Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Vereinigte Staaten von Amerika (1794 bis 1796)

Monsieur de Talleyrand-Périgord, einst Bischof von Autun und Vorsitzender der Nationalversammlung, findet sich in einer Mietwohnung wieder, zum ersten Mal in seinem Leben. North Third Street, keine schlechte Wohngegend. Aber angemessen kann ihm die Wohnung in einem roten Backsteinbau am Ende einer Sackgasse nicht erschienen sein.
Er hat den Menschen ihre Rechte und eine Verfassung gegeben, und was ist der Dank dafür?
Eine Mietwohnung in Philadelphia.

Sein Desinteresse an seiner neuen Umgebung ist so stark ausgeprägt, dass es ihm selbst nicht ganz geheuer vorkommt. Aber wie kann die schlichte Architektur dieser knapp 80.000 Einwohner zählenden Stadt einen Menschen begeistern, der fast sein gesamtes Leben in Paris verbracht hat?

Er will nicht ankommen, nicht bleiben. Nicht in Amerika, und nicht in Philadelphia.

Dennoch leistet er am 19. Mai den Eid auf die Verfassung. Das ist der erste Schritt auf dem Weg zur amerikanischen Staatsbürgerschaft: Jeder, den Eid geleistet und mindestens fünf Jahre in den Vereinigten Staaten gelebt hat – 13 an der Zahl – kann sie beantragen. Es ist schwer vorstellbar, dass Talleyrand plante, tatsächlich einmal Amerikaner zu werden. Vermutlich ist dieser Eid, den er vor dem Bürgermeister von Philadelphia geleistet hat, eines der vielen Hintertürchen, die er sich offengehalten hat – er konnte im Mai 1794 nicht wissen, wann, ja, sogar ob er jemals wieder nach Frankreich zurückkehren können würde. Außerdem muss ihm, der in seinem vierzigjährigen Leben schon mehr als einen Eid geleistet hat, nur um dann Zeuge seiner Vergänglichkeit zu werden, die Bedeutungslosigkeit von derartigen Schwüren spätestes jetzt sehr eindrücklich klar geworden sein. Auf einen mehr oder weniger kommt es da nicht an.

Vom Eideschwören allein kann man aber nicht leben, und von den 8.000 Dollar, die sein einziges verfügbares Kapital darstellen, auch nicht. Monsieur muss sich Arbeit suchen.

Das erweist sich als gar nicht so einfach. Die High Society in Philadelphia nimmt ihn keineswegs freundlich auf. Sein Ruf ist ihm vorausgeeilt und stößt auf wenig Begeisterung bei der bigotten, prüden Gesellschaft. Geschäfte kommen nicht zu Stande, Kredite werden ihm nicht gewährt, und dann widerfährt ihm die größte nur denkbare Demütigung: General Washington empfängt ihn nicht. Washington lässt ihn wissen, dass der französische Geschäftsträger, der Bürger Joseph Fauchet, gedroht hat, Frankreich werde die diplomatischen Beziehungen mit Amerika abbrechen, wenn der Präsident der Vereinigten Staaten den exilierten Ex-Bischof von Autun empfängt. Der Mann, der wirklich nicht geizig ist mit Audienzen, empängt nicht jenen, der wohl am besten geeignet wäre, etwa die Finanzpolitik der USA maßgeblich zu leiten ... Talleyrand ist verärgert, beleidigt, ja, es kratzt am Selbstwertgefühl. An den Sitzungen des Kongresses teilzunehmen sei ihm ausdrücklich erlaubt, und man würde ihn ja durchaus gerne kennen lernen, eine Privataudienz sei schon denkbar – Wenn mir der Weg durch den Haupteingang versperrt ist, krieche ich nicht durch die Hintertür, ist seine Antwort. Mit Hintertüren hat er sonst weniger Probleme – in diesem Fall ist es wohl eher der verletzte Stolz, sich seiner vormaligen Stellung beraubt zusehen: Dem Bürger Fauchet, diesem willfähigen Sklaven seiner jakobinischen Anhänger in Philadelphia und New York, misst man mehr Bedeutung bei als dem ehemaligen Vorsitzenden der Nationalversammlung Frankreichs!

Also bleibt der Weg zur Macht vorerst verschlossen. Und, was viel schlimmer ist, noch immer sind keine Einkünfte in Sicht. Wer in Amerika reich werden will, braucht Kapital. Talleyrand würde gerne an der Börse spekulieren, sich mit Warengeschäften über Wasser halten; alles ist recht – und alles ist unmöglich, denn es mangelt ihm am dazu nötigen Geld. Er bittet Bordieu, Cholet & Bordieu, eine in London ansässige Bank, ihm einen Kredit zu gewähren (sie werden ihn ablehnen), und erschreibt einen Brief an seine Freundin Germaine de Staël, sie möge ihm doch bitte Geld leihen – sie wird es ablehnen. Bis er die Antworten erhält, werden jedoch Monate ins Land gehen, und das Geld, das wenige, das er noch hat, wird knapp. Schon reicht es nicht mehr für eine Überfahrt nach Kalkutta – eine Möglichkeit, die er nie aus den Augen verloren hatte.

Unterdessen erfreut er sich an Gesellschaft, die recht wenig zu tun hat mit jener, die von amerikanischen Fabrikanten, Gutsbesitzern und jeder anderen Sorte von Neureichen gestellt wird. Unter diesen hat er nur einen einzigen Freund gefunden: Den früheren Adjutanten General Washingtons, der jetzt Finanzminister ist und gleichzeitig als Kabinettssekretär fungiert: Alexander Hamilton. Den Zutritt zu Hamilton hat ihm Angelica Church verschafft, die er aus London kennt: Angelica Church ist die Schwester von Hamiltons Frau.

In Alexander Hamilton hat Talleyrand einen Gesinnungsgenossen gefunden. Endlich hat er einen Menschen getroffen, mit dem er sich wahrhaft unterhalten kann. Sie teilen die gleichen politischen Überzeugungen und haben ähnliche Verdienste in ihrer politischen Karriere, auf die sie mit Stolz zurückblicken können: Sie beide haben am Entwurf der Verfassung ihres Landes mitgewirkt. Beide sind sie Finanzexperten, die auf hohem Niveau Fachgespräche führen können. Und sie sind sich sympatisch.

Die Freundschaft mit Hamilton bleibt auf die Freude am gegenseitigen intellektuellen Austausch beschränkt – politisch profitiert Talleyrand nicht davon. Washington bleibt bei seiner Weigerung, ihn zu empfangen.



 
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