Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Priester wider Willen: 1779-1792 PDF Drucken E-Mail
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Priester wider Willen: 1779-1792
Bischof von Autun
Priester wider Willen: 1779-1791

Talleyrands Karriere in der Kirche ist ein Lehrstück über die Kunst, das Beste aus einer Situation zu machen. Dem Mann, der noch am Tag vor seiner Priesterweihe bittere Tränen über sein Schicksal vergossen hatte, gelang es in den darauf folgenden Jahren, den größtmöglichen Nutzen aus dem zu ziehen, wozu man ihn so ganz und gar gegen seinen Willen gezwungen hatte. Bis zu dem Tag, an dem der Lauf der Geschichte ihm erlaubte, sich zu befreien.


Priester wider Willen: 1779-1791
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 Der Abbé de Périgord

Als der fünfundzwanzigjährige Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord am Morgen des 19. Dezember 1779 aufwacht, hat er seine Selbstbeherrschung wieder erlangt. Er hat seine Tränen getrocknet, und da er glaubt, dass ihm nichts anderes übrig bleibt, als sich in sein Schicksal zu fügen, hält er nun, so wie es von ihm verlangt wird, seine Antrittsmesse. Er ist schlecht vorbereitet, seine Nerven liegen schon seit Tagen blank, und was schief gehen kann, geht schief: Er stolpert über sein Messgewand, bringt den Ablauf durcheinander, hat den Text vergessen. Und sichtlich bemüht, den überaus frommen und andächtigen Ausdruck, den er seinem Gesicht verliehen hat, aufrecht zu erhalten, kann er sich ein Lachen, das mit Fröhlichkeit wenig zu tun hat, kaum verkneifen; die Situation, in der er sich befindet, ist zu absurd. Ein Priester, ausgerechnet er! Aber es ist geschehen, sein Onkel Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord hat ihn geweiht am Tag zuvor, der Alptraum ist wahr geworden. Charles-Maurice hat sich letzten Endes doch gefügt. So wie er sich schließlich immer in alles fügt, was seine Eltern und sein Onkel von ihm verlangen: widerwillig, unglücklich, trotzig schweigend.

 

Er reißt sich zusammen und bringt die Messe hinter sich. Aber die unfreiwillige Komik seines Auftritts bringt die Gemeinde dennoch zum lachen – alle außer seine Eltern, die in der ersten Reihe sitzen und dem Schauspiel mit versteinerten Gesichtern zusehen. Diese Messe ist die erste von ganzen sieben, die er in seinem Leben halten wird, und bis auf eine einzige Ausnahme, von der noch die Rede sein wird, sind sie alle so: gelesen von einem gut aussehenden, aber hinkenden Priester in einem kostbaren Messgewand, der zur falschen Zeit am falschen Ort die falschen Worte spricht, und dabei kurz vor einem hysterischen Lachanfall steht.


Die praktische Seite des Priesterseins hat ihn nie interessiert. Er ist kein Pfarrer, kein seelsorgender Hirte, und das weiß auch sein Onkel, der die wahren Qualitäten seines Neffen recht gut einschätzen kann und ihm deshalb ein Amt verschafft. Onkel Alexandre-Angélique fürchtet (wohl zu Recht), dass der junge Mann sich sehr bald zu langweilen beginnt und auf dumme Ideen kommt, wenn er weiterhin einfach so 18.000 Livres im Jahr verdient, ohne einen Finger krümmen zu müssen, ohne dass sein überragender Intellekt gefordert wird, und ohne dass sein Opfer irgendwie entschädigt wird. Denn Onkel Alexandre-Angélique weiß auch, dass er ein Versprechen zu halten hat. Wer sein Leben der Kirche schenkt, soll reich belohnt werden; Macht und Geld im Tausch gegen Freiheit, das hat er seinem Neffen seit dessen fünfzehnten Lebensjahr mit allen Mitteln eingetrichtert. Jetzt hat der dickköpfige Neffe endlich klein beigegeben und sich weihen lassen, und nun ist Zahltag.


Es ist nicht irgendein Amt, das der Erzbischof von Reims seinem Neffen angedeihen lässt: es ist das Amt des Generalbevollmächtigten des Klerus. Der Generalbevollmächtigte des Klerus ist verantwortlich für die Verwaltung des Fiskus der Kirche des Landes, seine Stellung entspricht also in etwa der des Finanzministers eines Staates. Außerdem obliegt ihm die Verwaltung und Koordination von zu diesem Zeitpunkt etwa 40.000 Kirchengemeinden, und, was vielleicht noch wichtiger ist, er ist der Mittler zwischen Kirche und Staat.


Es ist also ein ungeheuer mächtiges Amt, in das der gerade Sechsundzwanzigjährige am 10. Mai 1780 von seinem Onkel eingeführt wird. Oder besser: Das Sprungbrett zu wahrer Macht. Denn bislang wurde ohne Ausnahme noch jeder Generalbevollmächtigte des Klerus nur kurze Zeit später zum Bischof ernannt.


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 Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord

Da erträgt es der frischgebackene Generalbevollmächtigte auch ohne zu murren, sich geschlagene zwei Stunden lang den Sermon seines Onkels anzuhören (wie verantwortungsvoll sein Amt doch sei, wo er welche Akten zu finden habe, wen er in diesem oder jenem Fall zu kontaktieren habe) – im Stehen, versteht sich, denn eine ganze Menge anderer Kirchenmänner sind anwesend, die in der Rangfolge alle über ihm stehen und sich auch nicht setzen dürfen, weshalb auch der Neffe stehen bleiben muss. Die Erschöpfung, die Folge dieser nur mit Mühen und zusammengebissenen Zähnen ertragenen Amtseinführung ist, führt zu ganz unpriesterlichen Abenteuern, in die der Duc d’Aiguillon und die verstoßene Mätresse des verstorbenen Königs, Madame Dubarry verwickelt sind, aber sie sollen aus Gründen der Diskretion und des Themas hier verschwiegen werden.


Überhaupt verhält sich der junge Mann nicht ganz so, wie es seinem Amt und seinem Status wohl angemessen wäre, und wie es seinen Eltern und seinem Onkel gefallen würde. Nicht, dass er seine Aufgabe nicht besser als hervorragend erfüllen würde. Nein, hier kann er seine Fähigkeiten endlich entfalten, und er erweist sich als einer der besten Generalbevollmächtigten, die die französische Kirche je hatte: er hat exzellente Fähigkeiten in der Verwaltung, erkennt sofort den tieferen Kern eines Problems und ist in der Lage, es schnell und effizient zu lösen, er ist umsichtig und geschickt im Umgang mit Finanzen, beharrt in jedem Fall auf legaler und ordnungsgemäßer Vorgehensweise, zeigt außerordentliches diplomatisches Geschick, und ist mutig genug, auch neue, innovative Vorschläge zu machen. Und er arbeitet sehr hart.


Das ist eine Fähigkeit, die man mit Talleyrand gewöhnlich nicht sofort in Zusammenhang bringt, und er selbst hat in der Tat viel dazu beigetragen, sich den Ruf eines faulen, lässigen und trägen Menschen zu erwerben, dem seine Erfolge einfach aufgrund seiner Genialität zufallen. Aber während er mit seiner eigenen Faulheit kokettiert, ist er in Wahrheit ausgesprochen fleißig und erheblich dienstbeflissener, als er jemals zugegeben hätte. Und es ist nur gut, dass er so hart arbeiten kann, denn er muss doppelte Arbeit leisten: Das Amt des Generalbevollmächtigten des Klerus teilen sich immer zwei Männer, aber der Kollege des Abbé de Périgord, der Abbé de Boisgelin, hat sich durch eine Affaire mit einer ehemaligen Mätresse von Louis XV, der Madame de Cavanac, diskreditiert und fällt damit als ernstzunehmender Vertreter der Kirche aus. De Boisgelin behält das Amt, rührt jedoch keinen Finger mehr und lässt seinen jungen Partner tun, was dieser will. So hat der Abbé de Périgord zwar doppelte Arbeit, aber auch erheblich mehr Macht, als er  hätte, wenn der Neffe des Erzbischofs von Aix sich nicht resigniert von allen Dienstgeschäften zurückgezogen hätte.


Es sind dies wichtige Lehrjahre im Leben des zukünftigen Politikers und Diplomaten. Er lernt eine Menge über Verwaltung und Betriebsführung, über Wirtschaftslehre und Finanzen, und nicht zuletzt über Staatsgeschäfte und Diplomatie – schließlich vertritt er die Interessen der Kirche vor dem Staat und unterhält somit Kontakte zum Hof, zu Ministern wie Turgot, Castries, Choiseul, Maurepas, Malesherbes und Necker. Und was könnte eine bessere Schule für politisches Überleben und die Kunst der Intrige sein als Versailles?


Er arbeitet also hart im Dienste der Kirche, sein Einsatz für die Besserstellung und die Erhöhung des Gehalts des niederen Klerus in den Provinzen gewinnt ihm auch die Sympathien der kleinen Landpfarrer, die oftmals am Rande des Existenzminimums leben, er pflegt gesellschaftlichen Umgang mit den Mächtigen des Landes – warum also dauert es acht endlose Jahre, bis man ihn endlich zum Bischof macht?


Weil ihm sein Privatleben und der Umgang, den er außerhalb von Versailles pflegt, erheblich weniger Sympathien einbringen. Weder bei seinen Eltern, noch bei seinem Onkel, noch beim König, der letzten und wichtigsten Instanz auf dem Weg zur Mitra.


Es ist in den achtziger Jahren des Achtzehnten Jahrhunderts keineswegs ungewöhnlich, dass ein Kirchenmann eine Beziehung zu einer Frau pflegt, und auch über die gelegentliche Äußerung eines nonkonformen und kritischen Gedankens wird wohlwollend hinweggegangen. Der Generalbevollmächtigte des Klerus überspannt den Bogen aber ein wenig.


Er pflegt nicht nur die Beziehung zu einer Frau, sondern ist umgeben von einem ganzen Harem junger, hübscher und intelligenter Damen der Gesellschaft, die den gut aussehenden, charmanten und geistreichen jungen Mann anhimmeln.


Abgesehen von den vielen Liebschaften, die daraus erwachsen, lebt er mehr oder weniger offen mit einer von ihnen zusammen; Talleyrands Verhältnis mit Adélaïde de Flahaut ist das eheähnlichste, das er jemals hat. Knapp zehn Jahre lang ist er mit ihr zusammen, er schläft häufiger unter ihrem Dach, als unter seinem eigenen, er speist fast täglich mit ihr zu Abend, er empfängt Gäste in ihrem Wohnzimmer und erwirbt sich schnell den Status des Herrn des Hauses. Und all das, während der Ehemann seiner Geliebten, 36 Jahre älter als diese, durch schweres Rheuma ans Bett gefesselt nebenan im Schlafzimmer liegt. Als Adélaïde 1784 feststellt, dass sie schwanger ist, ist es offensichtlich, dass der Vater nicht der alte, kranke Comte de Flahaut de la Billarderie ist, obwohl der seiner Frau die Güte erweist und die Vaterschaft anerkennt – die Wahl des Vornamens des am 21. April 1785 geborenen Charles de Flahaut lässt Interpretationsspielraum, und die verblüffende Ähnlichkeit des Kindes mit dem Abbé de Périgord erstickt schließlich jeden Zweifel im Keim. Der schweigt; weder bestätigt noch dementiert er seine Vaterschaft, aber sein Verhalten gibt allen Anlass zu glauben, dass er sich tatsächlich freut, Vater eines gesunden Jungen geworden zu sein. Und zu oft sieht man die drei miteinander bei Vergnügungen, die einer kleinen Familie vorbehalten sind, bei Sonntagsspaziergängen zum Beispiel – sehr kurzen, denn der Abbé de Périgord kann nicht gut gehen – als dass nicht vollkommen klar wäre, dass er nicht nur der Vater des Jungen, sondern auch noch stolz darauf ist.


Aber da ist nicht nur die kleine, seltsame Familie, zu der sich der Generalbevollmächtigte des Klerus auf diese Weise indirekt bekennt. Nicht nur die vielen anderen Damen, mit denen er zur gleichen Zeit eine kürzere oder längere, mehr oder weniger heftige Liaison hat. Auch nicht nur die Tatsache, dass er seine Kontakte zum Finanzminister Calonne dazu benutzt, recht erfolgreich an der Börse zu spekulieren. Und er spielt nicht nur an der Börse, er ist auch bestens bekannt in allen gehobenen Spielsalons von Paris; wenn er nicht Brüste oder Schenkel streichelt, dann hält er Karten in der Hand. Oder er trifft sich mit Leuten, deren Reputation der seinen nur weiteren Schaden zufügen kann: Schon lange besucht er Häuser und Salons, die vom Hof misstrauisch beargwöhnt, und wo Meinungen geäußert werden, die nur noch mit äußerstem Wohlwollen unorthodox genannt werden können. Und er versammelt sie an seiner Tafel, meistens zum Frühstück: Freidenker, Dichter, Dramatiker, Künstler, Wissenschaftler aller möglichen Couleur, unter ihnen einige Physiokraten, von deren Lippen der Gastgeber gierig alles aufsaugt, was sie ihm über Finanzpolitik erzählen können – neben seinen praktischen Erfahrungen mit dem Verwalten des Fiskus der Kirche wird hier sozusagen der philosophische Unterbau für Talleyrands Verständnis von Wirtschaft und Geldgeschäften gelegt.


Die Physiokraten sind noch das kleinere Übel. Schlimmer ist es, dass auch Leute wie der Duc d’Orléans und Mirabeau zu diesen Treffen erscheinen. Ansonsten ist es eine recht wilde Mischung: Choderlos de Laclos, der Verfasser der Liaisons dangereuses, kommt genau so wie Marmontel, ein sich im Dichten versuchender Bauer, Armand de Gontaut, Duc de Lauzun vertritt den Hochadel, der Schweizer Bankier Panchaud die Hochfinanz, dann sind da Joseph Barthès, der Abbé Delille, Sébastien de Chamfort, der eigentlich der Sohn eines Krämers ist und sich das de einfach so selbst in den Namen gesetzt hat, Pierre du Pont de Nemours, der Abbé Louis, Rulhière – dem Abbé de Périgord ist es egal, ob jemand der Sohn eines Bauern ist, wenn er klug und amüsant ist, etwas Interessantes zum Gespräch beitragen kann und sich zu benehmen weiß. Dem Abbé de Périgord ist es ebenso egal, was man am Hof und in hofnahen Kreisen von ihm denkt. Auch seine beiden besten Freunde, Auguste de Choiseul, der Neffe des mittlerweile in Ungnade gefallenen Ministers Etienne-François de Choiseul, und Louis de Narbonne-Lara, allem Anschein nach unehelicher Sohn von Louis XV und dessen leiblicher Schwester, Madame Adélaïde, sind Personen, mit denen man, will man am oder durch den Hof Karriere machen, nicht unbedingt Umgang pflegen sollte, und auch sie tragen dazu bei, dass der Generalbevollmächtigte des Klerus dort allmählich zur persona non grata wird.


Es ist ihm egal, was man über ihn denkt. Es ist ihm mittlerweile auch egal, was seine Mutter über ihn denkt – natürlich muss er sich von ihr anhören, was er sich in den letzten Jahren schon so oft hat anhören müssen: dass er zu wirklich gar nichts tauge und eine Schande für die ganze Familie sei – es ficht ihn nicht mehr an. Vorbei die Tage des sehnlichen Wünschens und Hoffens, sie könnte ihn ja vielleicht doch eines Tages lieb gewinnen: Er hat sich mit einer immer häufiger tatsächlich empfundenen Gleichgültigkeit ihr und allen anderen gegenüber gewappnet, die ihn nicht mögen, die ihn als moralisch verkommen und nichtsnutzig bezeichnen – sollen sie doch. Seine Freunde, die Freiheit zumindest des Geistes, die Frauen und das Glücksspiel, seine Vergnügungen, die die selbsternannten Wächter der Moral ihm verübeln, all das ist ihm wichtiger.


Und weil das so ist, weil der Abbé de Périgord die unmöglichsten Menschen bei sich empfängt und die unmöglichsten Salons frequentiert, mit seiner Mätresse und seinem Sohn öffentlich Sonntagsspaziergänge unternimmt, beim Whist Unmengen Geld gewinnt oder verspielt, ebenso schamlos wie erfolgreich sein Wissen über die Staatsgeschäfte bei seinen Spekulationen an der Börse ausnutzt, und ihn dabei jegliche Kritik an seinem Verhalten absolut peripher tangiert, wird er auch nicht Bischof.


Bis sein Vater stirbt.




 
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