Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Anfang Oktober ist er zurück in New York – um sofort wieder aufzubrechen. Diesmal nach Albany, einer 6.000 Einwohner zählenden holländischen Siedlung, in der General Schuyler wohnt, der Vater von Angelica Church und Schwiegervater Alexander Hamiltons. Hier trifft er auf Thomas Law, den Sohn des Bischofs von Carlisle und ehemaliges Direktoriumsmitglied der Finanzkammer der Ostindienkompagnie.

Law schließt sich der Expedition an, die sich nun in Richtung der großen Seen aufmacht. Zunächst folgt man dem Lauf des Hudson nordwärts und biegt dann nach Westen auf den Mohawk Trail ab, die alte Militärstraße, die entlang des Mohawk River verläuft. Bis Fort Stanwix wäre der Weg sogar mit einem Wagen befahrbar, aber man  legt ihn dennoch zu Pferde zurück, da man ohnehin tiefer in die Wildnis vordringen will.

Die Witterungsbedingungen lassen die Reise nicht gerade zu einem Sonntagsausflug werden. Der Wintereinbruch kommt früh dieses Jahr, es ist kalt und regnerisch, die wenigen noch vorhandenen Wege verwandeln sich in Schlamm und Matsch. Der Expeditionsleiter entscheidet schließlich, die Unternehmung abzubrechen. Es hat keinen Sinn mehr; selbst wenn man die Niagarafälle noch erreichen sollte, dann kommt man vermutlich nicht mehr zurück - und so stark ist der Reiz des Abenteuers dann doch nicht, das man den Winter in irgend einer Blockhütte im Wald verbringen möchte.

Auch der General von Steuben, der am Ufer des Oneida-Sees in einer solchen Behausung wohnt, wird nicht mehr besucht – Talleyrand hätte ihn gerne getroffen, um zu erfahren, was einen verdienten General dazu bringt, seinen Lebensabend wie ein Bauer in einer armseligen Hütte zu verbringen – aber der Oneida-See liegt nicht auf dem Weg, und Talleyrand wird nie die Bekanntschaft von General von Steuben machen. Eine Nacht verbringt man in Cooperstown am Otsega-See, und ehe man sich’s versieht, ist man wieder zurück in Albany.

Ober denn die Familie de la Tour du Pin kenne, fragt General Schuyler nach ihrer Rückkehr. Eine Farm haben sie gekauft, in der Nähe von Troy, ob man sie nicht besuchen möchte? Talleyrand kennt die Marquise de la Tour du Pin seit ihrer Geburt, und natürlich stattet er ihr gerne einen Besuch ab. Er überrascht die nichtsahnende Dame beim Zerteilen eines Hammels und mit der Bemerkung, „Man kann einen Hammel sicher nicht mit erhabenerer Würde zerlegen“, und lädt die La Tour du Pins, deren „Farm“ nichts als eine um einen gemauerten Kamin herum errichtete Blockhütte ist, im Namen von General Schuyler zum Essen ein.

Als die kleine Gesellschaft bei Schuyler eintrifft, wartet eine Überraschung auf sie. Schuyler hat eine Zeitung, und in dieser Zeitung steht, dass man Robespierre hingerichtet hat. Diese Nachricht muss Jubel und Freudenschreie ausgelöst haben. Hoffnung, endlich wieder Hoffnung, dass sich doch alles wieder zum Guten wende, dass man zurückkehren kann, endlich heim, nach Hause! Seit der Hinrichtung Dantons, von der Talleyrand erst im September erfahren hat, hat man kaum noch an eine Heimkehr zu denken gewagt. Immer drückender wurde der Terror, das Land drohte zu versinken in Chaos und Blut, und schon mussten sich die Exilanten mit dem Gedanken anfreunden, vielleicht für immer in Amerika bleiben zu müssen. Talleyrand, der sich das für sich nicht vorstellen kann, hat schon wieder mit dem Gedanken gespielt, nach Indien auszuwandern.

Aber nun ist plötzlich alles anders, plötzlich scheint eine Heimkehr wieder denkbar, auch wenn es vielleicht noch Jahre dauern kann, bis sich die Situation so weit beruhigt hat, dass man sie tatsächlich in Angriff nehmen kann.

In der selben Zeitung, aus der Talleyrand von Robespierres unrühmlichem Ende erfährt, findet er allerdings noch eine andere Nachricht, die seine Freude über den Tod des Schreckensherrschers erheblich dämpft: Nur wenige Tage vor der Beendigung des Terrors ist seine Schwägerin auf der Guillotine gestorben. Archambaud de Talleyrand-Périgord lebt in London im Exil, seine Frau jedoch hat er in Paris zurückgelassen, damit sie – kraft ihrer Anwesenheit dort - das Haus vor der Konfiszierung bewahrt. Dies hat sich nun als keine besonders gute Idee erwiesen.

Talleyrand ist sehr betroffen von dem sinnlosen Tod von Madelaine Henriette Sabine de Talleyrand-Périgord, geborene Olivier de Sénozan de Viriville. Und sein erster Gedanke gilt ihren drei Kindern, die er zu sich holen möchte – zwar hat er Differenzen mit seinem Bruder, aber damit haben die Kinder schließlich nichts zu tun. Talleyrand hat ein ausgeprägtes Verantwortungsgefühl seiner Familie gegenüber – einer Familie, die ihm selbst niemals wirklich eine war. Er möchte die Kinder schützen, die nun elternlos irgendwo in Paris leben, und vielleicht spielt bei diesem Wunsch auch der Gedanke an seine eigene freudlose Kindheit eine Rolle – Archambaud de Talleyrand fällt es jedoch im Traum nicht ein, seine Kinder einem aus der Kutte gesprungenen Bischof anzuvertrauen, seiner Meinung nach sind sie dann wohl noch besser allein im revolutionären Paris aufgehoben.

Ende November ist Talleyrand wieder zurück in Philadelphia, wo er die Reise aufarbeitet – in Form eines ausführlichen Memorandums, das er an den Lord of Lansdowne sendet. Viel geändert hat sich nicht: Noch immer hat er kein Geld – die Landerkundung hat ihm ganze 69 Pfund eingebracht – noch immer bekommt er keine Kredite, noch immer wird er vom Präsidenten nicht empfangen, noch immer verbringt er seine Abende meistens in der Buchhandlung seines Freundes Moreau de St. Méry. Nur teilt er sich jetzt mit Beaumetz eine Wohnung, er hat einen Hund und angeblich ein Verhältnis mit einer Schwarzen, die er in seiner Wohnung empfängt; Philadelphia ist skandalisiert.

Im Frühjahr zieht er nach New York. Auch reist er wieder, Boston wird besucht, die Stadt gefalle ihm von allen Städten, die er in Amerika gesehen habe, am besten, schreibt er, und auch der neuen Hauptstadt stattet er einen Besuch ab. Um mehr als eine riesige Baustelle handelt es sich allerdings nicht, und er ist davon überzeugt, dass es noch viele, viele Jahre dauern wird, bis sie fertig ist – hier irrt er sich, denn schon 1800 zieht der Kongress nach Washington um.

Und Talleyrand? Talleyrand kann eines besonders gut: Geduldig warten. Und so wartet er. Die Lage in Frankreich entwickelt sich zu seinen Gunsten, aber alles muss gründlich durchdacht und ausgiebig beobachtet werden – Talleyrand ist niemand, der eine Entscheidung über den Zaun bricht. Nichts geht schnell bei ihm, nicht passiert ohne langes Abwägen von Vor- und Nachteilen und genauester Prüfung und Planung. Niemand kann ihm nachsagen, er sei furchtsam oder ängstlich, aber erst wenn ihm das Risiko wägbar und dem Gewinn angemessen erscheint, wird gehandelt. Er tut nichts, wenn er nicht an den sicheren Erfolg einer Unternehmung glaubt. Und er will nichts dem Zufall überlassen: Seine Heimkehr muss bestens vorbereitet werden. Die Organisation in Europa überlässt er seiner Freundin Germaine de Staël, die sich mit ganzer Kraft und feuriger Seele für ihn einsetzt.

Unterdessen geht es ihm nicht besonders gut. Er fühlt sich einsam, er hat kein Geld und großes Heimweh, und er verträgt die Hitze nicht. Wenn ich noch ein weiteres Jahr hier bleiben muss, sterbe ich, schreibt er an Germaine de Staël, und einen weiteren Sommer überlebe ich nicht, und spornt sie damit zu Höchstleistungen an auf ihrer Mission, ihrem exilierten Freund die Heimkehr zu ermöglichen.

Im Sommer 1795 zieht er nach Long Island, denn in New York ist das Gelbfieber ausgebrochen. Und hier erfährt er im November aus einer Zeitung, die St. Méry ihm geschickt hat, dass man ihn von der Emigrantenliste gestrichen hat. Germaine ist es gemeinsam mit dem Abbé Desrenaudes gelungen, den Dramatiker Marie-Joseph Chénier dazu zu bewegen, sich in der Nationalversammlung für ihn einzusetzen. Nach einer langen und kontroversen Debatte hat der Nationalkonvent schließlich entschieden, dass seine Reise nach England im Jahre 1792 keine Flucht gewesen sei, sondern im Auftrag der revolutionären Regierung stattgefunden habe, und dass er nur deshalb noch nicht zurückgekehrt sei, weil man ihn nicht dazu aufgefordert hat. Somit ist sein Status als Emigrant aufgehoben, und sein Name von der Listeg estrichen worden. Das Warten in Dantons Vorzimmer hat sich ausgezahlt.

Der Französische Gesandte  Joseph Fauchet ist durch Pierre Auguste Adet ersetzt worden, von dem sich Talleyrand Unterstützung erhoffen kann – wieder braucht er einen Pass. Und er wäre nicht Talleyrand, wenn er jetzt sofort, Hals über Kopf abreisen würde: Im Winter wird der Atlantik nicht überquert, man will ja weder untergehen, noch an der Seekrankheit sterben. Also wird der nächste Frühling abgewartet.

Er wäre aber auch nicht Talleyrand, wenn er nicht zumindest noch ein zweites Eisen im Feuer hätte. Der Plan, nach Indien zu segeln, hat ihn noch immer nicht verlassen. Und so rüstet er gemeinsam mit Albert de Beaumetz ein Handelsschiff aus, mit dem man gemeinsam nach Kalkutta segeln will. Dort, so der Plan, sollen die Waren verkauft werden, der Erlös wird in weitere Geschäfte investiert. Talleyrand hat die Nase derart voll von Amerika, dass er sich sogar eine Existenz als Kolonialwarengroßhändler in Kalkutta vorstellen kann. Wenn er nur nicht hier bleiben muss.

Er muss nicht, er hat grünes Licht für die Heimkehr nach Frankreich. Sein Name ist rehabilitiert, der Französische Gesandte Adet stellt ihm einen Pass in Aussicht, was noch fehlt, ist ein Schiff, das bereit ist, ihn zu transportieren, und natürlich muss er seinem Geschäftspartner noch beibringen, dass er nicht mitkommt nach Kalkutta.

Beaumetz bleibt unterdessen keine andere Wahl, als die Reise anzutreten: Er hat sich in erhebliche finanzielle Schwierigkeiten gebracht, indem er eine Witwe mit vier Kindern geheiratet hat, für die er nun zu sorgen hat. Er kann es sich also nicht leisten, die Sache abzublasen. Als Talleyrand ihm mitteilt, dass er alleine nach Indien fahren muss, ist er fassungslos. Er fühlt sich von Talleyrand verraten und verkauft. Er hat Talleyrand, mit dem er nun seit Jahren fast jeden Tag verbracht hat, mit dem er sogar lange Zeit zusammen gewohnt hat, blind vertraut und kann nicht glauben, nach all den Jahren so im Stich gelassen zu werden. Talleyrands Entscheidung – die er ihm im Hafen von New York bei der Begehung des bereits beladenen Handelsschiffes mitteilt – trifft ihn völlig unvorbereitet, und im Aufwallen ohnmächtiger Wut will er Talleyrand ins Wasser stoßen. Talleyrand ahnt jedoch rechtzeitig, was Beaumetz vorhat, und kann ihn gerade noch davon abhalten. Als Entschädigung überlässt er ihm großzügig seinen Anteil an dem Geschäft. Einen Freund hat er dennoch verloren.

Bon-Albert Briois de Beaumetz fährt gemeinsam mit Frau und Kindern nach Kalkutta, wo er 1801 im Alter von 42 Jahren stirbt.

Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord verlässt Amerika am 13. Juni 1796, mehr als zwei Jahre, nachdem er in Philadelphia amerikanischen Boden betreten hatte. Zusammen mit seinem Diener Courtiade geht er an Bord einer dänischen Brigg mit dem Namen Den Nye Prøve ('Die Neue Prüfung'), die ihn in 42 Tagen nach Hamburg bringt. Neben einem einzigen weiteren Passagier hat die Nye Prøve 65 Zentner Kaffee geladen, der Kapitän sei gutmütig und schlafe ansonsten 15 Stunden am Tag, schreibt Talleyrand – es waren sicher keine sehr aufregenden 42 Tage.

In Hamburg angekommen, erhält er einen Brief seiner ehemaligen Geliebten Adélaïde de Flahaut, die mittlerweile dort wohnt und ihn inständig bittet, noch einige Tage lang nicht von Bord zu gehen und sie aufzusuchen – sie erwartet einen Heiratsantrag vom Marquis da Souza, einem sie verehrenden, etwas schüchternen und ängstlichen Portugiesen, der ganz sicher die Flucht ergreift, wenn plötzlich der ehemalige Geliebte seiner Angebeteten auftaucht, zynische Bemerkungen macht, Besitzansprüche anmeldet, und außerdem noch mehr als offensichtlich der Vater des kleinen Charles de Flahaut ist.

Nach 42 Tagen auf See in Gesellschaft seines Dieners und einer Schiffsladung Kaffee ist selbst Talleyrands Geduld erschöpft, und Adélaïdes Bitte bewirkt genau das Gegenteil von dem, was sie beabsichtigt hat: Nur wenige Stunden nach dem Erhalt des Briefes taucht er bei ihr auf, macht zynische Bemerkungen, meldet Besitzansprüche an, und dass der kleine Junge ihm wie aus dem Gesicht geschnitten ähnlich sieht, bleibt auch dem Marquis da Souza nicht verborgen. Und der tritt genau wie befürchtet die Flucht an. Es wird noch lange dauern, bis er Adélaïde den von ihr so gewünschten Heiratsantrag macht.

Jetzt bleibt auch für Talleyrand nicht mehr viel zu tun in Hamburg, wo es alle Tage regnet und das Wasser aus den Pumpen so schlecht ist, dass man den ganzen Tag Wein trinken muss. Er möchte nun endlich nach Hause, nach Paris, wird aber erst einmal krank und muss zwei Wochen lang das Bett hüten. Als es ihm endlich besser geht, hält ihn nichts mehr. Mit einem Pass, der ihn als den Schweizer Geschäftsmann Talayran ausweist, reist er per Schiff zunächst nach Amsterdam, wo er noch Geschäftliches zu regeln hat, und von dort aus nach Paris. Am 21. September 1796 kehrt er endlich zurück in die Stadt, die er fast vier Jahre zuvor verlassen hat. Sein Exil ist beendet.



 
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