Talleyrands Kindheit und Jugend
"Meine frühen Jahre waren freudlos"

Mit diesem lapidaren Satz beschreibt ein Mann seine Kindheit, der sein Leben lang unter der Lieblosigkeit und der Gleichgültigkeit gelitten hat, die sie ausmachte - und einer Vernachlässigung, die in dauerhafter physischer Versehrtheit kulminierte.

Wenn man eine Annäherung an ein Verständnis seines Charakters wagen will, wenn man verstehen möchte, was ihn zu dem machte, was er war, dann muss man seine Kindheit und Jugend kennen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle, abseits von Politik, weit entfernt vom ’Glamour’ des Hofes und von pikanten oder romantischen Amouren, das Bild einer Kindheit und Jugend zeichnen, die von Schmerzen, Einsamkeit, unerfüllter Sehnsucht nach Zuwendung und Liebe, stillem Trotz und verletztem Stolz geprägt war.


Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord wird am 2. Februar 1754 in Paris, 4 rue Garancière, als zweites von fünf Kindern geboren. Seine Eltern, Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord und Alexandrine-Marie-Victoire-Eléonore de Talleyrand-Périgord, geborene de Damas d'Antigny, sind am Hof in Versailles beschäftigt. Charles-Daniel ist sechzehn, Alexandrine zweiundzwanzig Jahre alt, als man sie verheiratet. Es ist, wie man sich leicht vorstellen kann, keine Liebesheirat, es geht um Geld - aber es ist allen Umständen zum Trotz Liebe auf den ersten Blick. Und es ist eine Liebe, die so tief, so allesbeherrschend ist, dass es darin keinen Platz mehr gibt für irgend etwas anderes - auch nicht für die eigenen Kinder.

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  Charles-Daniel de Tallyrand-Périgord
 Charles-Maurice' Vater
Charles-Daniel, Stallmeister am Hof, ist achtzehn Jahre alt, als sein erster, neunzehn, als sein zweiter Sohn geboren wird. Die Talleyrand-Périgords können auf eine Familiengeschichte zurückblicken, die sich bis ins Neunte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, und sie zählen sich voller Stolz zu den ältesten und nobelsten Familien Frankreichs. Ré qué Diou [Rien que Dieu: Nichts als Gott] ist ihr Motto. Kein anderer Fürst, kein König - nur Gott allein wird als höhere Instanz anerkannt.
Mehr als diesen Stolz können sie allerdings nicht ihr Eigen nennen - sie sind arm. Sie sind tatsächlich so arm, dass sich Alexandrine de Talleyrand-Périgord die Bettwäsche für die Niederkunft ihres zweiten Kindes, Charles-Maurice, ausleihen muss. Die Armut seiner Eltern wird das Kind teuer zu stehen kommen.

Charles-Maurice wird also am 2. Februar geboren, am Tag seiner Geburt in der Kirche von Saint-Sulpice getauft, und noch an der Kirchentür einer Amme übergeben, einer armen Frau aus dem Faubourg Saint-Jacques. Der Name dieser Frau ist nicht bekannt, Talleyrand sprach von ihr sein Leben lang nur als ’une femme’:
Eine Frau.

Dieser Frau ist das Kind vollkommen gleichgültig. Ihre Erziehung besteht darin, es nicht verhungern oder erfrieren zu lassen, geht aber darüber kaum hinaus. Eines Tages setzt sie es auf eine Kommode und lässt es alleine. Es fällt herab und verletzt sich den Fuß. Obwohl die Verletzung offensichtlich sehr schwer ist, holt sie keinen Arzt, und sie benachrichtigt auch die Eltern nicht. Diese wiegen sich noch einige Jahre im Glauben, das Kind sei gesund und munter und bei der Amme gut aufgehoben. Einige Jahre? Ja, richtig. Vier lange Jahre lang ’vergessen’ die Eltern ihren Zweitgeborenen, besuchen ihr Kind nicht ein einziges Mal, zeigen durch keinerlei Nachfrage auch nur das geringste Interesse. Dann stirbt ihr erstes Kind, Alexandre, im Alter von fünf Jahren.
Nicht die Eltern sind es jedoch, die als erste den Zweitgeborenen aufsuchten, der durch den Tod seines nur ein Jahr älteren Bruders plotzlich zum Erben des prestigereichen Titels geworden ist: Charles-Maurice ist nun der Älteste, und im Moment noch einzige Sohn. Er ist der Nachfahre der Grafen von Grignols, Fürsten von Chalais, Marquis d'Excideuil, Marquis de Talleyrand-Périgord. Ein Bruder seines Vaters, Gabriel-Marie de Talleyrand-Périgord, ist es, der sich dafür zu interessieren beginnt, wer eigentlich das Kind ist, das den Titel erben und einmal das Familienoberhaupt sein würde. Er sucht die Amme auf, findet den Jungen aber nicht in ihrer Obhut, sondern auf einem Acker, wo er mit anderen Kindern spielt. Das Spiel besteht darin, mit Steinen nach Vögeln zu werfen. Das Kind trägt zerlumpte, für die Jahreszeit viel zu dünne Kleidung, ist schmutzig und verwahrlost, und es kann nicht laufen. Der rechte Fuß ist nach innen verdreht, die Mittelfußknochen verkrümmt, das Knöchelgelenk deformiert, die Wadenmuskulatur verkümmert, die Achillessehne verkürzt.

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 Alexandrine de Talleyrand-Périgord
 Charles-Maurice' Mutte

Gabriel-Marie bringt den Jungen zu seinen Eltern. So wie er ist, in seinen schmutzigen Lumpen, seinen verfilzten, ungewaschenen Haaren, mit all dem Ungeziefer, das er mit Sicherheit mit sich bringt. Charles-Daniel ist nicht anwesend. Alexandrine gibt eine Teegesellschaft, in die ihr Schwager nun platzt und die anwesenden Damen schockiert, als er das zerlumpte, verkrüppelte kleine Wesen auf den Boden setzt, und es auffordert, seine Mutter zu begrüßen. Charles-Maurice setzt sich gehorsam in Bewegung, auf Händen und Knien, anders geht es nicht, und kriecht auf die Frau zu, die der Mann in der Marineuniform seine Mutter genannt hat. Die droht, in Ohnmacht zu fallen, und mit den Worten, “Mein Gott, er ist ja lahm! Bringt ihn weg!”, wirft sie Gabriel-Marie zusammen mit ihrem Sohn hinaus.
So also gestaltet sich das erste Zusammentreffen zwischen Charles-Maurice und seiner Mutter, die ihn am Tag seiner Geburt einer Amme übergeben und seit mehr als vier Jahren nicht mehr gesehen hatte.

Eine Zeit fürchterlicher Qualen schließt sich an diese Episode an. Die besten Ärzte von Paris werden konsultiert, aber all die Bandagen, Korrekturschienen und eisernen Spezialschuhe, in die man seinen Fuß zwängt, bringen keine Besserung.
Es ist zu spät, es ist nichts mehr zu retten. Und die Eltern haben keine Zeit und keine Lust, sich um ihren behinderten Sohn zu kümmern. Sicher zu ihrer Erleichterung erklärt sich eine alte Verwandte aus dem Périgord bereit, das Kind bei sich aufzunehmen. Die einzige glückliche Zeit in seiner Kindheit beginnt.

Man bringt ihn nach Chalais, siebzehn Tagesreisen von Paris entfernt. Siebzehn Tagesreisen dann, wenn man sich öffentlicher Postkutschen bedient: Man hält es nicht fur nötig, eine eigene Kutsche zu schicken, vielleicht fehlt auch das Geld dazu. Charles-Maurice, knapp fünf Jahre alt und nicht in der Lage, selbst zu laufen, wird in einer Postkutsche auf die beschwerliche Reise in den Süden geschickt. Und nicht etwa die Eltern bringen das Kind zu seiner Urgroßmutter, sondern eine Gouvernante, eine Mademoiselle Charlemagne (ja, sie hieß wirklich so).

Chalais ist ein verwunschener Ort, eine Welt, die es schon damals eigentlich nicht mehr gibt. Seine zweiundsiebzig Jahre alte Urgroßmutter, die er ’Großmutter’ nennt, ”weil sie mir so naher schien”, herrscht wie eine Königin über ihr winziges Reich, das Dorf Chalais, und an ihrem ’Hof’, dem klobigen alten Schloss aus dem Dreizehnten Jahrhundert, hat sie einen kleinen Hofstaat versammelt. Es sind aber keine Vasallen, die dort gemeinsam mit ihr leben, sondern Freunde, lauter alte Freunde, mit denen sie groß und schließlich alt geworden ist - sie zählt die Jahre der Freundschaft in Dekaden. Diese Menschen pflegen einen freundlichen, respektvollen Umgang miteinander, und auch dem kleinen Jungen in ihrer Mitte begegnen sie mit dem gleichen höflichen Respekt - zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm Achtung entgegengebracht. Und wenn Talleyrand sein Leben lang eine große Achtung vor dem Alter hat, dann liegt der Grund in Chalais.
Die Großmutter ist nun der erste Mensch in seinem Leben, der ihm Liebe entgegenbringt. Der erste Mensch, der ihn umarmt, ihm einmal einen Kuss gibt. Und sie ist der erste Mensch, den er liebt. Er liebt die ’Großmutter’ und alles, was sie umgibt, mit der ganzen Kraft seiner Kinderseele. Chalais wird zu einer Art Ideal fur einen Mann, der darauf beharrt, keine Ideale zu haben. Aber in Chalais wird der Grundstein fur seine Vorstellung von Höflichkeit und dem ’guten Umgangston’ gelegt, hier lernt er, wer er ist: Ein Périgord. Hier versteht er, was es bedeutet, von hoher Geburt zu sein, der Satz Ré qué Diou wird mit Bedeutung gefüllt; nur die Capets haben eine ältere Familiengeschichte.

Aus dem verstörten, vernachlässigten Kind wird ein kleiner Fürst. Und seine adelige Herkunft wird zu einem Teil seines Selbstverständnisses. Seine Überlegenheit, oft Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber gründet sich auf das Wissen, ein Abkömmling der Familie Talleyrand-Périgord zu sein. Auch Talleyrands unermesslicher Stolz hat seinen Ursprung in Chalais.
Hier lernt er lesen und schreiben, er verblüfft Großmutter, Schloss- und Dorfbewohner gleichermaßen mit seiner schnellen Auffassungsgabe und verzaubert sie mit seinem liebenswerten Charme. Er lernt laufen, endlich. Jemand hat erkannt, dass er Spezialschuhe und eine Schiene braucht, um ihm das Auftreten zu ermöglichen und den Knöchel zu stützen. Zuerst mit Krücken, später mit Hilfe eines Stocks schafft er
es, einige Schritte zu gehen. Es ist schmerzhaft und anstrengend, aber er ist ein Périgord, und ein Périgord kriecht nicht. Später, als Jugendlicher, wird er verbissen üben, um sich einen etwas schwebenden Gang anzutrainieren, und damit sein Hinken so gut wie möglich zu kaschieren.

Knapp drei Jahre lang erfährt Charles-Maurice nun, was es heißt, geliebt zu werden und zu lieben, er ist zum ersten und für sehr lange Zeit zum letzten Mal in seinem Leben glücklich. Als er acht Jahre alt ist, wird er von seinen Eltern nach Paris zurückbeordert. Sie wollen eine vernünftige Ausbildung für ihren Sohn, und haben ihn im College d'Harcourt angemeldet, einem Internat in Paris. Wieder schicken sie Mademoiselle Charlemagne, die Gouvernante. Wieder in einer Postkutsche, die in siebzehn Tagen zurück nach Paris rumpelt. Charles-Maurice weint, als er Chalais verlassen muss. Die Großmutter wird er nie wieder sehen, sie stirbt, noch während er auf der Schule ist.
Ein kleiner Trost in seinem Kummer ist ihm auf der langen Reise jedoch die Vorfreude darauf, seine Eltern zu sehen. Er kennt sie kaum, und kann es kaum abwarten, von ihnen in Empfang genommen zu werden. Aber sie enttäuschen ihn. Als er zusammen mit Mademoiselle Charlemagne an der Relaisstation rue d'Enfer [Straße der H
ölle] - welch prophetischer Name! - aussteigt, warten nicht seine Eltern auf ihn, sondern ein alter Diener, der den Jungen direkt ins College d'Harcourt bringt. Seine Eltern haben Verpflichtungen und keine Zeit, ihren Sohn abzuholen. Eine Woche vergeht, bis sie ihn zu sich nach Hause einladen - für einen Nachmittag. Charles-Maurice spürt den Schmerz der Zurückweisung tief. Und er wird es seinen Eltern nie vergessen, dass sie ihn nicht abgeholt haben.

Es ist nicht das erste, und beileibe nicht das letzte Mal, dass sie ihn ihre Gleichgültigkeit spüren lassen. Aber an diesem Tag, an dem er einen Vorgeschmack bekommen hatte von dem, was in den nächsten Jahren sein größter Kummer sein sollte, an seinem ersten Schultag, macht er die Bekanntschaft eines Jungen, über den er eines Tages schreiben wird, niemand habe seinem Herzen jemals so nahe gestanden wie er, niemanden habe er jemals so geliebt wie ihn. Marie-Gabriel-Florian-Auguste de Choiseul-Beaupré, später Choiseul-Gouffier, ist der Neffe des berühmten Ministers Etienne-François de Choiseul, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere sicher mehr Macht hatte als der König selbst. Und er sitzt an dem Tisch im Speisesaal, zu dem man Charles-Maurice nach seiner Ankunft im College d'Harcourt bringt.

Man stellt den Neuankömmling zunächst seinem wenig älteren Cousin, den Comte de la Suze vor, dessen Aufgabe es ist, sich um den kleinen Périgord zu kümmern. Aber de la Suze hat dazu keine Lust. Sehr viel mehr Lust hat dagegen Auguste de Choiseul, und die beiden werden zu einem unzertrennlichen Gespann. Diese Freundschaft überdauert Jahre, räumliche Trennung über viele tausend Kilometer hinweg, unterschiedliche politische Überzeugungen und sehr unterschiedliche Lebensläufe. Und sie mag den kleinen Périgord im College d'Hartcourt gerettet haben. Auguste, knapp zwei Jahre älter als Charles-Maurice, ist sein Vertrauter, sein Verbündeter, sein Tröster im Internat. Er wird und bleibt sein bester Freund.

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 Auguste de Choiseul

Charles-Maurice ist ein guter Schüler. Jahrgangsbester. Schulbester. Er strengt sich dafür nicht sehr an - für was auch. Die einzigen Menschen, die er gerne mit seinen Leistungen beeindrucken können möchte, interessieren sich nicht für ihn. Seinen Eltern ist es gleichgültig, ob er gut oder schlecht in der Schule ist. Sie interessieren sich nicht für seine Schulnoten, nicht dafür, was er erlebt, denkt, fühlt. Hin und wieder holen sie ihn für einen Nachmittag zu sich, und jedes Mal hört er den einzigen Satz, den sein Vater zu ihm spricht: “Seien Sie ein guter Junge und machen Sie Ihren Lehrern keinen Ärger.” Dies ist die einzige Ermahnung, die man ihm mit auf den Weg gibt.

Charles-Maurice ist alleine.
Er ist nicht unbeliebt bei seinen Mitschülern; seine freundliche, zurückhaltende Art macht es leicht, ihn zu mögen. Aber er kann nicht mit ihnen spielen, er nimmt nicht am Reitunterricht teil, nicht am Fechtunterricht, er lernt nicht tanzen. Charles-Maurice übt gehen.

Und er übt denken.
Dass man ihn so alleine gelassen hat, dass niemand sich um ihn kümmerte, sich um ihn sorgte, so sagt er später, habe auch sein Gutes gehabt: Dadurch habe er schon früh gelernt, selbstständig zu denken, frei und unabhängig von der vorgegebenen Meinung.
Niemanden interessiert, was er denkt, und niemand weiß, was er denkt. Und Charles-Maurice lernt, sein eigener Maßstab zu sein und nach seiner eigenen Moral zu empfinden.

Unterdessen wird seinen Eltern zunehmend klar, dass ihr ältester Sohn nicht das Erbe der Familie Talleyrand-Périgord antreten kann, wenn er nicht gesund ist. Es gibt nur einen einzigen Weg für einen Périgord, Ruhm und Ehre zu erlangen, sich des Titels, des Namens als würdig zu erweisen: Siegreich in der Schlacht zu sein, sich im Kampf zu behaupten. Durch das Militär. Und ein Krüppel kann diesen Weg niemals gehen. Der einzige Ausweg, die andere Möglichkeit, ihrem Sohn eine annehmliche Zukunft zu sichern, nämlich einen hohen Verwaltungsposten zu erkaufen, steht der Familie nicht offen: Die Talleyrand-Périgords haben schlicht nicht genug Geld.
Letzte Versuche werden unternommen, zu retten, was nicht zu retten ist. Alexandrine de Talleyrand bezahlt Ärzte, die Charles-Maurice nur noch mehr Schmerzen zufügen, als er ohnehin schon hat. Immer wieder wird versucht, seinen Fuß mit Gipsbandagen zu richten, werden Nerven ausgebrannt, wird vergeblich versucht, seine Gesundheit wieder herzustellen. Aber Charles-Maurice bleibt ein Krüppel. Er kann kurze Strecken gehen, eine Weile stehen, mehr nicht. Er wird niemals zum Militär gehen konnen, und er wird niemals den Titel erben.

Mittlerweile hat er zwei Brüder bekommen, Archambaud und Boson. Sie wachsen im Haus ihrer Eltern auf, wo Charles-Maurice, wie er in seinen Memoiren bitter bemerkt, in seinem Leben insgesamt nicht mehr als eine Woche verbracht hat: Er ist siebzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal bei Ihnen übernachten darf. Es bleibt eine Ausnahme.
Der Plan wächst, den Titel, das (sehr geringe) Vermögen und alle Privilegien auf Archambaud zu übertragen.

Fast hätte sich das Problem von selbst gelöst. Als Charles-Maurice zwölf oder dreizehn Jahre alt ist, erkrankt er an den Pocken. Im Internat kann er aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht bleiben, und die letzten, die ihn bei sich aufnehmen wollen, sind seine Eltern. Zwei Bedienstete bringen ihn in einer Sänfte ins Haus einer Frau, die selbst die Pocken überlebt hat und daher immun ist. Die Rosskur, die sie ihm angedeihen lässt, überlebt er, ebenso wie die schwere Krankheit - und diese ohne Narben zurückzubehalten. Die sich anschließende, lange Zeit der Rekonvaleszenz verbringt er alleine. Seine Eltern besuchen ihn nicht ein einziges Mal. Sie erkundigen sich nicht, wie es ihm geht, es interessiert sie nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Erst als er vollständig genesen ist, laden sie ihn wieder zum Tee ein. Und in diesen Tagen und Wochen, während er im Bett liegt und auf die Türklinke starrt und sich wünscht, seine Eltern würden ihn besuchen oder wenigstens nachfragen, wie es ihm geht, wird ihm endgültig klar, dass sie ihn wirklich nicht lieben. Dass er keinen Platz in ihrem Leben hat, dass er ihnen vollkommen gleichgültig ist. Dass er vollkommen alleine ist.
Etwas später erwähnt sein Vater ihm gegenüber fast beiläufig, dass er Archambaud zum Erben erklärt hat. “Warum Archambaud? Warum nicht mich?”, fragt Charles-Maurice. “Weil Archambaud kein Krüppel ist”, antwortet sein Vater. Auf diese Weise lernt Charles-Maurice, dass, und warum seine Eltern ihn enterbt haben. Weil Archambaud kein Krüppel ist. Die Worte hinterlassen eine Wunde in seiner Seele, die nicht mehr heilen wird.


Als er fünfzehn Jahre alt ist, ist seine Schulzeit zu Ende. Weil seine Eltern kein Geld haben, ihm einen Platz in der Verwaltung zu erkaufen, muss anders für den Jungen gesorgt werden. Ungewollte Töchter bringt man im Kloster unter, ungeliebte Söhne werden Priester. Charles-Maurice wird zum Priester bestimmt, und er hat keine Chance, sich dagegen zu wehren. Um ihm die Sache schmackhaft zu machen, schickt man ihn an den Hof seines Onkels Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord, der zu dieser Zeit Koadjutor des Erzbischofs von Reims ist. Die Pracht, der Luxus, das Leben am Hof des Bischofs sollen ihm klar machen, dass auf ihn zwar keine Hochzeit, keine Liebe, keine Freiheit wartet, aber dass ihn Geld und Reichtum dafür entschädigen werden, sein Leben der Kirche zu weihen und sich dem Papst unterzuordnen. Man gibt ihm die Biographien berühmter Kirchenmänner zu lesen, um ihm vor Augen führen, dass es nicht darum geht, Pfarrer, Seelsorger zu werden, sondern dass die klerikale Laufbahn nichts anderes ist als ein Weg zu Reichtum und Macht. Charles-Maurice liest die Memoiren der Kardinäle Richelieu und Ximenez und fragt sich, warum er eigentlich erst Priester, Bischof, Kardinal werden soll, um danach Minister zu werden. Die Verlogenheit und Heuchelei der Kirche widert ihn an, dem Reichtum seines Onkels begegnet er mit Verachtung, Geld und Macht bedeuten ihm nichts gegen die persönliche Freiheit, die man im Begriff ist, ihm zu nehmen.

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Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord
Onkel Talleyrands
Eine Weile lang.
Ein Jahr lang widersetzt er sich dem Wunsch seiner Eltern und seines Onkels. Still und trotzig verlebt er die Zeit bei Onkel Alexandre-Angélique in Reims, beobachtet, was um ihn herum geschieht und kommt eines Tages zu dem Schluss, dass er keine Wahl hat. Er ist allein, er hat keine Verbündeten, niemanden, der sich für ihn einsetzt. Seine ganze Familie hat sich gegen ihn verschworen. Und was ist so schlimm an Reichtum und Luxus? Wären seine Eltern reich, befände er sich nicht in der Lage, in der er ist. Hätten sie Geld, müsste er nicht Priester werden. Und ist es wirklich so wichtig, woher das Geld kommt? Charles-Maurice fügt sich.

Mit sechzehn Jahren tritt er in das Priesterseminar von Saint-Sulpice ein. Widerwillig, unglücklich, trotzig schweigend. Zwei Jahre lang spricht er mit niemandem. Er hält sich nicht an die Hausordnung, nicht an die gesellschaftlichen Konventionen, er schließt sich niemandem an. Alles, was er tut, tut er mit ausgesprochenem Widerwillen, und er lässt keine Gelegenheit aus, seinen Lehrern zu zeigen, dass er nicht freiwillig da ist. Er wird für unerträglich arrogant gehalten - und ist nichts als todunglücklich. Es gibt niemanden, mit dem er über seinen Kummer reden könnte. Sein Freund Auguste ist mittlerweile beim Militär, und an diese Zeit schließen sich desen lange Reisen durch Griechenland an - sein Reisebericht Voyage pittoresque en Grèce begründet seinen Ruf als Wissenschaftler und Kunstkenner. Charles-Maurice ist derweil alleine mit seiner Einsamkeit - und mit seiner Behinderung, die ihn nicht nur in seinem täglichen Leben einschränkt, sondern auch der Grund für die Misere ist, in der er sich befindet. Und er beginnt zu verzweifeln an der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, daran, dass man ihm nicht nur die Kindheit, sondern auch die Zukunft genommen hat. Und dass das seinen Eltern, die daran Schuld tragen, vollkommen egal ist.

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 Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord im Alter von 16 Jahren

Er flüchtet sich in die Bibliothek. Er liest, er flüchtet sich in Bücher. Er liest alles, was er zwischen die Finger bekommt: Volkswirtschaft, Politik, Philosophie. Er verliert sich in Abenteuerromanen, in Reiseberichten unerschrockener Entdecker, er ist fasziniert von den Beschreibungen von Revolutionen und der Umwälzung von Gesellschaftsordnungen, er begeistert sich für die Ideen Voltaires. Und während die Welt sich amüsiert, sitzt der blasse, stille Junge in der schwarzen Soutane in der Bibliothek und träumt vom Abenteuer, von Revolutionen und einer Freiheit, die er nie hatte, und niemals haben wird.

Aber es sind nicht nur Bücher, die ihm das Leben in Saint-Sulpice erträglich machen. Eines Tages, er ist siebzehn, fällt ihm im Gottesdienst ein junges Mädchen auf. Das schlechte Wetter kommt ihm zu Hilfe: Es regnet, sie hat keinen Regenschirm. Charles-Maurice aber hat einen, und er bietet ihr seine Begleitung an. Glücklicherweise wohnt sie nicht weit von der Kirche, und als man an ihrer Wohnungstür ankommt, fragt sie ihn, ob er sich nicht bei einer Tasse Tee etwas aufwärmen möchte.
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 Dorothée Dorinville, Talleyrands erste Freundin

Er möchte.
Ihr Name ist Dorothée Dorinville, sie ist getaufte Jüdin, und sie ist Schauspielerin. Die beiden jungen Leute entdecken schnell, dass sie etwas gemeinsam haben: So wie Charles-Maurice von seinen Eltern in ein Priesterseminar abgeschoben wurde, so haben Dorothées Eltern sie auf die Bühne gezwungen, um sie loszuwerden. Dorothée wird seine erste Freundin, und sie bleibt es für zwei Jahre.

Charles-Maurice wird übermutig - sein Trotz und Widerwillen gegen das Seminar und seine ihm von seinen Eltern bestimmte Zukunft sind ungebrochen, seine Missachtung der Regeln geht soweit, dass er Arm in Arm mit seiner Freundin vor den Fenstern des Seminars auf und ab flaniert. Man wirft ihn nicht hinaus. Er ist der Neffe des Erzbischofs von Reims - denn dazu ist Alexandre-Angélique mittlerweile aufgestiegen. Und deshalb kann sich Charles-Maurice alles erlauben. Kein Vergehen würde den Skandal rechtfertigen, zu dem es käme, wenn das Seminar von Saint-Sulpice den Neffen eines Erzbischofs suspendieren würde. Der widerwillige Seminarist beginnt zu begreifen, dass seine Eltern Recht haben. Es geht nicht darum, Pfarrer, Seelsorger zu werden, ein Leben in Keuschheit, Demut und Bescheidenheit zu führen. Es geht darum, Geld zu verdienen. Gut leben kann man trotzdem.

Diese Freiheit ist eine Illusion, aber sie ist besser als die Wirklichkeit, erträglicher als die Wahrheit, und das Leben wird noch besser, die Illusion noch tröstlicher, wenn sie mit Macht und Geld einhergeht. Die Soutane ist nur eine äußere Hülle. Zynisch stellt er fest, dass sie sogar einen Vorteil hat: Sie verbirgt seine Beine vor den Blicken der Damen.
Seine Verachtung fur eine Gesellschaft, die eine solche scheinheilige Heuchelei möglich macht, die einen Menschen dazu zwingt, diese Lüge zu leben, wächst. Na schön, mag er denken, Ihr habt es nicht anders gewollt.

Nach fast sechs Jahren in Saint-Sulpice beginnt Charles-Maurice das Studium der Theologie an der Sorbonne. Er ist kein guter Student. Er ist vielmehr der wahre Schrecken seiner Professoren. In den Vorlesungen bringt er seinen Kommilitonen Kartenspiele bei, er hat wechselnde Freundinnen, an der Pforte des ’Studentenwohnheims’, in dem er logiert, werden Kisten voller Wein für ihn angeliefert, und seine Doktorarbeit hat er wohl mehr dem guten Willen seines Doktorvaters zu verdanken, als seinen Bemühungen - und dem Wunsch aller Professoren, den störenden Studenten so schnell wie möglich wieder loszuwerden: Man erwirkt eine Sonderregelung, die es ermöglicht, eine Dissertation vor Vollendung des einundzwanzigsten Lebensjahres einzureichen. Mit einer Arbeit mit dem Titel Quenam est scientia quam custodient labea sacerdotis? [Welches Wissen müssen die Lippen des Priesters bewahren?] erlangt Charles-Maurice schließlich die Doktorwürde.


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 Louis de Narbonne-Lara

Vier Jahre vergehn bis zu seiner Weihe. In dieser Zeit feiert er die Illusion der Freiheit. Er ist ausgehungert nach Leben und Liebe. Dem Einfluss seines Onkels Alexandre-Angélique hat er es zu verdanken, dass er eine Pfründe bekommt, die Diozöse Saint-Rémy de Reims, und es ist zunächst sehr angenehm, dass mit dem Geld keinerlei Verpflichtung einhergeht. Eine Weile lang besteht sein Leben nur daraus, sich im Theater oder in der Oper zu amüsieren, Karten zu spielen, und Geld auszugeben. Das tut er vor allem zusammen mit seinem Freund Auguste, der wieder aus Griechenland zurück und mittlerweile zwar verheiratet ist, aber trotzdem lieber die Zeit mit seinem alten Schulfreund verbringt. Zu den zwei Unzertrennlichen gesellt sich Louis de Narbonne-Lara, der ein illegitimer Sohn Louis' XV ist - das Gerücht geht um, Louis de Narbonne sei zudem nicht einmal wirklich der Sohn der Comtesse de Narbonne-Lara, sondern vielmehr dem inzüchtigen Verhältnis Louis' XV und dessen leiblicher Tochter, Madame Adelade, entsprungen. Wer auch immer Louis de Narbonne ist, er versteht es, das Leben zu genießen.

Nichts anderes hat auch Charles-Maurice nun im Sinn.
Sein Name öffnet ihm die Türen zu den Salons, wo er sich in kürzester Zeit den Ruf erwirbt, ein geistreicher Unterhalter zu sein. Er hat die ’Gabe der Konversation’: Er ist schlagfertig, charmant, witzig, nie um Worte verlegen. Er macht Bekanntschaften mit hochgestellten Persönlichkeiten und hat Verhältnisse mit schönen und klugen Frauen.

Das Leben könnte so schön sein, wäre da nicht die Weihe, auf die seine Eltern nun drängen. Der Vater hält sich vornehm zurück, ihm ist sein Sohn nach wie vor gleichgültig. Die Mutter hat dagegen kein gutes Wort für ihn übrig. Missraten sei er, wirft sie ihm vor. Zu nichts tauge er, wirklich zu gar nichts, eine einzige Enttäuschung sei er, für sie und für die Familie.
Charles-Maurice weiß, dass er keine Wahl hat, als sich dem Willen seiner Eltern zu beugen. Wenn er den Weg nicht zu Ende geht, den sie für ihn ausgewählt haben, wird man ihn endgültig verstoßen. Was bleibt dann? Er hat keine Macht, keinen Einfluss, nicht genug Geld und einen verkrüppelten Fuß.

 

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 Talleyrand als Abbé

Wenige Tage vor Weihnachten 1779 weiht ihn sein Onkel, mittlerweile Kardinal von Paris, zum Priester. Talleyrand kann sein Leben lang nicht über diesen Tag sprechen. Die Weihe findet keine Erwähnung in seinen Memoiren, und auch seinen Freunden gegenüber verliert er kein Wort darüber. Sein Freund Auguste allerdings ist nicht so verschwiegen und hinterlässt uns einen Bericht über die Nacht, die der Priesterweihe vorausgeht.
Auguste findet Charles-Maurice in einem Zustand vor, in dem er ihn noch nie erlebt hat. Weinkrämpfe schütteln ihn, keinem einzigen vernünftigen Wort ist er zugänglich. Gleichsam erschüttert und hilflos wohnt Auguste dem Verlust jeglicher Selbstbeherrschung seines sonst so verschlossenen, stillen Freundes bei. Stundenlang wiederholt sich der selbe Wortwechsel: “Du musst es nicht tun”, sagt Auguste, “es ist noch nicht zu spät! Sag Deinem Onkel, dass Du es nicht tust, dass es eine einzige Lüge wäre!”, und Charles-Maurice antwortet: “Es gibt keinen Ausweg mehr, es ist alles zu spät, es gibt keinen Ausweg mehr, keinen Ausweg...” Wieder und wieder und wieder. Und er weint und weint und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Es gibt keinen Ausweg, und Charles-Maurice erklärt seinem Freund auch, warum: Er ist ein Krüppel, seine Eltern haben ihn enterbt, er ist des ständigen Kampfes mit seiner Mutter überdrüssig und müde und will nicht mehr und kann nicht mehr, es gibt keinen Ausweg, er ist ein Krüppel, man hat ihn enterbt, ihm sein Geburtsrecht genommen, es gibt keinen Ausweg... Irgendwann geht Auguste. Er kann ihm nicht helfen; niemand kann ihm helfen.

Charles-Daniel und Alexandrine de Talleyrand halten es nicht für nötig, der Weihe beizuwohnen, dem Ereignis, dem ihre ganzen und einzigen Bemühungen im Hinblick auf das Leben ihres Sohnes gegolten hatten.
Wie ein Opferlamm wirkt er, als er zum Altar geht, noch blasser als sonst, noch stärker hinkend als sonst, und dort vor seinem Onkel niederkniet.
“Mit heiligem Schauer muss man eine so hohe Stufe erklimmen und sich daran erinnern, dass diejenigen, die dazu berufen werden, sich durch himmlische Weisheit, Sittenreinheit und Gerechtigkeit auszeichnen müssen. Geloben Sie Ihrem Bischof Achtung und Gehorsam?”, fragt ihn Alexandre-Angélique de Talleyrand.
Er ist nicht berufen.
Und er legt seine gefalteten Hände in die seines Onkels, und dann sagt er, so leise, dass es außer seinem Onkel niemand hört: “Ich gelobe es.”
Seine Eltern haben gesiegt.



Ich habe versucht, mit diesem Text fünfundzwanzig Jahre eines ereignisreichen Lebens zusammenzufassen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Versuch nur unvollständig und bruchstückhaft sein kann. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, einen Eindruck zu vermitteln von diesen Jahren, die einen Menschen sicher mehr prägen als alles andere.
Eine freudlose Kindheit und eine verlorene Jugend können keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung sein, für nichts. Aber wenn man darum weiß, fällt es leichter, zu verstehen, worin manche Eigenschaften ihre Wurzel haben mögen. Wer um die Auswirkungen des Geldmangels weiß, unter dem die Familie Talleyrand-Périgord gelitten hat, wird Talleyrands grenzenlose Geldgier vielleicht in einem anderen Licht sehen. Wer um Chalais weiß, und welchen Eindruck dieser Ort in dem vernachlässigten, einsamen Kind hinterlassen hat, versteht vielleicht Talleyrands Stolz, und auch, wie tief er verletzt wurde, als seine Eltern ihm das Erstgeborenenrecht nahmen. Wer weiß, wie er gelitten hat unter der Soutane, die sie ihm gegen seinen Willen überzogen, kann sicher verstehen, dass er über seine Exkommunikation elf Jahre nach seiner Weihe nicht sehr unglücklich war. Und wer sich vorstellen kann, wie alleingelassen und ungeliebt er sich in seiner Kindheit und Jugend gefühlt haben muss, der kann vielleicht nachvollziehen, woher seine Verschlossenheit gekommen sein mag, seine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, seine Egozentrik - wer hätte sein Maßstab, seine moralische Instanz sein können, wenn nicht er selbst?
Wer hätte diese Kindheit unbeschadet überleben können?