Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Im Februar 1793 kommt Besuch. Und für eine Weile lebt der Zauber der alten Zeit wieder auf, die 1789 endgültig vorbei gewesen zu sein schien. Germaine de Staël, Baronesse de Holstein, Schriftstellerin und Frau des Schwedischen Botschafters in Paris, Geliebte von Louis de Narbonne - und ehemalige(?) Geliebte Talleyrands - reist nach England. Madame de Staël hat Geld, und sie mietet Juniper Hall, ein Landhaus in Surrey.

Dort, in der Nähe des kleinen Dörfchens Mickleham am River Mole, zwischen sanften Hügeln, von Hecken eingefriedeten Wiesen und Äckern, grasenden Schafen und weidenden Kühen, findet eine kleine Kolonie französischer Emigranten zusammen.


Juniper Hall ca. 1904 
 Juniper Hall, ca. 1904

Talleyrand gibt sein Haus in London nicht auf, wohnt aber dennoch meistens in Juniper Hall, und mit ihm Madame de la Châtre, Narbonne, Montmorency, Beaumetz, Jaucourt, Victor Malouet, die Brüder Lameth, der deutsche Doktor Bollmann, der Madame de Staël verehrt, und Alexandre d'Arblay. Letzterer wird am 28. Juni in der kleinen Dorfkirche von Mickleham der Schriftstellerin Fanny Burney sein Jawort geben, Narbonne wird Trauzeuge sein. Fanny Burny war einst Hofdame der englischen Königin und wohnt nun in Westhumble, dem Nachbardörfchen.

Soist also Fanny Burney häufig zu Besuch, oft begleitet von ihrer Schwester Susanna und deren Mann, Captain Molesworth Phillips, der zusammen mit James Cook die Welt umsegelt hatte. Auch sie leben in Westhumble.

Dort, in einem winzigen Cottage, haben sie auch Victor de Broglie und seine Familie untergebracht. Alles ist sehr schlicht und einfach, aber man hilft sich gegenseitig, und man vergnügt sich durchaus: Beim Boulespielen im Garten (Talleyrand, der natürlich nicht Boule spielen kann, sieht den anderen dabei zu), oder bei Ausflügen in die Umgebung, die man mit einen alten Einspänner unternimmt, den man gemeinsam gekauft hat. Auf dem Kutschbock des klapprigen Gefährts bemüht sich dann entweder Narbonne oder Talleyrand, es nicht in den Graben zu lenken. Darin sitzt Germaine de Staël und redet, die anderen reiten nebenher.

Talleyrand und Narbonne übertreffen sich darin, Germaine de Staël zu gefallen. Germaine liebt beide, und sie liebt auch Mathieu Montmorency. Dieser ist nicht ganz glücklich darüber, dass Narbonne auch noch immer ein Verhältnis mit Madame de Laval unterhält (mit der auch Talleyrand einst eine Liaison hatte) - denn Madame de Laval ist Montmorencys Mutter. Adélaïde de Flahaut ist eifersüchtig, Talleyrand geht angeln im River Mole.

Der Nachbar, James Lock of Norbury Park, sorgt für die Abendunterhaltung, die meistens darin besteht, gemeinsam zu essen und dann Lesungen zu veranstalten. Der Dramatiker Lally-Tolendal liest mit derart dröhnender Stimme aus seinen Theaterstücken vor, dass die Fensterscheiben klirren. Germaine de Staël liest aus dem Buch, das sie gerade schreibt: Über den Einfluss der Leidenschaften auf das Glück von Individuen und Nationen. Talleyrand bringt sie zum Weinen, als er danach zu ihr sagt: “Germaine, du liest Prosa sehr schlecht. Da ist so ein ganz seltsamer Singsang in deiner Stimme - so ein Rhytmus, gefolgt von einer monotonen Intonation, was überhaupt nicht gut ist. Es klingt, als würdest du ein Gedicht laut lesen. Das hat einen sehr schlechten Effekt.”

Germaine liebt ihn trotzdem.


Und Narbonne. Und Montmorency.

Germaine de Stael 
Germaine de Stael

Die Freizügigkeit der extrovertierten Dame stößt auf wenig Begeisterung bei Fanny Burneys Vater, und die Hochzeit mit Alexandre d'Arblay findet ohne Madame de Staël statt.

Im Herbst reist sie wieder ab und hinterlässt eine große Leere. Und bei Talleyrand Einsamkeit und gähnende Langeweile. Müde und ausgelaugt fühle er sich ohne sie, schreibt er ihr, und dass sie der einzige Mensch gewesen sei, mit dem man hier wirklich habe reden können. Er vermisse sie sehr.

Sie verspricht ihm, ein Haus am Genfer See für ihn zu suchen, so dass er in ihrer Nähe sein kann. Aber der calvinistischen Schweiz fällt es im Traum nicht ein, dem exkommunizierten Ex-Bischof von Autun Exil zu gewähren. Auch hat man in der Schweiz Angst vor Revolutionen, und Ex-Revolutionäre sind eben so wenig willkommen wie Ex-Bischöfe. Das Haus, das Germaine für ihn findet, wird er niemals beziehen.

Das Geld geht ihm aus. Noch immer gibt er den meisten Teil für die Unterstützung seiner Freunde aus, aber seine Gastfreundschaft einzuschränken kommt nicht in Frage. Schweren Herzens verkauft der Mann, der Bücher so sehr liebt, seine Bibliothek. Talleyrand ist sein Leben lang genau so freigiebig, wie er - unbestrittenerweise - geldgierig ist. Er liebt es, in Gesellschaft zu sein, und er zieht die Gesellschaft von Menschen der von Büchern vor.

Die Bibliothek wird bei Sotheby's versteigert, sie bringt ihm 750 Pfund ein. Das ist nicht sehr viel in Anbetracht seines Lebensstils, und schließlich sieht er sich gezwungen, sein Haus zu verkaufen. Er zieht in ein kleineres am Kensingon Square.

Den Engländern wird er mehr und mehr unheimlich. Vor allem dadurch, dass er überhaupt nichts tut.



 
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