Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Ich erwähnte ‚die anderen’, jene, welche wenig mit der ‚besseren Gesellschaft’ zu tun haben. Der Mittelpunkt dieses illustren Zirkels ist eine Buchhandlung in der First Street. Dort gibt es auch Schreibwaren zu kaufen, Papier und Tinte und Federkiele und Löschsand, und im Hinterzimmer rattert und klappert meistens eine alte Druckerpresse vor sich hin. Die Buch- und Schreibwarenhandlung gehört Médéric Louis Moreau de St. Méry, der noch vor kurzem Mitglied der Gesetzgebenden Versammlung gewesen war, wo er als Jurist Martinique vertreten hat, und sie ist der Treffpunkt von einer kleinen Gruppe französischer Emigranten, darunter der Vicomte de Noailles, der Duc de Liancourt, der Comte de Blacons. Und nun auch von Talleyrand und Beaumetz.

Wohl zum ersten Mal seit vielen Jahren kann Talleyrand hier die Maske fallenlassen, hinter der er glaubt, sich verbergen zu müssen. Hier geht es nicht um Politik, nicht um Macht, nicht um Geld (außer in den Gesprächen, die sich doch recht oft um die missliche Lage drehen, in der sie alle stecken: Um das Heimweh, das sie alle plagt, die schreckliche Situation in Frankreich, um den Geldmangel, unter dem sie leiden, die Zukunftsangst, die viele von ihnen nicht mehr ruhig schlafen lässt). Vor diesen Menschen kann er seine Gedanken äußern, kann Gefühle zeigen; es gibt keinen Grund, sich zu verstellen. Und hier, in der kleinen Buchhandlung eines Juristen aus Martinique, werden wir Zeuge einer seltenen und seltsamen Verwandlung. Sie beginnt, wenn Talleyrand den Laden betritt, wo St. Méry ihm den im gusseisernen Bullerofen zubereiteten Milchreis anbietet, wo er Madeira lieben lernt, wo man Karten spielt, sich rauft und balgt und herumalbert und lacht, und sich gebärdet wie Schuljungen, die zum ersten Mal Alkohol getrunken haben. Und wo Talleyrand immer auch dann noch sitzen bleibt, wenn alle anderen schon längst gegangen sind – so lange, bis Madame Moreau de St.Méry ihn hinauswirft mit der Begründung, er könne ja am nächsten Morgen den Faulpelz spielen und ausschlafen, während ihr Mann um sieben Uhr die Buchhandlung aufschließen müsse.

Diese seltsame Ersatzfamilie, die er sich da gesucht hat, ist ihm Trost in diesen einsamen, durch und durch erfolglosen Frühsommertagen seines Exils in Philadelphia, und sie wird es bis zum Schluss bleiben. 

Eines Tages begegnet ihm Théophile Cazenove. Und von diesem Tag an ändert sich einiges. Talleyrand kennt den gebürtigen Holländer noch aus Paris, wo er das Bankhaus seiner Geschwister vertreten hat. Hier in Philadelphia ist er der Generalbeauftragte der Holland Land Company, einer Holländischen Bodenspekulationsgesellschaft. Cazenove verschafft Talleyrand nicht nur Kontakte zu Bankiers und einflussreichen Geschäftsleuten, wie Robert Morris und William Bingham. Er macht ihm auch ein Angebot.

Ober sich vorstellen könne, für die Holland Land Company Land im Norden Maines zu aquirieren. Reisekosten werden ersetzt, Vertragsbasis: Provision im Verkaufsfall.

Talleyrand dürfte einigermaßen verblüfft ob dieses Vorschlags gewesen sein. Bislang hat er sich sicher nicht als Landaquisiteur gesehen, als Grundstücksmakler gewissermaßen – nicht als ein solcher, der das Land nur auf dem Papier erwirbt und wieder verkauft, sondern als einer, der es sich erst einmal sehr gründlich ansehen muss. Denn erkundet oder gar erschlossen ist in den Wäldern Maines gar nichts.

Die Entscheidung fällt ihm schwer. Sicher, das Angebot ist lockend: Endlich eine Aufgabe. Endlich eine Arbeit, endlich die Aussicht, Geld zu verdienen. Die Möglichkeit, der drückenden Sommerhitze Philadelphias und der nicht weniger drückenden Langeweile ihrer Gesellschaft zu entkommen. Die Möglichkeit, das Land kennen zu lernen, die Möglichkeit, ein Abenteuer zu erleben: Eines von jener Art, von welcher der sechzehnjährige Charles-Maurice im Dunkel der Bibliothek des Seminars von Saint-Sulpice einst träumte.

Die mit der Landerkundung verbundenen Risiken und Strapazen sind aber genauso groß, wie die Verlockung. Es gibt dort keine Wege, keine Pfade. Es gibt keine Städte, und wenn es Dörfer gibt, dann sind es winzige Ansammlungen mit Ochsenblut rot gestrichener Holzhäuschen, hier und da finden sich vereinzelte Blockhütten. Der Wald ist groß, er ist alt, und er ist wild. Urwald eben.

Talleyrand ist ein erfahrener Finanzfachmann. Er kennt sich hervorragend mit dem internationalen Bank- und Handelswesen aus, mit Aktien und Börsenspekulationen, er versteht etwas von Volkswirtschaft. Aber nichts hat ihn für die Aufgabe vorbereitet, unerschlossenes Land im Norden Amerikas zu erkunden. Er war nicht beim Militär, er geht nicht auf die Jagd, er kann sicher nicht (oder nicht sehr gut) reiten. Er kann nicht einmal besonders gut gehen.

Das sind nicht die besten Vorraussetzungen, um zu Pferde irgendwelche Urwälder zu erkunden. Und dennoch entschließt er sich dazu, es zu tun. Gemeinsam mit seinem treuen Diener Courtiade, mit Beaumetz und einem Abgesandten der Holland Land Company, dem neunzehnjährigen Harm Jan Huidekoper (oder Heydecoper), macht er sich auf den Weg in den Norden.

Über New York, wo Talleyrand am 4. Juli noch dem Umzug zur Feier des Unabhängigkeitstages beiwohnt und sich bei dieser Gelegenheit von Joseph Fauchet und seinen Gefolgsleuten in aller Öffentlichkeit anpöbeln lassen muss, geht es am 14. Juli mit einem Postschiff nach Boston. Dort wird noch alles noch Fehlende für die Expedition besorgt: Karten, Proviant, ein spezieller Sattel für Talleyrand, adäquate Kleidung: Man gewandet sich in das, was gemeinhin als Rifle Man’s Suit bekannt ist, Hose und Jacke aus Leder, mit Fransen besetzt und mit Ornamenten verziert, darunter schlichte Leinenwäsche. Ab jetzt ist Schluss mit Samt und Seide und Spitze, mit kunstvoller Ondulation und gepudertem Haar auf dem Kopf.

Weiter geht es gen Norden, wieder mit einem Postschiff – nach Machias, einem kleinen Ort an der Küste von Maine. Und hier lässt man endgültig die Zivilisation hinter sich.

Nun heißt es Bäume zählen (die Anzahl der Bäume pro Quadratmeter gibt Aufschluss über die Bonität des Bodens) und dem Luxus zu entsagen, denn in den Wäldern des Nordens kann man froh sein, wenn man eine einfache Unterkunft findet und nicht im Zelt schlafen muss. Talleyrand reitet durch die Wildnis, zecht mit Trappern, lässt sich von Eingeborenen Flüsse hoch schiffen, und er ist schockiert – soweit Talleyrand eben schockiert sein kann – von der unglaublichen Armut und Einfältigkeit der amerikanischen Siedler. Diese leben in den erbärmlichsten Hütten, in Schmutz und Elend, sind ungebildet und faul, und das Einzige, was sie beeindruckt, ist Reichtum: Als er einmal einen Wirt fragt, ob er denn schon einmal in Washington gewesen sei, weiß dieser nichts von dem Plan, den Sitz des Kongresses in eine neu gegründete Stadt am Ufer des Potamac zu verlegen, die der französische Ingenieur Pierre-Charles L'Enfant nach dem Vorbild von Versailles geplant hatte. Er ist noch nie in Philadelphia, der Hauptstadt der USA gewesen, er hat noch nie General Washington gesehen, zu dessen Ehren die neue Hauptstadt diesen Namen tragen soll. Weder die alte, noch die geplante neue Hauptstadt, noch der General Washington interessiert den Mann. Aber den Bankier Bingham, der doch so unermesslich reich sei, den würde er gerne einmal sehen.

Die Verehrung des Reichtums hat etwas Widerwärtiges an sich, wenn sich die meisten Menschen nicht einmal die einfachsten Dinge leisten können, schreibt Talleyrand. Nun mag man einwenden, dass diese Worte etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines Mannes, zu dessen weniger rühmlichen Eigenschaften eine recht ausgeprägte Geldgier zählt.

Aber es ist nicht das Geld, nicht der Reichtum, dem die Bewunderung Talleyrands gilt. Geld hat man eben, wenn man jemand ist. Man braucht es, um stilvoll zu leben und das ist ihm wichtig, aber er versteht nicht, wie es ein Statussymbol sein kann. Der Status eines Menschen leitet sich für ihn aus seiner Stellung in der Gesellschaft ab, Macht und Erfog sind, was zählt – und Geld geht gemeinhin damit einher, es ist ein Symptom des Erfolges.

Die Amerikaner aber verehren das Geld um des Geldes willen, sie wollen reich sein und sind dabei doch niemals reich an Geist und Witz und Bildung, sie besitzen teure Möbel und haben doch keinen Geschmack, und das geht Talleyrand mehr und mehr auf die Nerven. Zweiunddreißig Religionen und nur eine einzige Sauce!, kommentiert er einmal eine der nahezu ungenießbaren Mahlzeiten.

Es gibt Ausnahmen. General Knox ist eine, über dessen Haus Talleyrand schreibt, es würde sogar in Europa als schön gelten. Er besucht Knox, weil dieser hoch verschuldet ist und ihm sehr viel daran liegt, sein Land zwischen den Flüssen Penobscot und Kennebec loszuwerden.



 
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