Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Vom Emigrant zum Außenminister PDF Drucken E-Mail
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Vom Emigrant zum Außenminister
2.Akt
3.Akt
3. Akt


Unglücklich sitzt er auf ihrem Sofa und starrt missmutig ins Leere. Was los ist, will sie wissen. Er hat kein Geld, verrät er ihr. Das ist nichts Neues, und so oft, wie er sie gefragt hat, ob sie ihm Geld leihen kann, so oft hat sie auch schon abgeleht. Auch sie kennt ihn, sie weiß, dass er ein Meister im Geldausgeben ist, und dass das meiste davon an irgendwelchen Spieltischen verjubelt wird. Er hält ihr seine geöffnete Geldbörse unter die Nase, „Da, sieh nur, diese 25 Louisdor sind alles, was ich noch habe!“ Was sich sonst noch einmal in dieser Geldbörse befunden hatte, hat er in der Tat nur kurz zuvor beim Whist verloren, aber das muss sie ja nicht wissen.


Germaine ist jedoch noch nicht angemessen gerührt, weshalb stärkere Geschütze aufgefahren werden müssen. Er hat schon oft an ihr Mitleid appelliert, aber nun tut er etwas, das er in seinem Leben nicht sehr oft tut: Er bringt seine Behinderung aufs Tapet. „Germaine, Du weißt, dass ich nicht zu Fuß gehen kann, ich brauche wenigstens eine Kutsche!“, ruft er, und jetzt hat er sie da, wo er sie haben will. Denn der verkrüppelte Fuß, den er ihr da in Erinnerung ruft, steht nicht nur für die alltäglichen Einschränkungen und die Schmerzen, unter denen er zu leiden hat. Er steht auch für die Einsamkeit seiner Kindheit und die Lieblosigkeit seiner Eltern, dass man ihn verstoßen und dass er nie das bekommen hat, was er sich wünschte. Und natürlich will sich Germaine nicht in die Reihe derer einreihen, die ihm versagten, was ihm aufgrund seiner Geburt zustand. Sie liebt ihn, und sie will, dass er sich nicht schon wieder ungeliebt und verstoßen fühlen muss, dass er dieses eine Mal bekommt, was er will.


Wenn ich nicht bald irgendwoher Geld bekomme, schieße ich mir das Hirn aus dem Kopf!“, bekräftigt er seine Verzweiflung, und ob sie diese Selbstmorddrohung ernst nimmt oder nicht, sie verspricht ihm, sich mit allen Mitteln bei Barras für ihn einzusetzen. Zufrieden geht er nach Hause und wartet, was passiert.


Die Theatralik dieses Auftritts wird nur noch von dem Germaines bei Paul Barras übertroffen. Sie weint und rauft sich die Haare, sie wirft sich vor ihm zu Boden, sie bettelt und fleht ihn an, ihrem armen, vom Schicksal so arg gebeutelten Freund eine Chance zu geben, „Man hat ihn schon so oft benachteiligt und übergangen, Sie können ihm das nicht antun!“ Barras’ Mitleid mit dem vom Schicksal Gebeutelten hält sich in Grenzen, aber er verspricht ihr, ihn zumindest in Betracht zu ziehen. Um ihn vorher wenigstens einmal persönlich kennen zu lernen, lädt er ihn zum Mittagessen in sein Landhaus in Suresnes ein. Jetzt ist es wieder an Talleyrand, sein Schauspielkönnen unter Beweis zu stellen, und es bietet sich ihm die perfekte Kulisse, in der er agieren kann.


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 Paul Barras



Er ist ein bisschen zu früh, und deshalb bittet man ihn, in der Bibliothek zu warten, was er gerne und geduldig tut. Zwei junge Männer kommen kurz herein, fröhlich lachend und gut gelaunt, sehen auf die Uhr und stellen einhellig fest, dass noch genug Zeit ist, ein wenig schwimmen zu gehen. Es ist ein wunderbarer, warmer Sommertag. Nur wenig später hört Talleyrand durch das geöffnete Fenster aufgeregtes Rufen und Schreien, er eilt in den Garten und erfährt, dass einer der beiden, Barras’ Sekretär Raymond, an diesem wunderbaren, warmen Sommertag beim Baden in der Seine in einen Strudel geraten und ertrunken ist.


Talleyrand weiß, wer der junge Mann ist. Paul Barras macht in der Liebe wenig Unterschiede zwischen Männern und Frauen, und Raymond stand in einem sehr ähnlichen Verhältnis zu ihm, wie etwa Germaine de Staël. Entsprechend erschüttert ist Barras über den Tod seines Liebhabers. Talleyrand sucht den Unglücklichen, und nun erweist sich seine Ausbildung zum Priester als ein Segen. Derart ausgeprägte Seelsorgerqualitäten hätte er sich vermutlich selbst nicht zugetraut, aber er findet die richtigen Worte. Worte, die von Herzen zu kommen scheinen, verständnisvolle, tröstende Worte; er trocknet Barras’ Tränen und nimmt ihn damit voll und ganz für sich ein.


Nur wenige Tage später, am 17. Juli - Talleyrand wohnt passenderweise gerade einer Theateraufführung bei - erreicht ihn die Nachricht, Barras habe ihn soeben zum Minister der Auswärtigen Angelegenheiten ernannt. Drei zu zwei hat das Direktorium abgestimmt, La Révellière-Lépeaux und natürlich Rewbell haben sich gegen ihn ausgesprochen. Egal, das Ziel ist erreicht, und auf dem Weg zu Barras, auf dem ihn Benjamin Constant und Boniface de Castellane begleiten, steigert sich Talleyrand in einen Zustand herein, in dem man ihn gewöhnlich nicht kennt. Hin und wieder bröckelt die Fassade des blasierten, gelangweilten Grandseigneurs, und dann brechen jahrelang unter Verschluss gehaltene Gefühle hervor, anscheinend unkontrollierbar und sehr irritierend für die Zeugen dieser seltenen Vorkommnisse.


Die Stellung ist erreicht, jetzt werde ich ein unglaubliches Vermögen anhäufen, une fortune immense, une fortune immense, une fortune immense... murmelt er ohne Unterlass, wobei er seinen rechts und links von ihm sitzenden Freunden im Takt der Kutschenräder und dieses seltsamen Mantras auf die Schenkel schlägt. Une fortune immense, Geld, endlich Geld, das ist alles, was ihm auf dem Weg zu Barras durch den Kopf geht.


Vielleicht ist diese Anekdote die Erfindung von Benjamin Constant, der später Germaine de Staëls Partei gegen Talleyrand ergreifen wird, oder Talleyrand verwandelt sich in diesem Moment wieder in den fünfzehnjährigen Jungen, den seine Eltern zwingen, eine Soutane zu tragen, weil sie es sich nicht leisten können, ihrem behinderten Sohn eine andere Zukunft zu ermöglichen. Daraus nämlich hat er eine Lehre gezogen: Geld ist das einzige, was Unfreiheit und Abhängigkeit verhindern kann. Geld macht frei, und Geld macht glücklich. Das muss so sein, denn kein Geld zu haben macht unglücklich, das weiß er nur zu gut. Und nun ist er auf dem besten Weg, sehr reich zu werden. Une fortune immense wartet auf ihn.


Bei Barras angekommen, fällt er diesem um den Hals. Er fällt auch allen anderen Leuten um den Hals, denen er in Barras’ Haus begegnet; sogar ein am Fuße der Treppe wartender Lakai und der Portier werden in diesem Taumel der Glückseligkeit umarmt und geküsst.


 

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 Talleyrand als Außenminister unter dem Direktorium

Die mit dem Amt daherkommende Wirklichkeit, die ebenso überraschende wie absolute Machtlosigkeit, mit der er sich unter dem Direktorium konfrontiert sieht, ist ernüchternd. Er wird schikaniert und gegängelt, und noch dazu lässt die fortune immense auf sich warten: Er wird allen Ernstes in Naturalien bezahlt. Was soll er mit all den Lagerhallen voller Weizen, der nun ihm gehört? Diese Unanehmlichkeiten halten ihn allerdings nicht davon ab, in den ersten vier Wochen seines Außenministerdaseins das 25fache des Jahresetats seines Vorgängers auszugeben: Gekleckert wird nicht im Hause Talleyrand.


Trotzdem ist seine Lage noch sehr viel weniger erfreulich, als er es sich vorgestellt hat. Lange Zeit beißt er die Zähne zusammen, dann kommt er aber zu dem Schluss, dass es so nicht weiter gehen kann. Und so beginnt er einen Briefwechsel mit einem erfolgreichen jungen General korsischer Abstammung, dem 27 Jahre alten Napoleone Buonaparte, oder Napoléon Bonaparte, wie er sich nennt, der soeben in Italien gegen die Österreicher kämpft. Es wird bis zum 6. Dezember 1798 dauern, bis er diesem Bonaparte zum ersten Mal tatsächlich begegnet. Diese Begegnung, das Zusammentreffen dieser beiden Männer, wird nicht nur ihrer beider Leben verändern. Es wird das Gesicht Europas verändern. Aber das ist eine andere Geschichte, und sie soll an anderer Stelle erzählt werden.




 
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