Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Priester wider Willen: 1779-1792 PDF Drucken E-Mail
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Priester wider Willen: 1779-1792
Bischof von Autun


Im Dezember 1788 kommt ihm das Schicksal zur Hilfe: Der Bischof von Autun, Marbeuf, wird nach Lyon versetzt, und Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord erleidet einen Herzinfarkt. Auf dem Sterbebett tut er zwei Dinge: Erstens zitiert er seinen ältesten Sohn zu sich und hat zum ersten Mal in seinem Leben eine ernsthafte Unterhaltung mit ihm. Um was es dabei geht, bleibt unklar, man munkelt, der Vater habe seinen Sohn um Vergebung dafür gebeten, ihn sein Leben lang schlechter als einen Bastard behandelt zu haben; andere behaupten, er habe ihm dringend nahe gelegt, sich endlich am Riemen zu reißen und sich so zu benehmen, wie es dem Generalbevollmächtigten des Klerus nun einmal zukommt. Was auch immer der Vater dem Sohn in der Stunde seines Todes gesagt hat, es hat wesentlich weniger Einfluss auf dessen weiteren Werdegang, als die Tatsache, dass er als nächstes den König bittet, diesen seinen Sohn endlich zum Bischof zu machen. Es ist das einzige, was er jemals für ihn tut.


Louis XVI fühlt sich dem sterbenden Grafen verpflichtet. Die Talleyrand-Périgords können das Recht für sich in Anspruch nehmen, vom König von Frankreich mit „Vetter“ angeredet werden, und dieses Recht ist fast tausend Jahre alt. Louis XVI muss sich ihm beugen. Außerdem hat er Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord eigentlich schon immer gerne gemocht, und der Mann stirbt. Sein Sohn mag zwar ein Nichtsnutz sein, aber der König kommt seinem Wunsch dennoch nach - glücklich ist er damit nicht. Aber er nimmt seine Entscheidung auch dann nicht mehr zurück, als ihm Alexandrine de Talleyrand-Périgord einen mehr oder weniger offenen Brief schreibt, er möge ihren missratenen Sohn doch bitte auf gar keinen Fall zum Bischof machen, nichtsnutzig und durch und durch verdorben, wie er sei.


Am 16. Januar 1789 wird der ehrwürdige Carolus-Mauritius in der Kapelle von Issy zum Bischof geweiht. Die Zeremonie dauert sechs Stunden, die zum größten Teil im Stehen hinter sich gebracht werden müssen, und irgendwann wird der Abbé de Périgord ohnmächtig. Vor Schmerzen? Wegen der Anstrengung? Oder weil ihn die Ungeheuerlichkeit dessen, was er zu tun im Begriff ist, überwältigt? Vorher noch habe er, so ein Augenzeuge, gewirkt wie ein Schauspieler, den seine Rolle langweilt, und das Ritual teilnahmslos über sich ergehen lassen. Es ist wahrscheinlicher, dass es weniger Gewissensqualen, als körperliche Qualen waren, die ihm die Sinne haben schwinden lassen.


Er schweigt, er geht darüber hinweg, als sei nichts geschehen; am Abend nach seiner Weihe diniert er bei seiner Freundin Adélaïde de Flahaut, zusammen mit ihrem gemeinsamen Sohn. Auch die der Weihe vorhergehenden drei Tage der Kontemplation, die er im Seminar von Issy verbringt (das zu Saint-Sulpice gehört), lassen darauf schließen, dass der Abbé de Périgord den spirituellen Aspekt seiner neuen Aufgabe ein wenig vernachlässigt. Noch nie habe er einen so schwierigen Kandidaten gehabt, sagt der ihm als geistiger Lehrer zugedachte Abbé Duchoux hinterher, unaufmerksam und pietätslos sei er gewesen, und einmal sei sogar mitten im gemeinsamen Gebet die Tür aufgeflogen, eine ganze Horde „frivoler Leute“ sei hereingekommen und habe mit ihrem Freund den neuesten Klatsch und Tratsch aus Paris ausgetauscht.


Der ist nun also Bischof, noch kurz vor seinem 35. Geburtstag und damit der jüngste in Frankreich; das Durchschnittsalter liegt am Ende des Achtzehnten Jahrhunderts bei 60 Jahren. Mit dem Bischofssitz kommen eine ganze Menge Titel einher, mit denen er sich nun schmücken darf, Comte de Saulien, Baron d’Issy-Leveque, Lucenay, Grosme und Touillon. Keiner davon reicht zwar auch nur annähernd an den Namen Talleyrand-Périgord heran und an die Titel, die ihm seine Eltern dereinst genommen haben, aber immerhin, Titel sind Titel, und Geld ist Geld, auch wenn ihm der Bischofssitz nur 22.000 Livres pro Jahr einbringt. Denn Autun ist wohl die letzte Diozöse, die er sich gewünscht hätte, ein kleines, ärmliches Städtchen in der tiefsten Provinz, und noch dazu der Geburtsort seiner Mutter. Und der neue Bischof von Autun sieht zunächst einmal nicht ein, warum er auch in persona dort anwesend sein soll. Deshalb setzt er den Erzpriester seiner Kathedrale als seinen Stellvertreter ein und macht sich von Paris aus an die Umgestaltung seiner Diozöse, und das tut er zur vollsten Zufriedenheit des in Autun gespannt auf sein Tun und Wirken wartenden Klerus und seiner Gemeinde. Ja, man ist zufrieden mit ihm dort unten in der Provinz, trotz seiner andauernden Abwesenheit. Denn nicht nur schafft er es in kürzester Zeit, die Verwaltung effizienter zu gestalten, er schreibt auch wundervolle Briefe an seine Gemeinde. Diese Briefe werden von jeder Kanzel der Diozöse verlesen. Sie sind warm und menschlich, voller Hingabe und Sorge um die Belange der einfachen Leute, dabei von apostolischem Eifer, und sie gewinnen ihm im Nu die Herzen seiner Schäfchen. Als er sich dann am 12. März 1789 endlich tatsächlich nach Autun begibt, säumt jubelndes Volk die Straßen.


Das wahre Interesse an den ganz konkreten Problemen der Landbevölkerung hält sich bei einem Spross der Familie Talleyrand-Périgord zwar durchaus in Grenzen, aber Charles-Maurice hat seiner Erziehung und vor allem den vier Jahren bei seiner Urgroßmutter in Chalais ein wenn auch abstraktes, so doch recht stark ausgeprägtes Verantwortungsgefühl dem Volk gegenüber zu verdanken. In Chalais hat er gelernt, dass es die natürliche Aufgabe des Adels ist, die Untertanen zu beschützen, sie in einfachen, verständlichen Worten zu belehren und gelegentlich auch zu ihrer Erbauung beizutragen. Und das tut er mit seinen Hirtenbriefen.


Aber die Briefe und sein Besuch in Autun haben natürlich auch einen politischen Hintergrund. Es ist 1789, der Frühling vor der Revolution. Der Staat ist bankrott, der König hilflos, man will die Generalstände einberufen. Und der Bischof von Autun will als Vertreter des Klerus von Autun in die Generalversammlung gewählt werden. Insofern ist das, was er dort treibt, eine Art Wahlkampagne: unermüdlich redet er mit allen möglichen Leuten, lässt sich von ihren Sorgen und Wünschen berichten, hört aufmerksam zu, macht Versprechungen. Und man liebt ihn, der Jubel auf den Straßen reißt nicht ab. Nur einmal wäre es fast schiefgegangen: Er lässt sich vom Domkapitel dazu überreden, am 25. März (Mariä Verkündigung) eine Pontifikalmesse zu zelebrieren, was wie immer in ein einziges Chaos mündet. Man verzeiht ihm jedoch noch einmal, dass er sich so erstaunlich wenig vertraut mit den komplexen liturgischen Abläufen zeigt. Vielleicht ist das auch der Grund für die baldige Abreise des Prälaten, denn just am Ostersonntag sitzt er in der Kutsche nach Paris – noch eine Pontifikalmesse (die er in seiner Funktion als Bischof sicherlich an Ostern hätte halten müssen) wäre doch etwas zu viel des Guten gewesen.


Der Besuch in Autun war in zweifacher Hinsicht ein Erfolg: Zum ersten Mal in seinem Leben ist dem ungeliebten, von seiner Familie verstoßenen und so oft von allen Seiten angefeindeten Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord uneingeschränkte Sympathie und Zustimmung entgegengebracht worden, und zwar in einem überwältigenden Ausmaß. Und man wählt ihn in die Generalversammlung.


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Der Bischof von Autun als Abgeordneter des Klerus in der Nationalversammlung

Das Zusammentreten der Generalversammlung markiert den Beginn der französischen Revolution, und der Bischof von Autun avanciert zu einer der an ihrem Verlauf maßgeblich beteiligten Personen. Man kann ihn zu den Vertretern einer gemäßigten, linksliberalen Politik zählen, Extremismus und Gewalt, auch verbale, sind ihm wesensfremd; er plädiert für eine konstitutionelle Monarchie nach englischem Vorbild, mit Ober- und Unterhaus. Aber er kann die Entwicklung nicht aufhalten, nur moderieren.

 

Am 26. Juni 1789 schließt er sich gemeinsam mit einigen anderen Bischöfen dem Dritten Stand an. Weil man ihn als intelligenten und gemäßigten Menschen schätzt, wird er am 14. Juli, dem Tag, an dem die Bastille fällt, in die Gesetzgebende Versammlung gewählt, wo er zusammen mit Lafayette – mittlerweile auch häufig gesehener Gast an seiner Frühstückstafel - an der Erklärung der Menschenrechte mitwirkt. Er formuliert und erwirkt die Aufnahme von Artikel VI:


Das Gesetz ist Ausdruck des Willens des Volkes. Alle Bürger haben ein Recht, entweder persönlich oder durch ihre Vertreter an der Gestaltung mitzuwirken. Es soll für alle gleich sein, ob zum Schutz oder zur Bestrafung. Und alle sollen vor dem Gesetz gleich sein und die Möglichkeit haben, alle Ehren, Positionen und Ämter zu erlangen, entsprechend den Fähigkeiten des einzelnen, wobei keine andere Unterscheidung gelten soll als die nach Eignung und Talent.


Man kommt nicht umhin, eine recht persönliche Motivation für den Vorschlag dieses Artikels zu erkennen, der im Jahr 1789 eine ziemlich radikale Formulierung revolutionären Gedankenguts ist und ihm in der Nationalversammlung stehende Ovationen einbringt.


Der Bischof von Autun tritt nun nicht nur ein für die Freiheit des Menschen, Rede- und Pressefreiheit, gerechte Besteuerung und die bürgerliche Gleichstellung der Juden, sondern er erdenkt auch eine Methode, Darlehen zu versichern, entwirft die Polizeiordnung von Paris, und neben dem omnipräsenten Problem der Staatsverschuldung kümmert er sich um Bildungspolitik und verfasst einen Bericht über das öffentliche Erziehungswesen für das Verfassungsgebende Komitee, der noch hundert Jahre später das französischen Schulsystem prägen wird.


Und dann, am 10. Oktober 1789, bittet er den Vorsitzenden der Nationalversammlung ums Wort und macht einen schier unglaublichen Vorschlag, wie man dem Staatsbankrott beikommen kann. Der Antrag, den er einbringt, und der nach langer Diskussion – an der er sich mit keinem Wort mehr beteiligt - schließlich auch angenommnen wird, beginnt mit den Worten: Die Nationalversammlung erklärt, dass alles kirchliche Eigentum dem Staat zur Verfügung gestellt wird, [...]


Der Bischof von Autun hat die Kirche enteignet und die Kirchengüter verstaatlicht.

 

Dass er damit auch seine eigene Karriere als Kleriker demontiert, nimmt er offensichtlich gerne in Kauf, auch, dass ihn dieser Vorschlag landesweit in Verruf bringt – auf eben dieser Tat begründet sich sein Ruf als Verräter, der ihm sein Leben lang anhaften wird. Als das absolut Ungeheuerliche wird nämlich nicht die Enteignung der Kirche empfunden - die gefällt dem einen oder anderen gar nicht so schlecht - sondern die Tatsache, dass es ausgerechnet ein Kirchenmann ist, der sie initiiert hat. Dieser Aspekt erst macht die Sache monströs, und man beginnt, ihn mit anderen Augen zu betrachten. Was für ein Mensch kann das sein, der in der Kirche und durch die Kirche aufsteigt, um sie dann von innen heraus zu zerstören? Einer, der diese Karriere so niemals wollte, der von seinen Eltern, allen voran von seiner Mutter, dazu gezwungen wurde, diesen Weg einzuschlagen, und sich nun auf diese Art und Weise an dem System rächt, das er für sein persönliches Unglück verantwortlich macht. Seine Mutter bezeichnet ihn dafür jetzt in einem Brief aus dem Exil als Missgeburt, was einigen Anlass zu Spekulationen gibt. Es lässt ihn kalt.


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 Der Bischof hat die Soutane abgelegt

Die Enteignung der Kirchengüter ist der erste Schritt hinaus aus dem System, das ihm seine Jugend und sein Glück geraubt hat. Immer öfter sieht man ihn nun nicht mehr in Soutane, sondern in einem eleganten, gut geschnittenen Anzug, das Brustkreuz dezent zwischen den Spitzen seiner Halsbinde verborgen – welche Befreiung für den Fünfunddreißigjährigen, der im Alter von fünfzehn Jahren seine Schuluniform gegen dieses verhasste Kleidungsstück eintauschen musste, dessen einziger Vorteil es war, dass es seine Beine vor den Blicken der Damen verbarg. Das hat er jetzt nicht mehr nötig, und zwanzig Jahre Soutane sind genug. Zwanzig Jahre im Dienste Roms sind genug.


Am 14. Juli 1790 jährt sich der Tag, an dem mit dem Sturm auf die Bastille die Revolution begonnen hatte. Dieser Tag muss gefeiert werden, und da Frankreich 1790 noch katholisch ist, mit einer Messe. Der Bischof von Autun, der im Februar sogar für eine Woche das Amt des Präsidenten der Nationalversammlung inne gehabt hat, wird sie lesen, denn er ist der einzige Bischof, der noch in der Nationalversammlung sitzt. Da er diesmal nichts falsch machen will, übt er die Abläufe vorher bei sich daheim im Wohnzimmer. Zu diesem Zweck hat er noch einmal das Messgewand angezogen, der Kamin stellt den Altar dar, und sein kleiner Hund, der ihn immer überall hin begleitet, umspringt ihn dabei freudig aufgeregt und beißt ihm schließlich sogar in die Waden, was sowohl bei ihm als auch bei seinen anwesenden Freunden zu großer Heiterkeit führt. Am nächsten Tag hört man ihn kurz vor dem Beginn der Zeremonie zum Abbé Louis, der ihm ministriert, sagen, er solle ihn doch bitte nicht zum Lachen bringen. So bewusst ihm die Bedeutung des Ganzen ist, so lächerlich erscheint ihm das ganze Ritual.


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14. Juli 1790: Talleyrand, Bischof von Autun, zelebriert eine Messe zur Feier des Jahrestages des Sturms auf die Bastille

 

 

Und diesmal geht endlich einmal nichts schief. Er trägt ein weißes Messgewand und hat sich eine Tricolore um den Bauch gebunden, was in konservativen Kreisen zu großer Entrüstung führt, und dann sehen ihm vierhunderttausend Menschen dabei zu, wie er im strömenden Regen mit der Mitra auf dem Kopf auf seinen Hirtenstab und zwei ihn flankierende Priester gestützt die Stufen zum Altar hochsteigt, um dort das Tedeum anzustimmen. Er hat eine schöne, klangvolle Stimme, und wer ihn hören kann berichtet hinterher, dass er auch sehr schön singen kann. Und er singt nicht nur, er schwört auch einen Eid auf die Nation, die Verfassung und den König und weiht die Fahnen der Nationalgarde. Danach begibt er sich in einen Spielsalon, wo es ihm gelingt, die Bank zu sprengen – er gewinnt so viel Geld, dass er es sich in seinen Hut stopfen muss, um es zu transportieren.


Langsam begibt er sich auf dünnes Eis, was seine Beziehung zu Rom angeht.


Seinen „Austritt“ aus der Kirche besiegelt er jedoch am 28. Dezember 1790, indem er folgende Worte spricht: „Ich schwöre mit erhobener Hand, gewissenhaft meine Pflichten zu erfüllen, dem Gesetz, der Nation und dem König treu zu dienen, die Verfassung und im besonderen den Beschluss der zivilrechtlichen Konstituierung der Geistlichkeit zu unterstützen.“


Die „zivilrechtliche Konstituierung der Geistlichkeit“, also eine Verstaatlichung des Kirchenrechtes, geht weit über die Verstaatlichung der Kirchengüter hinaus. Hier wird das Fundament der römisch-katholischen Kirche angegriffen, hier werden dem Staat Machtbefugnisse eingeräumt, die seit unerdenklichen Zeiten nur dem Papst zustanden. Nur drei weitere Bischöfe leisten diesen Treueeid, und alle außer dem Bischof von Autun ziehen sich in die Provinzen zurück. Der Papst schäumt vor Wut.


Nun ist es endgültig Zeit für Talleyrand, sich von seiner Karriere in der Kirche zu verabschieden: So wie er die Soutane nicht mehr braucht, um seine Beine zu verbergen, so braucht er auch die Kirche nicht mehr, um zu größerer Macht aufzusteigen. Und er möchte dem Papst, der ihn dispensieren will, zuvorkommen: Anfang Januar 1791 erklärt er dem König in einem Brief, er wolle auf die Bischofswürde verzichten, da er von den Staatsaufgaben zu sehr in Anspruch genommen sei. Am 20. Januar schreibt er einen entsprechenden Brief nach Autun, in dem er dem dortigen Klerus nahe legt, sich um einen Nachfolger für ihn zu bemühen. Eine offizielle Rücktrittserklärung an Rom verfasst er nicht, ab jetzt lässt er den Dingen ihren Lauf.


Die Verhältnisse kommen ihm entgegen: Noch einmal, ein allerletztes Mal, muss er seine Messgewänder anlegen und eine Messe halten: Die zivilrechtliche Konstituierung der Geistlichkeit verbietet es Bischöfen, die den Eid auf dieses Gesetz nicht geleistet haben, neue Priester zu weihen. Neue Priester braucht es aber, denn ein Großteil der Geistlichen hat dem Gesetz nicht zugestimmt und damit seine Stellung verloren. Gleichzeitig droht Rom jedem Bischof, der es wagen sollte, in dieser Lage irgendwelche Priester oder gar Bischöfe zu weihen, mit der sofortigen Exkommunikation. Der Noch-Bischof von Autun meldet sich freiwillig.


Anhänger des Papstes schicken ihm Morddrohungen, die er ernst genug nimmt, um am Tag vor dem Ereignis sein Testament bei Adélaïde de Flahaut zu hinterlegen. Lafayette und seine Mannen postieren sich vor der Oratorianer-Kapelle in der rue Saint-Honoré, in welcher der Bischof von Autun nun (ungeübt und mit dem Ritus unvertraut wie immer) zwei Priester zu höheren kirchlichen Würden erhebt. Da währenddessen niemand versucht, ihn umzubringen, holt er am Abend sein Testament wieder bei seiner Freundin ab.


Der Papst belegt ihn jedoch mit einem Bannfluch und schreibt: Nichts Wünschenswerteres kann sich ereignen, als dass sich einer von der Kirche lossagt, der aus so vielen Gründen verdient, hinausgeworfen zu werden. Talleyrand ist geradezu entzückt, hinausgeworfen zu werden: Am 13. Mai 1791 erscheint das päpstliche Breve im Moniteur, und am selben Tag noch sendet er ein Billet an den Duc de Biron, einen seiner Freunde: Haben Sie schon die Neuigkeit gehört: Exkommunikation! Kommen Sie, um mich zu trösten und um mit mir zu soupieren. Jeder soll mir Wasser und Feuer verweigern, so werden wir heute Abend nur kaltes Fleisch und geeisten Wein haben.


Der Papst gewährt ihm sogar noch eine Gnadenfrist. Noch im März 1792 schickt er seinem abtrünnigen Schäfchen einen privaten Brief, in dem er ihm 60 Tage Zeit gibt, seine Irrtümer rückgängig zu machen und seine Sünden zu bereuen. Sollte er dieser Aufforderung nicht innerhalb der gesetzten Frist nachkommen, drohe ihm die Exkommunikation und der endgültige Ausschluss aus der heiligen römisch-katholischen Kirche. Er kommt der Aufforderung nicht nach. Und als die 60tägige Frist verstrichen ist, macht Papst Pius VI. seine Drohung schließlich wahr und exkommuniziert ihn.

Er ist frei.





Dreiundzwanzig Jahre sind vergangen, seit Charles-Daniel seinen Sohn aufgrund seiner Behinderung enterbt, dreiundzwanzig Jahre, seit Onkel Alexandre-Angélique seinen Neffen in seinem Palais in Reims willkommen geheißen und dem entsetzten Jugendlichen als Begrüßungsgeschenk eine schwarze Soutane und ein wertvolles Brustkreuz überreicht hat.

Er wollte nicht Priester werden. Unglücklich und unwillig beugte er sich einem Zwang, dem er nicht entkommen zu können glaubte; vielleicht gab es wirklich keinen Ausweg. Und er wusste, er sagte es ihnen, wieder und wieder, dass er dazu nicht geeignet sei und nicht die geringste Neigung zu diesem Beruf verspüre. Sie wollten nicht hören. Er solle es doch einfach als einen Weg zur Macht sehen, versuchte sein Onkel dem Fünfzehnjährigen eine Karriere in der Kirche schmackhaft zu machen.

Kann man ihm wirklich verübeln, dass er genau das getan hat?




 
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