Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Am 24. Januar 1794 bekommt er Besuch von zwei Herren in dunkelblauem Tuch, die mit ihren schweren Stiefeln Schnee und Schmutz auf seine Teppiche tragen. Sie überbringen ihm einen Brief. Es ist seine Ausweisung: Er hat eine Woche Zeit, das Land zu verlassen.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, diese Frist einzuhalten. Kein Land in Europa gewährt ihm Exil, auch nicht Russland, wohin sich sein Freund Auguste de Choiseul-Beaupré geflüchtet hat - denn Russland, Preussen und Österreich bilden eine Allianz mit England, dem Land, das ihn gerade ausgewiesen hat. Die anderen Länder fürchten dunkle Machenschaften und haben Angst vor ihm. Wohin? Er liebäugelt mit Indien, entscheidet sich dann aber doch für Amerika. Ein junges Land, ein interessantes politisches System - er will die Demokratie studieren - unendliche wirtschaftliche Möglichkeiten für einen Menschen mit finanziellem Weitblick.

Eine Woche, um eine Überfahrt zu buchen, eine Woche, um das Haus zuverkaufen und alles, was sich noch darin befindet (darum muss er aber dann gar keine Sorgen mehr machen, denn die englische Regierung konfisziert alle seine Besitztümer). Eine Woche, um Geschäftliches zu regeln und sich von seinen Freunden zu verabschieden. Er weiß nicht, ob es ein Abschied für immer ist.

Er bittet um Aufschub. Seine Briefe an den Innenminister, an den Premierminister, an den König bleiben unbeantwortet. In seiner Verzweiflung wendet er sich an William Windham, Lord of Wycombe - der ist nicht nur Adélaïde de Flahauts Geliebter, sondern steht auch der Regierung nahe. Und er erwirkt einen Aufschub der Frist um drei Wochen. 

Talleyrand mit Ausweisungsbefehl aus England 
Talleyrand mit seinem Ausweisungsbefehl aus England

Talleyrand bucht eine Überfahrt auf dem amerikanischen Frachtschiff Willam Penn. Sein Diener Courtiade begleitet ihn, und sein Freund Albert de Beaumetz. Im Gepäck hat er seine Kleidung, ein paar Schriftstücke, ein Empfehlungsschreiben vom Lord of Lansdowne, und einen Kreditbrief über 8000 Dollar.

Am 15. Februar soll die William Penn auslaufen, aber das Wetter ist schlecht, Sturm und Regen verhindern das Laden der Fracht. Die William Penn liegt in der Themse, Talleyrand liegt in seiner Koje - er hätte bei Freunden wohnen können, sie alle haben es ihm angeboten - aber man hat ihn des Landes verwiesen, und deshalb, um der Form genüge zu tun, aus Trotz, oder um das Unglück vollends auszukosten, bleibt er auf dem schwankenden Schiff. Die Freude der abendlichen Zusammenkünfte mit seinen Freunden lässt er sich allerdings nicht nehmen. Wer weiß schon, wann - und ob? - er sie wiedersehen wird?

In der Nacht zum 2. März schreibt er noch einmal an Germaine de Staël. Ich will hoffen, dass unsere Trennung nicht länger als ein Jahr andauert, schreibt er ihr, und, Adieu, liebe Freundin. Ich liebe Dich mit meiner ganzen Seele. Am folgenden Tag verlässt die William Penn die Themse.

Weit kommt man nicht. Im Ärmelkanal gerät der Frachter in einen heftigen Sturm. Er havariert, und für einen bangen Moment sieht es so aus, als würde man auf die französische Küste zugetrieben. Das wäre nun nicht sehr viel besser, als unterzugehen. Im letzten Moment gelingt es dann aber doch irgendwie, den Hafen von Falmouth anzulaufen. Man ist in Sicherheit! Es dauert fast drei Wochen, das beschädigte Schiff wieder flott zu bekommen.

Es ist kalt, das Schiff schwankt, Talleyrand geht ins Wirtshaus. Dort trifft er eines Tages einen geheimnisvollen Amerikaner, mit dem er ins Gespräch kommt. Wer der Mann ist, erfährt er erst später - hätte er es gewusst, dann hätte er ihn sicher nicht so unverblümt um Empfehlungsschreiben ’an seine Freunde in Amerika’ gebeten. Der Amerikaner brüskiert ihn mit den Worten, “Ich bin wahrscheinlich der einzige Amerikaner, der ihnen keine Briefe für seine Heimat mitgeben kann. Alle meine Verwandten sind voneinander getrennt. Ich darf nie mehr nach Amerika zurückkehren.” - und geht. Der Wirt klärt den konsternierten Talleyrand auf: Bei dem Amerikaner handelte es sich um General Arnold. Ich muss gestehen, er tat mir bitter leid, schreibt Talleyrand später.

Am 20. März ist es endlich soweit, die William Penn ist wieder seetüchtig. England, Europa verschwindet hinter dem Horizont, und Talleyrand wird zunächst einmal sehr seekrank. Zehn lange Tage muss er leiden. Dann geht es ihm besser, und er entdeckt seine Liebe zur See: Die Einsamkeitund Isolation entspräche in besonderem Maße seinem Gemütszustand, bemerkt er.

Und als nach 48 Tagen Land in Sicht kommt, ist Ankommen das Letzte, was er will. Wenn er nicht in Frankreich sein kann, dann will er nirgendwo sein. Bis er wieder nach Paris zurückkehren und sein Leben neu ordnen kann, will er nichts tun, als das Meer zu betrachten. Denn im Niemandsland, der grenzenlosen Weite des Meeres, ist es, als existiere die Welt hinter dem Horizont nicht mehr. Alles wird unwichtig, Politik - und Macht und Geld, die er nicht mehr hat - spielen keine Rolle mehr.

Als man die Flussmündung des Delaware erreicht, umsegelt gerade ein unter Amerikanischer Flagge fahrender Frachter die Landzunge. Und als Talleyrand hört, dass das Ziel des Schiffes Westindien ist, lässt er sofort anfragen, ob man ihn wohl mitnehmen könne. Die lange Schiffsreise von vielen Wochen, mehr noch als das exotische Ziel, erscheinen als eine wundervolle Alternative zum Exil in Philadelphia. Aber es ist keine Kabine mehr frei, das Schiff ist bereits überbelegt.

So bleibt ihm keine andere Wahl: Am 11. Mai 1794 geht er in Philadelphia von Bord. Noch weiss er nicht, dass er mehr als zwei Jahre in Amerika bleiben wird.



 
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