Segen. Derart ausgeprägte Seelsorgerqualitäten hätte er sich vermutlich selbst nicht zugetraut, aber er findet die richtigen Worte. Worte, die von Herzen zu kommen scheinen, verständnisvolle, tröstende Worte; er trocknet Barras’ Tränen und nimmt ihn damit voll und ganz für sich ein.


Nur wenige Tage später, am 17. Juli - Talleyrand wohnt passenderweise gerade einer Theateraufführung bei - erreicht ihn die Nachricht, Barras habe ihn soeben zum Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Drei zu zwei hat das Direktorium abgestimmt, La Révellière-Lépeaux und natürlich Rewbell haben sich gegen ihn ausgesprochen. Egal, das Ziel ist erreicht, und auf dem Weg zu Barras, auf dem ihn Benjamin Constant und Boniface de Castellane begleiten, steigert sich Talleyrand in einen Zustand herein, in dem man ihn gewöhnlich nicht kennt. Hin und wieder bröckelt die Fassade des blasierten, gelangweilten Grandseigneurs, und dann brechen jahrelang unter Verschluss gehaltene Gefühle hervor, anscheinend unkontrollierbar und sehr irritierend für die Zeugen dieser seltenen Vorkommnisse.


Die Stellung ist erreicht, jetzt werde ich ein unglaubliches Vermögen anhäufen, une fortune immense, une fortune immense, une fortune immense... murmelt er ohne Unterlass, wobei er seinen rechts und links von ihm sitzenden Freunden im Takt der Kutschenräder und dieses seltsamen Mantras auf die Schenkel schlägt. Une fortune immense, Geld, endlich Geld, das ist alles, was ihm auf dem Weg zu Barras durch den Kopf geht.


Vielleicht ist diese Anekdote die Erfindung von Benjamin Constant, der später Germaine de Staëls Partei gegen Talleyrand ergreifen wird, oder Talleyrand verwandelt sich in diesem Moment wieder in den fünfzehnjährigen Jungen, den seine Eltern zwingen, eine Soutane zu tragen, weil sie es sich nicht leisten können, ihrem behinderten Sohn eine andere Zukunft zu ermöglichen. Daraus nämlich hat er eine Lehre gezogen: Geld ist das einzige, was Unfreiheit und Abhängigkeit verhindern kann. Geld macht frei, und Geld macht glücklich. Das muss so sein, denn kein Geld zu haben macht unglücklich, das weiß er nur zu gut. Und nun ist er auf dem besten Weg, sehr reich zu werden. Une fortune immense wartet auf ihn.


Bei Barras angekommen, fällt er diesem um den Hals. Er fällt auch allen anderen Leuten um den Hals, denen er in Barras’ Haus begegnet; sogar ein am Fuße der Treppe wartender Lakai und der Portier werden in diesem Taumel der Glückseligkeit umarmt und geküsst.


 

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 Talleyrand als Außenminister unter dem Direktorium

Die mit dem Amt daherkommende Wirklichkeit, die ebenso überraschende wie absolute Machtlosigkeit, mit der er sich unter dem Direktorium konfrontiert sieht, ist ernüchternd. Er wird schikaniert und gegängelt, und noch dazu lässt die fortune immense auf sich warten: Er wird allen Ernstes in Naturalien bezahlt. Was soll er mit all den Lagerhallen voller Weizen, der nun ihm gehört? Diese Unanehmlichkeiten halten ihn allerdings nicht davon ab, in den ersten vier Wochen seines Außenministerdaseins das 25fache des Jahresetats seines Vorgängers auszugeben: Gekleckert wird nicht im Hause Talleyrand.


Trotzdem ist seine Lage noch sehr viel weniger erfreulich, als er es sich vorgestellt hat. Lange Zeit beißt er die Zähne zusammen, dann kommt er aber zu dem Schluss, dass es so nicht weiter gehen kann. Und so beginnt er einen Briefwechsel mit einem erfolgreichen jungen General korsischer Abstammung, dem 27 Jahre alten Napoleone Buonaparte, oder Napoléon Bonaparte, wie er sich nennt, der soeben in Italien gegen die Österreicher kämpft. Es wird bis zum 6. Dezember 1798 dauern, bis er diesem Bonaparte zum ersten Mal tatsächlich begegnet. Diese Begegnung, das Zusammentreffen dieser beiden Männer, wird nicht nur ihrer beider Leben verändern. Es wird das Gesicht Europas verändern. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll an anderer Stelle erzählt werden.