Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Vom Emigrant zum Außenminister PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Vom Emigrant zum Außenminister
2.Akt
3.Akt
2.Akt


Am 4. April 1797 hält der zurückgekehrte Ex-Exilant eine öffentliche Vorlesung im Institut Français. Er spricht über „Die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika“; der Inhalt seiner Rede entspricht im Wesentlichen dem des Memorandums, das er an den Lord of Lansdowne geschickt hat: Er legt dar, wie freie und gerechte Marktwirtschaft zu wachsendem Wohlstand und dauerhaftem Frieden zwischen den Nationen führen kann.


Sein Vortrag wird mit frenetischem Beifall bedacht und am nächsten Tag in den Zeitungen in den höchsten Tönen gelobt. Wie eloquent er gesprochen habe, wie grazil und anmutig seine Handbewegungen gewesen seien, wie elegant seine Kleidung, wie kunstvoll seine Frisur. Was er nun genau über die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika zu berichten gewusst hatte, tritt dabei ein wenig in den Hintergrund, aber das ist ihm Recht, denn darum ging es ja auch nicht, sondern um eine glanzvolle Rückkehr in das öffentliche Bewusstsein. Und das ist ihm gelungen. Mit Sternchen und Lorbeerkranz. Er muss den Vortrag vor dem Spiegel einstudiert haben, denn eigentlich ist er kein besonders begabter Redner – seine Begabung liegt in der Konversation. Er kann ein Gespräch führen, er kann unterhaltsam plaudern, er kann besser als irgend jemand anderes zuhören. Ein Demagoge ist er jedoch nicht gerade.


Nun aber hat dieser doch recht wenig volksnahe Aristokrat im postrevolutionären Paris die beste Publicity, die er sich nur hat wünschen können. Er hat die Menschen mit Stil und Eloquenz bezaubert und dabei die Handelsbeziehungen zwischen England und Amerika auf’s Präziseste analysiert: Der Mann versteht etwas vom Welthandel!


Um diese Ansicht zu festigen, setzt er wenig später, am 3. Juli, noch eins drauf und hält einen Vortrag über die Beziehungen Frankreichs zu seinen Kolonien. Er rät dazu, sich von Amerika abzuwenden, das zu weit entfernt, zu teuer und noch dazu von Großbritannien bedroht wird, und sich auf Marokko, Algerien und vor allem Ägypten zu konzentrieren. Dabei plädiert er für einen respektvollen Umgang mit Land und Leuten: Keine Ausbeutung, sondern der Aufbau einer florierenden Wirtschaft, die auf beidseitigem Interesse beruht, sei anzustreben und das Mutterland als eine beschützende Macht zu betrachten, die Frieden und Wohlstand bringt. Wie das allerdings zu bewerkstelligen sei, wie man die Länder zu erobern und die dort einheimische Bevölkerung davon zu überzeugen habe, dass es in ihrem Interesse sei, eine französische Kolonie zu werden, verrät er nicht. Hier zeigt sich sehr deutlich eine gewisse Praxisferne, was militärische Unternehmungen angeht, und das wird sich auch niemals ändern: Talleyrand ist ein ‚unverbesserlicher Zivilist’, wie Napoleon ihn später einmal nennt.


Dennoch wird auch diese Rede mit Begeisterung aufgenommen. Wer träumt nicht von Frieden und Wohlstand? Es sind Talleyrands erklärte Ziele, sowohl privat für sich selbst, als auch für Frankreich. Auch das wird immer so bleiben.


Beflügelt vom Erfolg seiner Vortragsreihe will er eine dritte Vorlesung halten, diesmal über „Die Rolle der Salons in der jüngeren Geschichte“, lässt sich aber glücklicherweise von Freunden davon abhalten – zu frisch ist die Erinnerung an die Revolution und die Zeit davor. Das Volk liebt ihn wieder, das gilt es nun nicht durch Anspielungen auf die aristokratischen Protagonisten der Revolution auf’s Spiel zu setzen. Außerdem wird es Zeit, den nächsten Schritt in Angriff zu nehmen. Nun wird der Plan, das Finanzministerium zu erobern, konkreter.


Warum das Finanzministerium? Talleyrand findet, dass es seiner Begabung und seinen Fähigkeiten im größten Maße entspricht – 1797 ist er wohl das, was man heute einen Wirtschaftswissenschaftler nennen würde. Zehn Jahre lang hat er Erfahrung mit der praktischen Verwaltung des Fiskus der Kirche gesammelt, er kennt sich mit dem internationalen Bank- und Handelswesen aus, er hat ein Händchen für Finanzen. Und er liebt Geld auch auf seinem eigenen Konto. Da erscheint das Finanzministerium wie geschaffen für ihn. Relativ gefahrlos lässt es sich da reich werden, und mit viel Arbeit scheint es ihm auch nicht einherzugehen. Das ist gut, denn er ist kein großer Freund von anstrengender Arbeit.


Eine Alternative wäre das Außenministerium, mit dem Ausland kennt er sich schließlich auch aus. Außerdem besteht bereits eine gewisse, wenn auch sehr persönliche Beziehung zu diesem Amt: Mit der Frau des derzeitigen Außenministers, Charles Delacroix, unterhält Talleyrand eine Liaison, welcher bald sogar ein Kind entspringt: Eugene Delacroix, der später ein gefeierter und von ihm sehr geförderter Maler wird.


Die Leitung des Auswärtigen Amtes ist jedoch mit erheblich mehr Aufwand und Risiko verbunden, und eigentlich ist ihm das zu anstrengend.


Letzten Endes spielt es aber keine Rolle, jede Position ist Recht, wenn sie ihn nach oben führt. Und just im Juli 1797 müssen fünf Ämter neu besetzt werden. Schwierig ist es nun nur, den Verantwortlichen klar zu machen, dass ausgerechnet er der beste Kandidat für all diese Ämter ist, jubelnde Reporter hin oder her – Talleyrand kennt die Herren Direktoren nicht persönlich, und diese haben größte Ressentiments ihm gegenüber. Es steht ihm sein Ruf, lasterhaft und durchtrieben zu sein im Weg, da hilft auch Wissen und Klugheit wenig - und schon einmal gar nicht Eleganz und Stil, denn das ist genau das, was die neuen Machthaber nicht haben, niemals haben werden, und aus tiefstem Herzen verabscheuen.

rewbell.jpg
 Jean-François Rewbel

Vor allem Rewbell hasst Talleyrand, und verspritzt Gift und Galle: „Er ist ein Hinkefuß, ein Krüppel, ein Mensch, der nur über einen Teil seiner Gliedmaßen verfügt und sich kaum auf zwei ausgezehrten Knochen zu halten vermag. Er ist ein lebender Toter, für den es gar keine Entschuldigung gibt, wo es für andere noch eine gäbe. Ein gepuderter Lakai des Anciene Régime, die personifizierte Korruption,...“ Jean-François Rewbell wird es sich zur Aufgabe machen, Talleyrand so respektlos zu behandeln, wie er nur kann. Das wird eines Tages sogar dazu führen, dass er ihn mehrere Stunden in eine kleine Kammer einsperrt, bevor er ihn wie einen unartigen Schuljungen nach Hause schickt.


 

Aber das Direktorium besteht ja aus noch mehr Männern. Zum Beispiel aus Paul Barras, und da erscheint es wie ein Wink des Schicksals, dass dieser ein Verhältnis mit einer Dame hat, die zu dieser Zeit noch immer eine enge Freundin Talleyrands ist: Germaine de Staël.


Der einzige Weg zu Barras und damit in irgend ein Ministerium führt über Germaine, und diese muss nun damit beauftragt werden, sich für ihn einzusetzen. Das ist nicht ganz einfach, denn er hat sie in den letzten Monaten ein bisschen vernachlässigt. Sie fühlt sich zurückkesetzt und sieht eigentlich nicht ein, warum sie schon wieder etwas für ihn tun soll, wo doch so wenig Dankbarkeit von seiner Seite zu spüren ist. Bei all dem, was sie schon für ihn getan hat – schließlich hat er es ihr zu verdanken, dass er nach Frankreich zurückkehren konnte.


Germaines Herz muss also erst ein wenig erweicht werden. Er kennt sie, und er weiß, wie er sie kriegen kann. Was jetzt kommt, ist wirklich großes Theater.




 
< zurück