Talleyrands Exil
Im Folgenden möchte ich eine recht wenig beachtete Zeit beschreiben: Die vier Jahre, die Talleyrand im Exil verbrachte. Dieser Abschnitt seines Lebens wird in vielen Biographien mit einigen wenigen Sätzen abgehandelt, und tatsächlich erscheint er auf den ersten Blick uninteressant, da Talleyrand damals über keinerlei politische Macht verfügte und im Wesentlichen nichts tat, als darauf zu warten, dass sich die Dinge in Frankreich wieder zu seinen Gunsten änderten. Aber genau deshalb, weil wir es hier nicht mit dem taktierenden Politiker, dem intriganten Diplomaten zu tun haben, erlaubt uns diese Zeit, einen Blick auf den Menschen Talleyrand zu werfen. Und das, so meine ich, macht diese Zeit wert, genauer betrachtet zu werden.


England (1792 bis 1794)

Sieben Tage lang sitzt er in dem Vorzimmer. In Lederhosen, hohen Stiefeln, einer kurzschößigen Jacke, zusammengebundenen Haaren und einem kleinen runden Hut - in Reisekleidung also. Er kommt morgens um sieben, und dann wartet er. Bis nachts um zwei, dann schickt man ihn heim. Sechs Mal, und jedes Mal ist er morgens um sieben wieder da. Er wartet geduldig, aber er ist angespannt: Wenn Talleyrand in seinem Leben einmal wirklich Angst gehabt hat, dann an diesen sieben Tagen Anfang September 1792. Denn es geht um sein Leben.

Er will nach London. Dort war er zu Beginn des Jahres schon und hat sich vergeblich bemüht, die Engländer vom Nutzen des Dezimalsystems zu überzeugen. Bereits am 10. August hat er sich Danton als Gesandter in derselben diplomatischen Mission empfohlen. Danton hat zugestimmt, nur der Pass fehlt noch. Aber Danton lässt ihn warten. Beide wissen, dass der Grund für die Reise nicht das Dezimalsystem ist.

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 Talleyrand kurz vor seiner Flucht
aus Frankreich 1792

Warum lässt Danton ihn nicht vor? Will er seine Macht auskosten, die Macht des kleinen Rechtsanwalts aus der Provinz über einen Vertreter des (nicht mehr exisitierenden) Hochadels, der mit versteinertem Gesicht und schweißnassen Händen vor ihm steht und um sein Leben bittet? Oder hat Danton wirklich zu viel zu tun? Denn die Ereignisse überschlagen sich; draußen fließt Blut.

Am siebten Tag erhält er seinen Pass. Danton hat ihm seinen Hinkefuß eingetragen und die ärgerlichen Worte ‘aufgeworfene Nase’. Keine Zeit für Eitelkeiten, die Kutsche steht bereit, er kehrt nicht noch einmal in sein Haus zurück.

Er hat die Form gewahrt. Sein Stolz hätte es nicht zugelassen, sich so wie sein Freund Louis de Narbonne unter dem Altar der Hauskapelle in der Schwedischen Botschaft zu verstecken, um am nächsten Tag über die Belgische Grenze zu fliehen. Er selbst hat ihn dort hin gebracht, ist aber, statt Narbonne weiter zu begleiten, wieder nach Paris zurückgekehrt. Ein Périgord flieht nicht. Jedenfalls nicht heimlich, still und leise: Er lässt sich von der Regierung, vor der er flüchtet, mit einer diplomatischen Mission betrauen.

Und er weiß, dass es sich um sehr viel mehr handelt, als eine etwas elegantere Art, Hals über Kopf das Land zu verlassen. Die sieben Tag ein Dantons Vorzimmer werden sich dereinst gelohnt haben: Denn genau diese als diplomatische Mission getarnte Flucht ist das Hintertürchen, das es ihm eines Tages ermöglichen wird, wieder heimzukehren.

Am 24. September kommt er in London an. Viel hat er nicht mitnehmen können, Kleidung, Schriftstücke, etwas Geld, Diamanten. Seine Bibliothek - er liebt Bücher - hat er in weiser Voraussicht bereits im Sommer nach London verschickt. Und sein treuer Diener Courtiade, den er 1788 eingestellt hatte, begleitet ihn. Er wird ihn auch noch weitere 38 Jahre begleiten.

In London angekommen kauft er ein Haus in der Woodstock Street. Außer seinem Kammerdiener hat er keine Bediensteten, zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben. Madame de la Châtre, die Geliebte (und spätere Frau) seines Freundes François-Arnail de Jaucourt, nimmt sich seiner an und sorgt für seinen Haushalt und auch für sein sonstiges Wohlergehen.

Seine Freundin Adélaïde de Flahaut, die Mutter seines Sohnes, wohnt nicht fern von ihm, in der Half Moon Street. Sie lebt mehr schlecht als recht davon, Strohhüte zu flechten. Talleyrand ermutigt sie, den Roman, den sie bereits in Paris begonnen hatte, fortzusetzen. Was sie tagsüber schreibt, liest er nachts Korrektur. Der Roman, Adèle de Sénange, wird ein Erfolg.

Adelaide de Flahaut 
 Adélaide de Flahaut
Er selbst schreibt Tagebuch, und er schreibt an einer Biographie des Herzogs von Orleans, Philippe Égalité. Er investiert sehr viel Zeit und Arbeit in dieses Projekt. Geld bringt es ihm nicht ein.

Geld ist ein Problem: Er hat fast keins. Das wenige, das er besitzt, gibt er für Freunde aus: Er unterstützt die gerade frisch in London Angekommenen, lässt sie bei sich wohnen und füttert sie durch, bis sie eine Unterkunft und ein Auskommen gefunden haben. Sein Haus wird zum Treffpunkt für alle die, mit denen er auch in Paris am liebsten seine freie Zeit verbracht hat. Narbonne ist dabei, Jaucourt, Bon-Albert Brios de Beaumetz, Mathieu de Montmorency. Und die Damen, Madame de la Châtre, die Princesse d'Hénin, Madame de Genlis, Adélaïde de Flahaut. Und viele, viele andere, die auf seine Kosten leben.

Madame de Genlis gibt bescheidene Abendgesellschaften, bei denen nicht das Essen die Hauptattraktion ist, sondern sein Unterhaltungstalent geboten wird: Er ist klug, charmant, geistreich, gebildet, man fühlt sich wohl in seiner Gesellschaft, und dass man Strohhüte flechten muss, um zu überleben und die Tafel zwangsläufig äußerst frugal ist, lässt sich ansolchen Abenden glatt vergessen.

Außerhalb dieses kleines Kreises von Freunden wird ihm weniger wohlwollend begegnet.

Für die monarchistischen Flüchtlinge, les pures, jene, die bereits 1789 geflohen waren, und alle, die ihnen nahestehen, ist der revolutionäre - gar im Auftrag der französischen Regierung nach London gekommene - exkommunizierte Ex-Bischof der Teufel in Menschengestalt. Man macht ihn für die Revolution verantwortlich und damit für das eigene Unglck. Und man begegnet ihm mit äußerster Feindseligkeit.

Aber auch den Engländern ist er suspekt. Die Tories empfangen ihn nicht, die Whigs nur widerstrebend. Ein Vertreter des götzendienerischen, römisch-katholischen Papismus wäre schon schlimm genug. Dass dieser aber Frauen liebt und Karten spielt und an der Börse spekuliert, lässt ihn als das personifizierte Laster erscheinen. Außerdem können sie ihn nicht einschätzen: Er ist ihnen zu kühl, zu beherrscht, er entspricht nicht ihrem Bild eines typischen Franzosen. Man erwartet Lebhaftigkeit und Offenheit und findet Zurückhaltung, feinen Spott und leise Ironie, und deshalb hält man ihn für undurchsichtig und durchtrieben. Jede seiner Handlungen wird mit Argusaugen beobachtet. Ist er vielleicht ein Spion?

Politischen Einfluss hat er nicht. Zu Beginn versucht er, den Schein zu wahren, aber als der Nationalkonvent am 5. Dezember 1792 ein Dekret gegen ihn und eine Festnahmeverordnung erlässt, ist seine diplomatische Mission auch offiziell beendet. Er zieht sich vollkommen aus der Politik zurück.

Die beiden einzigen, die ihn nun noch bei sich empfangen, sind Charles Fox und Lord Shelbourne, Earl of Lansdowne - dieser bringt ihn auch mit interessanten Persönlichkeiten zusammen: Bei Lansdowne lernt er unter anderem George Canning kennen, Jeremy Bentham, Joseph Priestley (ob Talleyrand sich für die Elektrizität begeistern konnte?) und Lord Hastings.

Im Februar 1793 kommt Besuch. Und für eine Weile lebt der Zauber der alten Zeit wieder auf, die 1789 endgültig vorbei gewesen zu sein schien. Germaine de Staël, Baronesse de Holstein, Schriftstellerin und Frau des Schwedischen Botschafters in Paris, Geliebte von Louis de Narbonne - und ehemalige(?) Geliebte Talleyrands - reist nach England. Madame de Staël hat Geld, und sie mietet Juniper Hall, ein Landhaus in Surrey.

Dort, in der Nähe des kleinen Dörfchens Mickleham am River Mole, zwischen sanften Hügeln, von Hecken eingefriedeten Wiesen und Äckern, grasenden Schafen und weidenden Kühen, findet eine kleine Kolonie französischer Emigranten zusammen.


Juniper Hall ca. 1904 
 Juniper Hall, ca. 1904

Talleyrand gibt sein Haus in London nicht auf, wohnt aber dennoch meistens in Juniper Hall, und mit ihm Madame de la Châtre, Narbonne, Montmorency, Beaumetz, Jaucourt, Victor Malouet, die Brüder Lameth, der deutsche Doktor Bollmann, der Madame de Staël verehrt, und Alexandre d'Arblay. Letzterer wird am 28. Juni in der kleinen Dorfkirche von Mickleham der Schriftstellerin Fanny Burney sein Jawort geben, Narbonne wird Trauzeuge sein. Fanny Burny war einst Hofdame der englischen Königin und wohnt nun in Westhumble, dem Nachbardörfchen.

Soist also Fanny Burney häufig zu Besuch, oft begleitet von ihrer Schwester Susanna und deren Mann, Captain Molesworth Phillips, der zusammen mit James Cook die Welt umsegelt hatte. Auch sie leben in Westhumble.

Dort, in einem winzigen Cottage, haben sie auch Victor de Broglie und seine Familie untergebracht. Alles ist sehr schlicht und einfach, aber man hilft sich gegenseitig, und man vergnügt sich durchaus: Beim Boulespielen im Garten (Talleyrand, der natürlich nicht Boule spielen kann, sieht den anderen dabei zu), oder bei Ausflügen in die Umgebung, die man mit einen alten Einspänner unternimmt, den man gemeinsam gekauft hat. Auf dem Kutschbock des klapprigen Gefährts bemüht sich dann entweder Narbonne oder Talleyrand, es nicht in den Graben zu lenken. Darin sitzt Germaine de Staël und redet, die anderen reiten nebenher.

Talleyrand und Narbonne übertreffen sich darin, Germaine de Staël zu gefallen. Germaine liebt beide, und sie liebt auch Mathieu Montmorency. Dieser ist nicht ganz glücklich darüber, dass Narbonne auch noch immer ein Verhältnis mit Madame de Laval unterhält (mit der auch Talleyrand einst eine Liaison hatte) - denn Madame de Laval ist Montmorencys Mutter. Adélaïde de Flahaut ist eifersüchtig, Talleyrand geht angeln im River Mole.

Der Nachbar, James Lock of Norbury Park, sorgt für die Abendunterhaltung, die meistens darin besteht, gemeinsam zu essen und dann Lesungen zu veranstalten. Der Dramatiker Lally-Tolendal liest mit derart dröhnender Stimme aus seinen Theaterstücken vor, dass die Fensterscheiben klirren. Germaine de Staël liest aus dem Buch, das sie gerade schreibt: Über den Einfluss der Leidenschaften auf das Glück von Individuen und Nationen. Talleyrand bringt sie zum Weinen, als er danach zu ihr sagt: “Germaine, du liest Prosa sehr schlecht. Da ist so ein ganz seltsamer Singsang in deiner Stimme - so ein Rhytmus, gefolgt von einer monotonen Intonation, was überhaupt nicht gut ist. Es klingt, als würdest du ein Gedicht laut lesen. Das hat einen sehr schlechten Effekt.”

Germaine liebt ihn trotzdem.


Und Narbonne. Und Montmorency.

Germaine de Stael 
Germaine de Stael

Die Freizügigkeit der extrovertierten Dame stößt auf wenig Begeisterung bei Fanny Burneys Vater, und die Hochzeit mit Alexandre d'Arblay findet ohne Madame de Staël statt.

Im Herbst reist sie wieder ab und hinterlässt eine große Leere. Und bei Talleyrand Einsamkeit und gähnende Langeweile. Müde und ausgelaugt fühle er sich ohne sie, schreibt er ihr, und dass sie der einzige Mensch gewesen sei, mit dem man hier wirklich habe reden können. Er vermisse sie sehr.

Sie verspricht ihm, ein Haus am Genfer See für ihn zu suchen, so dass er in ihrer Nähe sein kann. Aber der calvinistischen Schweiz fällt es im Traum nicht ein, dem exkommunizierten Ex-Bischof von Autun Exil zu gewähren. Auch hat man in der Schweiz Angst vor Revolutionen, und Ex-Revolutionäre sind eben so wenig willkommen wie Ex-Bischöfe. Das Haus, das Germaine für ihn findet, wird er niemals beziehen.

Das Geld geht ihm aus. Noch immer gibt er den meisten Teil für die Unterstützung seiner Freunde aus, aber seine Gastfreundschaft einzuschränken kommt nicht in Frage. Schweren Herzens verkauft der Mann, der Bücher so sehr liebt, seine Bibliothek. Talleyrand ist sein Leben lang genau so freigiebig, wie er - unbestrittenerweise - geldgierig ist. Er liebt es, in Gesellschaft zu sein, und er zieht die Gesellschaft von Menschen der von Büchern vor.

Die Bibliothek wird bei Sotheby's versteigert, sie bringt ihm 750 Pfund ein. Das ist nicht sehr viel in Anbetracht seines Lebensstils, und schließlich sieht er sich gezwungen, sein Haus zu verkaufen. Er zieht in ein kleineres am Kensingon Square.

Den Engländern wird er mehr und mehr unheimlich. Vor allem dadurch, dass er überhaupt nichts tut.

Am 24. Januar 1794 bekommt er Besuch von zwei Herren in dunkelblauem Tuch, die mit ihren schweren Stiefeln Schnee und Schmutz auf seine Teppiche tragen. Sie überbringen ihm einen Brief. Es ist seine Ausweisung: Er hat eine Woche Zeit, das Land zu verlassen.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, diese Frist einzuhalten. Kein Land in Europa gewährt ihm Exil, auch nicht Russland, wohin sich sein Freund Auguste de Choiseul-Beaupré geflüchtet hat - denn Russland, Preussen und Österreich bilden eine Allianz mit England, dem Land, das ihn gerade ausgewiesen hat. Die anderen Länder fürchten dunkle Machenschaften und haben Angst vor ihm. Wohin? Er liebäugelt mit Indien, entscheidet sich dann aber doch für Amerika. Ein junges Land, ein interessantes politisches System - er will die Demokratie studieren - unendliche wirtschaftliche Möglichkeiten für einen Menschen mit finanziellem Weitblick.

Eine Woche, um eine Überfahrt zu buchen, eine Woche, um das Haus zuverkaufen und alles, was sich noch darin befindet (darum muss er aber dann gar keine Sorgen mehr machen, denn die englische Regierung konfisziert alle seine Besitztümer). Eine Woche, um Geschäftliches zu regeln und sich von seinen Freunden zu verabschieden. Er weiß nicht, ob es ein Abschied für immer ist.

Er bittet um Aufschub. Seine Briefe an den Innenminister, an den Premierminister, an den König bleiben unbeantwortet. In seiner Verzweiflung wendet er sich an William Windham, Lord of Wycombe - der ist nicht nur Adélaïde de Flahauts Geliebter, sondern steht auch der Regierung nahe. Und er erwirkt einen Aufschub der Frist um drei Wochen. 

Talleyrand mit Ausweisungsbefehl aus England 
Talleyrand mit seinem Ausweisungsbefehl aus England

Talleyrand bucht eine Überfahrt auf dem amerikanischen Frachtschiff Willam Penn. Sein Diener Courtiade begleitet ihn, und sein Freund Albert de Beaumetz. Im Gepäck hat er seine Kleidung, ein paar Schriftstücke, ein Empfehlungsschreiben vom Lord of Lansdowne, und einen Kreditbrief über 8000 Dollar.

Am 15. Februar soll die William Penn auslaufen, aber das Wetter ist schlecht, Sturm und Regen verhindern das Laden der Fracht. Die William Penn liegt in der Themse, Talleyrand liegt in seiner Koje - er hätte bei Freunden wohnen können, sie alle haben es ihm angeboten - aber man hat ihn des Landes verwiesen, und deshalb, um der Form genüge zu tun, aus Trotz, oder um das Unglück vollends auszukosten, bleibt er auf dem schwankenden Schiff. Die Freude der abendlichen Zusammenkünfte mit seinen Freunden lässt er sich allerdings nicht nehmen. Wer weiß schon, wann - und ob? - er sie wiedersehen wird?

In der Nacht zum 2. März schreibt er noch einmal an Germaine de Staël. Ich will hoffen, dass unsere Trennung nicht länger als ein Jahr andauert, schreibt er ihr, und, Adieu, liebe Freundin. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Seele. Am folgenden Tag verlässt die William Penn die Themse.

Weit kommt man nicht. Im Ärmelkanal gerät der Frachter in einen heftigen Sturm. Er havariert, und für einen bangen Moment sieht es so aus, als würde man auf die französische Küste zugetrieben. Das wäre nun nicht sehr viel besser, als unterzugehen. Im letzten Moment gelingt es dann aber doch irgendwie, den Hafen von Falmouth anzulaufen. Man ist in Sicherheit! Es dauert fast drei Wochen, das beschädigte Schiff wieder flott zu bekommen.

Es ist kalt, das Schiff schwankt, Talleyrand geht ins Wirtshaus. Dort trifft er eines Tages einen geheimnisvollen Amerikaner, mit dem er ins Gespräch kommt. Wer der Mann ist, erfährt er erst später - hätte er es gewusst, dann hätte er ihn sicher nicht so unverblümt um Empfehlungsschreiben ’an seine Freunde in Amerika’ gebeten. Der Amerikaner brüskiert ihn mit den Worten, “Ich bin wahrscheinlich der einzige Amerikaner, der ihnen keine Briefe für seine Heimat mitgeben kann. Alle meine Verwandten sind voneinander getrennt. Ich darf nie mehr nach Amerika zurückkehren.” - und geht. Der Wirt klärt den konsternierten Talleyrand auf: Bei dem Amerikaner handelte es sich um General Arnold. Ich muss gestehen, er tat mir bitter leid, schreibt Talleyrand später.

Am 20. März ist es endlich soweit, die William Penn ist wieder seetüchtig. England, Europa verschwindet hinter dem Horizont, und Talleyrand wird zunächst einmal sehr seekrank. Zehn lange Tage muss er leiden. Dann geht es ihm besser, und er entdeckt seine Liebe zur See: Die Einsamkeitund Isolation entspräche in besonderem Maße seinem Gemütszustand, bemerkt er.

Und als nach 48 Tagen Land in Sicht kommt, ist Ankommen das Letzte, was er will. Wenn er nicht in Frankreich sein kann, dann will er nirgendwo sein. Bis er wieder nach Paris zurückkehren und sein Leben neu ordnen kann, will er nichts tun, als das Meer zu betrachten. Denn im Niemandsland, der grenzenlosen Weite des Meeres, ist es, als existiere die Welt hinter dem Horizont nicht mehr. Alles wird unwichtig, Politik - und Macht und Geld, die er nicht mehr hat - spielen keine Rolle mehr.

Als man die Flussmündung des Delaware erreicht, umsegelt gerade ein unter Amerikanischer Flagge fahrender Frachter die Landzunge. Und als Talleyrand hört, dass das Ziel des Schiffes Westindien ist, lässt er sofort anfragen, ob man ihn wohl mitnehmen könne. Die lange Schiffsreise von vielen Wochen, mehr noch als das exotische Ziel, erscheinen als eine wundervolle Alternative zum Exil in Philadelphia. Aber es ist keine Kabine mehr frei, das Schiff ist bereits überbelegt.

So bleibt ihm keine andere Wahl: Am 11. Mai 1794 geht er in Philadelphia von Bord. Noch weiss er nicht, dass er mehr als zwei Jahre in Amerika bleiben wird.

Vereinigte Staaten von Amerika (1794 bis 1796)

Monsieur de Talleyrand-Périgord, einst Bischof von Autun und Vorsitzender der Nationalversammlung, findet sich in einer Mietwohnung wieder, zum ersten Mal in seinem Leben. North Third Street, keine schlechte Wohngegend. Aber angemessen kann ihm die Wohnung in einem roten Backsteinbau am Ende einer Sackgasse nicht erschienen sein.
Er hat den Menschen ihre Rechte und eine Verfassung gegeben, und was ist der Dank dafür?
Eine Mietwohnung in Philadelphia.

Sein Desinteresse an seiner neuen Umgebung ist so stark ausgeprägt, dass es ihm selbst nicht ganz geheuer vorkommt. Aber wie kann die schlichte Architektur dieser knapp 80.000 Einwohner zählenden Stadt einen Menschen begeistern, der fast sein gesamtes Leben in Paris verbracht hat?

Er will nicht ankommen, nicht bleiben. Nicht in Amerika, und nicht in Philadelphia.

Dennoch leistet er am 19. Mai den Eid auf die Verfassung. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur amerikanischen Staatsbürgerschaft: Jeder, den Eid geleistet und mindestens fünf Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hat – 13 an der Zahl – kann sie beantragen. Es ist schwer vorstellbar, dass Talleyrand plante, tatsächlich einmal Amerikaner zu werden. Vermutlich ist dieser Eid, den er vor dem Bürgermeister von Philadelphia geleistet hat, eines der vielen Hintertürchen, die er sich offengehalten hat – er konnte im Mai 1794 nicht wissen, wann, ja, sogar ob er jemals wieder nach Frankreich zurückkehren können würde. Außerdem muss ihm, der in seinem vierzigjährigen Leben schon mehr als einen Eid geleistet hat, nur um dann Zeuge seiner Vergänglichkeit zu werden, die Bedeutungslosigkeit von derartigen Schwüren spätestes jetzt sehr eindrücklich klar geworden sein. Auf einen mehr oder weniger kommt es da nicht an.

Vom Eideschwören allein kann man aber nicht leben, und von den 8.000 Dollar, die sein einziges verfügbares Kapital darstellen, auch nicht. Monsieur muss sich Arbeit suchen.

Das erweist sich als gar nicht so einfach. Die High Society in Philadelphia nimmt ihn keineswegs freundlich auf. Sein Ruf ist ihm vorausgeeilt und stößt auf wenig Begeisterung bei der bigotten, prüden Gesellschaft. Geschäfte kommen nicht zu Stande, Kredite werden ihm nicht gewährt, und dann widerfährt ihm die größte nur denkbare Demütigung: General Washington empfängt ihn nicht. Washington lässt ihn wissen, dass der französische Geschäftsträger, der Bürger Joseph Fauchet, gedroht hat, Frankreich werde die diplomatischen Beziehungen mit Amerika abbrechen, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten den exilierten Ex-Bischof von Autun empfängt. Der Mann, der wirklich nicht geizig ist mit Audienzen, empängt nicht jenen, der wohl am besten geeignet wäre, etwa die Finanzpolitik der USA maßgeblich zu leiten ... Talleyrand ist verärgert, beleidigt, ja, es kratzt am Selbstwertgefühl. An den Sitzungen des Kongresses teilzunehmen sei ihm ausdrücklich erlaubt, und man würde ihn ja durchaus gerne kennen lernen, eine Privataudienz sei schon denkbar – Wenn mir der Weg durch den Haupteingang versperrt ist, krieche ich nicht durch die Hintertür, ist seine Antwort. Mit Hintertüren hat er sonst weniger Probleme – in diesem Fall ist es wohl eher der verletzte Stolz, sich seiner vormaligen Stellung beraubt zusehen: Dem Bürger Fauchet, diesem willfähigen Sklaven seiner jakobinischen Anhänger in Philadelphia und New York, misst man mehr Bedeutung bei als dem ehemaligen Vorsitzenden der Nationalversammlung Frankreichs!

Also bleibt der Weg zur Macht vorerst verschlossen. Und, was viel schlimmer ist, noch immer sind keine Einkünfte in Sicht. Wer in Amerika reich werden will, braucht Kapital. Talleyrand würde gerne an der Börse spekulieren, sich mit Warengeschäften über Wasser halten; alles ist recht – und alles ist unmöglich, denn es mangelt ihm am dazu nötigen Geld. Er bittet Bordieu, Cholet & Bordieu, eine in London ansässige Bank, ihm einen Kredit zu gewähren (sie werden ihn ablehnen), und erschreibt einen Brief an seine Freundin Germaine de Staël, sie möge ihm doch bitte Geld leihen – sie wird es ablehnen. Bis er die Antworten erhält, werden jedoch Monate ins Land gehen, und das Geld, das wenige, das er noch hat, wird knapp. Schon reicht es nicht mehr für eine Überfahrt nach Kalkutta – eine Möglichkeit, die er nie aus den Augen verloren hatte.

Unterdessen erfreut er sich an Gesellschaft, die recht wenig zu tun hat mit jener, die von amerikanischen Fabrikanten, Gutsbesitzern und jeder anderen Sorte von Neureichen gestellt wird. Unter diesen hat er nur einen einzigen Freund gefunden: Den früheren Adjutanten General Washingtons, der jetzt Finanzminister ist und gleichzeitig als Kabinettssekretär fungiert: Alexander Hamilton. Den Zutritt zu Hamilton hat ihm Angelica Church verschafft, die er aus London kennt: Angelica Church ist die Schwester von Hamiltons Frau.

In Alexander Hamilton hat Talleyrand einen Gesinnungsgenossen gefunden. Endlich hat er einen Menschen getroffen, mit dem er sich wahrhaft unterhalten kann. Sie teilen die gleichen politischen Überzeugungen und haben ähnliche Verdienste in ihrer politischen Karriere, auf die sie mit Stolz zurückblicken können: Sie beide haben am Entwurf der Verfassung ihres Landes mitgewirkt. Beide sind sie Finanzexperten, die auf hohem Niveau Fachgespräche führen können. Und sie sind sich sympatisch.

Die Freundschaft mit Hamilton bleibt auf die Freude am gegenseitigen intellektuellen Austausch beschränkt – politisch profitiert Talleyrand nicht davon. Washington bleibt bei seiner Weigerung, ihn zu empfangen.

Ich erwähnte ‚die anderen’, jene, welche wenig mit der ‚besseren Gesellschaft’ zu tun haben. Der Mittelpunkt dieses illustren Zirkels ist eine Buchhandlung in der First Street. Dort gibt es auch Schreibwaren zu kaufen, Papier und Tinte und Federkiele und Löschsand, und im Hinterzimmer rattert und klappert meistens eine alte Druckerpresse vor sich hin. Die Buch- und Schreibwarenhandlung gehört Médéric Louis Moreau de St. Méry, der noch vor kurzem Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung gewesen war, wo er als Jurist Martinique vertreten hat, und sie ist der Treffpunkt von einer kleinen Gruppe französischer Emigranten, darunter der Vicomte de Noailles, der Duc de Liancourt, der Comte de Blacons. Und nun auch von Talleyrand und Beaumetz.

Wohl zum ersten Mal seit vielen Jahren kann Talleyrand hier die Maske fallenlassen, hinter der er glaubt, sich verbergen zu müssen. Hier geht es nicht um Politik, nicht um Macht, nicht um Geld (außer in den Gesprächen, die sich doch recht oft um die missliche Lage drehen, in der sie alle stecken: Um das Heimweh, das sie alle plagt, die schreckliche Situation in Frankreich, um den Geldmangel, unter dem sie leiden, die Zukunftsangst, die viele von ihnen nicht mehr ruhig schlafen lässt). Vor diesen Menschen kann er seine Gedanken äußern, kann Gefühle zeigen; es gibt keinen Grund, sich zu verstellen. Und hier, in der kleinen Buchhandlung eines Juristen aus Martinique, werden wir Zeuge einer seltenen und seltsamen Verwandlung. Sie beginnt, wenn Talleyrand den Laden betritt, wo St. Méry ihm den im gusseisernen Bullerofen zubereiteten Milchreis anbietet, wo er Madeira lieben lernt, wo man Karten spielt, sich rauft und balgt und herumalbert und lacht, und sich gebärdet wie Schuljungen, die zum ersten Mal Alkohol getrunken haben. Und wo Talleyrand immer auch dann noch sitzen bleibt, wenn alle anderen schon längst gegangen sind – so lange, bis Madame Moreau de St.Méry ihn hinauswirft mit der Begründung, er könne ja am nächsten Morgen den Faulpelz spielen und ausschlafen, während ihr Mann um sieben Uhr die Buchhandlung aufschließen müsse.

Diese seltsame Ersatzfamilie, die er sich da gesucht hat, ist ihm Trost in diesen einsamen, durch und durch erfolglosen Frühsommertagen seines Exils in Philadelphia, und sie wird es bis zum Schluss bleiben. 

Eines Tages begegnet ihm Théophile Cazenove. Und von diesem Tag an ändert sich einiges. Talleyrand kennt den gebürtigen Holländer noch aus Paris, wo er das Bankhaus seiner Geschwister vertreten hat. Hier in Philadelphia ist er der Generalbeauftragte der Holland Land Company, einer Holländischen Bodenspekulationsgesellschaft. Cazenove verschafft Talleyrand nicht nur Kontakte zu Bankiers und einflussreichen Geschäftsleuten, wie Robert Morris und William Bingham. Er macht ihm auch ein Angebot.

Ober sich vorstellen könne, für die Holland Land Company Land im Norden Maines zu aquirieren. Reisekosten werden ersetzt, Vertragsbasis: Provision im Verkaufsfall.

Talleyrand dürfte einigermaßen verblüfft ob dieses Vorschlags gewesen sein. Bislang hat er sich sicher nicht als Landaquisiteur gesehen, als Grundstücksmakler gewissermaßen – nicht als ein solcher, der das Land nur auf dem Papier erwirbt und wieder verkauft, sondern als einer, der es sich erst einmal sehr gründlich ansehen muss. Denn erkundet oder gar erschlossen ist in den Wäldern Maines gar nichts.

Die Entscheidung fällt ihm schwer. Sicher, das Angebot ist lockend: Endlich eine Aufgabe. Endlich eine Arbeit, endlich die Aussicht, Geld zu verdienen. Die Möglichkeit, der drückenden Sommerhitze Philadelphias und der nicht weniger drückenden Langeweile ihrer Gesellschaft zu entkommen. Die Möglichkeit, das Land kennen zu lernen, die Möglichkeit, ein Abenteuer zu erleben: Eines von jener Art, von welcher der sechzehnjährige Charles-Maurice im Dunkel der Bibliothek des Seminars von Saint-Sulpice einst träumte.

Die mit der Landerkundung verbundenen Risiken und Strapazen sind aber genauso groß, wie die Verlockung. Es gibt dort keine Wege, keine Pfade. Es gibt keine Städte, und wenn es Dörfer gibt, dann sind es winzige Ansammlungen mit Ochsenblut rot gestrichener Holzhäuschen, hier und da finden sich vereinzelte Blockhütten. Der Wald ist groß, er ist alt, und er ist wild. Urwald eben.

Talleyrand ist ein erfahrener Finanzfachmann. Er kennt sich hervorragend mit dem internationalen Bank- und Handelswesen aus, mit Aktien und Börsenspekulationen, er versteht etwas von Volkswirtschaft. Aber nichts hat ihn für die Aufgabe vorbereitet, unerschlossenes Land im Norden Amerikas zu erkunden. Er war nicht beim Militär, er geht nicht auf die Jagd, er kann sicher nicht (oder nicht sehr gut) reiten. Er kann nicht einmal besonders gut gehen.

Das sind nicht die besten Vorraussetzungen, um zu Pferde irgendwelche Urwälder zu erkunden. Und dennoch entschließt er sich dazu, es zu tun. Gemeinsam mit seinem treuen Diener Courtiade, mit Beaumetz und einem Abgesandten der Holland Land Company, dem neunzehnjährigen Harm Jan Huidekoper (oder Heydecoper), macht er sich auf den Weg in den Norden.

Über New York, wo Talleyrand am 4. Juli noch dem Umzug zur Feier des Unabhängigkeitstages beiwohnt und sich bei dieser Gelegenheit von Joseph Fauchet und seinen Gefolgsleuten in aller Öffentlichkeit anpöbeln lassen muss, geht es am 14. Juli mit einem Postschiff nach Boston. Dort wird noch alles noch Fehlende für die Expedition besorgt: Karten, Proviant, ein spezieller Sattel für Talleyrand, adäquate Kleidung: Man gewandet sich in das, was gemeinhin als Rifle Man’s Suit bekannt ist, Hose und Jacke aus Leder, mit Fransen besetzt und mit Ornamenten verziert, darunter schlichte Leinenwäsche. Ab jetzt ist Schluss mit Samt und Seide und Spitze, mit kunstvoller Ondulation und gepudertem Haar auf dem Kopf.

Weiter geht es gen Norden, wieder mit einem Postschiff – nach Machias, einem kleinen Ort an der Küste von Maine. Und hier lässt man endgültig die Zivilisation hinter sich.

Nun heißt es Bäume zählen (die Anzahl der Bäume pro Quadratmeter gibt Aufschluss über die Bonität des Bodens) und dem Luxus zu entsagen, denn in den Wäldern des Nordens kann man froh sein, wenn man eine einfache Unterkunft findet und nicht im Zelt schlafen muss. Talleyrand reitet durch die Wildnis, zecht mit Trappern, lässt sich von Eingeborenen Flüsse hoch schiffen, und er ist schockiert – soweit Talleyrand eben schockiert sein kann – von der unglaublichen Armut und Einfältigkeit der amerikanischen Siedler. Diese leben in den erbärmlichsten Hütten, in Schmutz und Elend, sind ungebildet und faul, und das Einzige, was sie beeindruckt, ist Reichtum: Als er einmal einen Wirt fragt, ob er denn schon einmal in Washington gewesen sei, weiß dieser nichts von dem Plan, den Sitz des Kongresses in eine neu gegründete Stadt am Ufer des Potamac zu verlegen, die der französische Ingenieur Pierre-Charles L'Enfant nach dem Vorbild von Versailles geplant hatte. Er ist noch nie in Philadelphia, der Hauptstadt der USA gewesen, er hat noch nie General Washington gesehen, zu dessen Ehren die neue Hauptstadt diesen Namen tragen soll. Weder die alte, noch die geplante neue Hauptstadt, noch der General Washington interessiert den Mann. Aber den Bankier Bingham, der doch so unermesslich reich sei, den würde er gerne einmal sehen.

Die Verehrung des Reichtums hat etwas Widerwärtiges an sich, wenn sich die meisten Menschen nicht einmal die einfachsten Dinge leisten können, schreibt Talleyrand. Nun mag man einwenden, dass diese Worte etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, zu dessen weniger rühmlichen Eigenschaften eine recht ausgeprägte Geldgier zählt.

Aber es ist nicht das Geld, nicht der Reichtum, dem die Bewunderung Talleyrands gilt. Geld hat man eben, wenn man jemand ist. Man braucht es, um stilvoll zu leben und das ist ihm wichtig, aber er versteht nicht, wie es ein Statussymbol sein kann. Der Status eines Menschen leitet sich für ihn aus seiner Stellung in der Gesellschaft ab, Macht und Erfog sind, was zählt – und Geld geht gemeinhin damit einher, es ist ein Symptom des Erfolges.

Die Amerikaner aber verehren das Geld um des Geldes willen, sie wollen reich sein und sind dabei doch niemals reich an Geist und Witz und Bildung, sie besitzen teure Möbel und haben doch keinen Geschmack, und das geht Talleyrand mehr und mehr auf die Nerven. Zweiunddreißig Religionen und nur eine einzige Sauce!, kommentiert er einmal eine der nahezu ungenießbaren Mahlzeiten.

Es gibt Ausnahmen. General Knox ist eine, über dessen Haus Talleyrand schreibt, es würde sogar in Europa als schön gelten. Er besucht Knox, weil dieser hoch verschuldet ist und ihm sehr viel daran liegt, sein Land zwischen den Flüssen Penobscot und Kennebec loszuwerden.

Anfang Oktober ist er zurück in New York – um sofort wieder aufzubrechen. Diesmal nach Albany, einer 6.000 Einwohner zählenden holländischen Siedlung, in der General Schuyler wohnt, der Vater von Angelica Church und Schwiegervater Alexander Hamiltons. Hier trifft er auf Thomas Law, den Sohn des Bischofs von Carlisle und ehemaliges Direktoriumsmitglied der Finanzkammer der Ostindienkompagnie.

Law schließt sich der Expedition an, die sich nun in Richtung der großen Seen aufmacht. Zunächst folgt man dem Lauf des Hudson nordwärts und biegt dann nach Westen auf den Mohawk Trail ab, die alte Militärstraße, die entlang des Mohawk River verläuft. Bis Fort Stanwix wäre der Weg sogar mit einem Wagen befahrbar, aber man  legt ihn dennoch zu Pferde zurück, da man ohnehin tiefer in die Wildnis vordringen will.

Die Witterungsbedingungen lassen die Reise nicht gerade zu einem Sonntagsausflug werden. Der Wintereinbruch kommt früh dieses Jahr, es ist kalt und regnerisch, die wenigen noch vorhandenen Wege verwandeln sich in Schlamm und Matsch. Der Expeditionsleiter entscheidet schließlich, die Unternehmung abzubrechen. Es hat keinen Sinn mehr; selbst wenn man die Niagarafälle noch erreichen sollte, dann kommt man vermutlich nicht mehr zurück - und so stark ist der Reiz des Abenteuers dann doch nicht, das man den Winter in irgend einer Blockhütte im Wald verbringen möchte.

Auch der General von Steuben, der am Ufer des Oneida-Sees in einer solchen Behausung wohnt, wird nicht mehr besucht – Talleyrand hätte ihn gerne getroffen, um zu erfahren, was einen verdienten General dazu bringt, seinen Lebensabend wie ein Bauer in einer armseligen Hütte zu verbringen – aber der Oneida-See liegt nicht auf dem Weg, und Talleyrand wird nie die Bekanntschaft von General von Steuben machen. Eine Nacht verbringt man in Cooperstown am Otsega-See, und ehe man sich’s versieht, ist man wieder zurück in Albany.

Ober denn die Familie de la Tour du Pin kenne, fragt General Schuyler nach ihrer Rückkehr. Eine Farm haben sie gekauft, in der Nähe von Troy, ob man sie nicht besuchen möchte? Talleyrand kennt die Marquise de la Tour du Pin seit ihrer Geburt, und natürlich stattet er ihr gerne einen Besuch ab. Er überrascht die nichtsahnende Dame beim Zerteilen eines Hammels und mit der Bemerkung, „Man kann einen Hammel sicher nicht mit erhabenerer Würde zerlegen“, und lädt die La Tour du Pins, deren „Farm“ nichts als eine um einen gemauerten Kamin herum errichtete Blockhütte ist, im Namen von General Schuyler zum Essen ein.

Als die kleine Gesellschaft bei Schuyler eintrifft, wartet eine Überraschung auf sie. Schuyler hat eine Zeitung, und in dieser Zeitung steht, dass man Robespierre hingerichtet hat. Diese Nachricht muss Jubel und Freudenschreie ausgelöst haben. Hoffnung, endlich wieder Hoffnung, dass sich doch alles wieder zum Guten wende, dass man zurückkehren kann, endlich heim, nach Hause! Seit der Hinrichtung Dantons, von der Talleyrand erst im September erfahren hat, hat man kaum noch an eine Heimkehr zu denken gewagt. Immer drückender wurde der Terror, das Land drohte zu versinken in Chaos und Blut, und schon mussten sich die Exilanten mit dem Gedanken anfreunden, vielleicht für immer in Amerika bleiben zu müssen. Talleyrand, der sich das für sich nicht vorstellen kann, hat schon wieder mit dem Gedanken gespielt, nach Indien auszuwandern.

Aber nun ist plötzlich alles anders, plötzlich scheint eine Heimkehr wieder denkbar, auch wenn es vielleicht noch Jahre dauern kann, bis sich die Situation so weit beruhigt hat, dass man sie tatsächlich in Angriff nehmen kann.

In der selben Zeitung, aus der Talleyrand von Robespierres unrühmlichem Ende erfährt, findet er allerdings noch eine andere Nachricht, die seine Freude über den Tod des Schreckensherrschers erheblich dämpft: Nur wenige Tage vor der Beendigung des Terrors ist seine Schwägerin auf der Guillotine gestorben. Archambaud de Talleyrand-Périgord lebt in London im Exil, seine Frau jedoch hat er in Paris zurückgelassen, damit sie – kraft ihrer Anwesenheit dort - das Haus vor der Konfiszierung bewahrt. Dies hat sich nun als keine besonders gute Idee erwiesen.

Talleyrand ist sehr betroffen von dem sinnlosen Tod von Madelaine Henriette Sabine de Talleyrand-Périgord, geborene Olivier de Sénozan de Viriville. Und sein erster Gedanke gilt ihren drei Kindern, die er zu sich holen möchte – zwar hat er Differenzen mit seinem Bruder, aber damit haben die Kinder schließlich nichts zu tun. Talleyrand hat ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl seiner Familie gegenüber – einer Familie, die ihm selbst niemals wirklich eine war. Er möchte die Kinder schützen, die nun elternlos irgendwo in Paris leben, und vielleicht spielt bei diesem Wunsch auch der Gedanke an seine eigene freudlose Kindheit eine Rolle – Archambaud de Talleyrand fällt es jedoch im Traum nicht ein, seine Kinder einem aus der Kutte gesprungenen Bischof anzuvertrauen, seiner Meinung nach sind sie dann wohl noch besser allein im revolutionären Paris aufgehoben.

Ende November ist Talleyrand wieder zurück in Philadelphia, wo er die Reise aufarbeitet – in Form eines ausführlichen Memorandums, das er an den Lord of Lansdowne sendet. Viel geändert hat sich nicht: Noch immer hat er kein Geld – die Landerkundung hat ihm ganze 69 Pfund eingebracht – noch immer bekommt er keine Kredite, noch immer wird er vom Präsidenten nicht empfangen, noch immer verbringt er seine Abende meistens in der Buchhandlung seines Freundes Moreau de St. Méry. Nur teilt er sich jetzt mit Beaumetz eine Wohnung, er hat einen Hund und angeblich ein Verhältnis mit einer Schwarzen, die er in seiner Wohnung empfängt; Philadelphia ist skandalisiert.

Im Frühjahr zieht er nach New York. Auch reist er wieder, Boston wird besucht, die Stadt gefalle ihm von allen Städten, die er in Amerika gesehen habe, am besten, schreibt er, und auch der neuen Hauptstadt stattet er einen Besuch ab. Um mehr als eine riesige Baustelle handelt es sich allerdings nicht, und er ist davon überzeugt, dass es noch viele, viele Jahre dauern wird, bis sie fertig ist – hier irrt er sich, denn schon 1800 zieht der Kongress nach Washington um.

Und Talleyrand? Talleyrand kann eines besonders gut: Geduldig warten. Und so wartet er. Die Lage in Frankreich entwickelt sich zu seinen Gunsten, aber alles muss gründlich durchdacht und ausgiebig beobachtet werden – Talleyrand ist niemand, der eine Entscheidung über den Zaun bricht. Nichts geht schnell bei ihm, nicht passiert ohne langes Abwägen von Vor- und Nachteilen und genauester Prüfung und Planung. Niemand kann ihm nachsagen, er sei furchtsam oder ängstlich, aber erst wenn ihm das Risiko wägbar und dem Gewinn angemessen erscheint, wird gehandelt. Er tut nichts, wenn er nicht an den sicheren Erfolg einer Unternehmung glaubt. Und er will nichts dem Zufall überlassen: Seine Heimkehr muss bestens vorbereitet werden. Die Organisation in Europa überlässt er seiner Freundin Germaine de Staël, die sich mit ganzer Kraft und feuriger Seele für ihn einsetzt.

Unterdessen geht es ihm nicht besonders gut. Er fühlt sich einsam, er hat kein Geld und großes Heimweh, und er verträgt die Hitze nicht. Wenn ich noch ein weiteres Jahr hier bleiben muss, sterbe ich, schreibt er an Germaine de Staël, und einen weiteren Sommer überlebe ich nicht, und spornt sie damit zu Höchstleistungen an auf ihrer Mission, ihrem exilierten Freund die Heimkehr zu ermöglichen.

Im Sommer 1795 zieht er nach Long Island, denn in New York ist das Gelbfieber ausgebrochen. Und hier erfährt er im November aus einer Zeitung, die St. Méry ihm geschickt hat, dass man ihn von der Emigrantenliste gestrichen hat. Germaine ist es gemeinsam mit dem Abbé Desrenaudes gelungen, den Dramatiker Marie-Joseph Chénier dazu zu bewegen, sich in der Nationalversammlung für ihn einzusetzen. Nach einer langen und kontroversen Debatte hat der Nationalkonvent schließlich entschieden, dass seine Reise nach England im Jahre 1792 keine Flucht gewesen sei, sondern im Auftrag der revolutionären Regierung stattgefunden habe, und dass er nur deshalb noch nicht zurückgekehrt sei, weil man ihn nicht dazu aufgefordert hat. Somit ist sein Status als Emigrant aufgehoben, und sein Name von der Listeg estrichen worden. Das Warten in Dantons Vorzimmer hat sich ausgezahlt.

Der Französische Gesandte  Joseph Fauchet ist durch Pierre Auguste Adet ersetzt worden, von dem sich Talleyrand Unterstützung erhoffen kann – wieder braucht er einen Pass. Und er wäre nicht Talleyrand, wenn er jetzt sofort, Hals über Kopf abreisen würde: Im Winter wird der Atlantik nicht überquert, man will ja weder untergehen, noch an der Seekrankheit sterben. Also wird der nächste Frühling abgewartet.

Er wäre aber auch nicht Talleyrand, wenn er nicht zumindest noch ein zweites Eisen im Feuer hätte. Der Plan, nach Indien zu segeln, hat ihn noch immer nicht verlassen. Und so rüstet er gemeinsam mit Albert de Beaumetz ein Handelsschiff aus, mit dem man gemeinsam nach Kalkutta segeln will. Dort, so der Plan, sollen die Waren verkauft werden, der Erlös wird in weitere Geschäfte investiert. Talleyrand hat die Nase derart voll von Amerika, dass er sich sogar eine Existenz als Kolonialwarengroßhändler in Kalkutta vorstellen kann. Wenn er nur nicht hier bleiben muss.

Er muss nicht, er hat grünes Licht für die Heimkehr nach Frankreich. Sein Name ist rehabilitiert, der Französische Gesandte Adet stellt ihm einen Pass in Aussicht, was noch fehlt, ist ein Schiff, das bereit ist, ihn zu transportieren, und natürlich muss er seinem Geschäftspartner noch beibringen, dass er nicht mitkommt nach Kalkutta.

Beaumetz bleibt unterdessen keine andere Wahl, als die Reise anzutreten: Er hat sich in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gebracht, indem er eine Witwe mit vier Kindern geheiratet hat, für die er nun zu sorgen hat. Er kann es sich also nicht leisten, die Sache abzublasen. Als Talleyrand ihm mitteilt, dass er alleine nach Indien fahren muss, ist er fassungslos. Er fühlt sich von Talleyrand verraten und verkauft. Er hat Talleyrand, mit dem er nun seit Jahren fast jeden Tag verbracht hat, mit dem er sogar lange Zeit zusammen gewohnt hat, blind vertraut und kann nicht glauben, nach all den Jahren so im Stich gelassen zu werden. Talleyrands Entscheidung – die er ihm im Hafen von New York bei der Begehung des bereits beladenen Handelsschiffes mitteilt – trifft ihn völlig unvorbereitet, und im Aufwallen ohnmächtiger Wut will er Talleyrand ins Wasser stoßen. Talleyrand ahnt jedoch rechtzeitig, was Beaumetz vorhat, und kann ihn gerade noch davon abhalten. Als Entschädigung überlässt er ihm großzügig seinen Anteil an dem Geschäft. Einen Freund hat er dennoch verloren.

Bon-Albert Briois de Beaumetz fährt gemeinsam mit Frau und Kindern nach Kalkutta, wo er 1801 im Alter von 42 Jahren stirbt.

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord verlässt Amerika am 13. Juni 1796, mehr als zwei Jahre, nachdem er in Philadelphia amerikanischen Boden betreten hatte. Zusammen mit seinem Diener Courtiade geht er an Bord einer dänischen Brigg mit dem Namen Den Nye Prøve ('Die Neue Prüfung'), die ihn in 42 Tagen nach Hamburg bringt. Neben einem einzigen weiteren Passagier hat die Nye Prøve 65 Zentner Kaffee geladen, der Kapitän sei gutmütig und schlafe ansonsten 15 Stunden am Tag, schreibt Talleyrand – es waren sicher keine sehr aufregenden 42 Tage.

In Hamburg angekommen, erhält er einen Brief seiner ehemaligen Geliebten Adélaïde de Flahaut, die mittlerweile dort wohnt und ihn inständig bittet, noch einige Tage lang nicht von Bord zu gehen und sie aufzusuchen – sie erwartet einen Heiratsantrag vom Marquis da Souza, einem sie verehrenden, etwas schüchternen und ängstlichen Portugiesen, der ganz sicher die Flucht ergreift, wenn plötzlich der ehemalige Geliebte seiner Angebeteten auftaucht, zynische Bemerkungen macht, Besitzansprüche anmeldet, und außerdem noch mehr als offensichtlich der Vater des kleinen Charles de Flahaut ist.

Nach 42 Tagen auf See in Gesellschaft seines Dieners und einer Schiffsladung Kaffee ist selbst Talleyrands Geduld erschöpft, und Adélaïdes Bitte bewirkt genau das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigt hat: Nur wenige Stunden nach dem Erhalt des Briefes taucht er bei ihr auf, macht zynische Bemerkungen, meldet Besitzansprüche an, und dass der kleine Junge ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht, bleibt auch dem Marquis da Souza nicht verborgen. Und der tritt genau wie befürchtet die Flucht an. Es wird noch lange dauern, bis er Adélaïde den von ihr so gewünschten Heiratsantrag macht.

Jetzt bleibt auch für Talleyrand nicht mehr viel zu tun in Hamburg, wo es alle Tage regnet und das Wasser aus den Pumpen so schlecht ist, dass man den ganzen Tag Wein trinken muss. Er möchte nun endlich nach Hause, nach Paris, wird aber erst einmal krank und muss zwei Wochen lang das Bett hüten. Als es ihm endlich besser geht, hält ihn nichts mehr. Mit einem Pass, der ihn als den Schweizer Geschäftsmann Talayran ausweist, reist er per Schiff zunächst nach Amsterdam, wo er noch Geschäftliches zu regeln hat, und von dort aus nach Paris. Am 21. September 1796 kehrt er endlich zurück in die Stadt, die er fast vier Jahre zuvor verlassen hat. Sein Exil ist beendet.