Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Exil PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Exil
Englische Idylle
Ende des Englischen Exils
Exil in den USA
Talleyrands Ersatzfamilie
Ende des Exils
Im Folgenden möchte ich eine recht wenig beachtete Zeit beschreiben: Die vier Jahre, die Talleyrand im Exil verbrachte. Dieser Abschnitt seines Lebens wird in vielen Biographien mit einigen wenigen Sätzen abgehandelt, und tatsächlich erscheint er auf den ersten Blick uninteressant, da Talleyrand damals über keinerlei politische Macht verfügte und im Wesentlichen nichts tat, als darauf zu warten, dass sich die Dinge in Frankreich wieder zu seinen Gunsten änderten. Aber genau deshalb, weil wir es hier nicht mit dem taktierenden Politiker, dem intriganten Diplomaten zu tun haben, erlaubt uns diese Zeit, einen Blick auf den Menschen Talleyrand zu werfen. Und das, so meine ich, macht diese Zeit wert, genauer betrachtet zu werden.


England (1792 bis 1794)

Sieben Tage lang sitzt er in dem Vorzimmer. In Lederhosen, hohen Stiefeln, einer kurzschößigen Jacke, zusammengebundenen Haaren und einem kleinen runden Hut - in Reisekleidung also. Er kommt morgens um sieben, und dann wartet er. Bis nachts um zwei, dann schickt man ihn heim. Sechs Mal, und jedes Mal ist er morgens um sieben wieder da. Er wartet geduldig, aber er ist angespannt: Wenn Talleyrand in seinem Leben einmal wirklich Angst gehabt hat, dann an diesen sieben Tagen Anfang September 1792. Denn es geht um sein Leben.

Er will nach London. Dort war er zu Beginn des Jahres schon und hat sich vergeblich bemüht, die Engländer vom Nutzen des Dezimalsystems zu überzeugen. Bereits am 10. August hat er sich Danton als Gesandter in derselben diplomatischen Mission empfohlen. Danton hat zugestimmt, nur der Pass fehlt noch. Aber Danton lässt ihn warten. Beide wissen, dass der Grund für die Reise nicht das Dezimalsystem ist.

bishop.jpg 
 Talleyrand kurz vor seiner Flucht
aus Frankreich 1792

Warum lässt Danton ihn nicht vor? Will er seine Macht auskosten, die Macht des kleinen Rechtsanwalts aus der Provinz über einen Vertreter des (nicht mehr exisitierenden) Hochadels, der mit versteinertem Gesicht und schweißnassen Händen vor ihm steht und um sein Leben bittet? Oder hat Danton wirklich zu viel zu tun? Denn die Ereignisse überschlagen sich; draußen fließt Blut.

Am siebten Tag erhält er seinen Pass. Danton hat ihm seinen Hinkefuß eingetragen und die ärgerlichen Worte ‘aufgeworfene Nase’. Keine Zeit für Eitelkeiten, die Kutsche steht bereit, er kehrt nicht noch einmal in sein Haus zurück.

Er hat die Form gewahrt. Sein Stolz hätte es nicht zugelassen, sich so wie sein Freund Louis de Narbonne unter dem Altar der Hauskapelle in der Schwedischen Botschaft zu verstecken, um am nächsten Tag über die Belgische Grenze zu fliehen. Er selbst hat ihn dort hin gebracht, ist aber, statt Narbonne weiter zu begleiten, wieder nach Paris zurückgekehrt. Ein Périgord flieht nicht. Jedenfalls nicht heimlich, still und leise: Er lässt sich von der Regierung, vor der er flüchtet, mit einer diplomatischen Mission betrauen.

Und er weiß, dass es sich um sehr viel mehr handelt, als eine etwas elegantere Art, Hals über Kopf das Land zu verlassen. Die sieben Tag ein Dantons Vorzimmer werden sich dereinst gelohnt haben: Denn genau diese als diplomatische Mission getarnte Flucht ist das Hintertürchen, das es ihm eines Tages ermöglichen wird, wieder heimzukehren.

Am 24. September kommt er in London an. Viel hat er nicht mitnehmen können, Kleidung, Schriftstücke, etwas Geld, Diamanten. Seine Bibliothek - er liebt Bücher - hat er in weiser Voraussicht bereits im Sommer nach London verschickt. Und sein treuer Diener Courtiade, den er 1788 eingestellt hatte, begleitet ihn. Er wird ihn auch noch weitere 38 Jahre begleiten.

In London angekommen kauft er ein Haus in der Woodstock Street. Außer seinem Kammerdiener hat er keine Bediensteten, zum ersten Mal in seinem Erwachsenenleben. Madame de la Châtre, die Geliebte (und spätere Frau) seines Freundes François-Arnail de Jaucourt, nimmt sich seiner an und sorgt für seinen Haushalt und auch für sein sonstiges Wohlergehen.

Seine Freundin Adélaïde de Flahaut, die Mutter seines Sohnes, wohnt nicht fern von ihm, in der Half Moon Street. Sie lebt mehr schlecht als recht davon, Strohhüte zu flechten. Talleyrand ermutigt sie, den Roman, den sie bereits in Paris begonnen hatte, fortzusetzen. Was sie tagsüber schreibt, liest er nachts Korrektur. Der Roman, Adèle de Sénange, wird ein Erfolg.

Adelaide de Flahaut 
 Adélaide de Flahaut
Er selbst schreibt Tagebuch, und er schreibt an einer Biographie des Herzogs von Orleans, Philippe Égalité. Er investiert sehr viel Zeit und Arbeit in dieses Projekt. Geld bringt es ihm nicht ein.

Geld ist ein Problem: Er hat fast keins. Das wenige, das er besitzt, gibt er für Freunde aus: Er unterstützt die gerade frisch in London Angekommenen, lässt sie bei sich wohnen und füttert sie durch, bis sie eine Unterkunft und ein Auskommen gefunden haben. Sein Haus wird zum Treffpunkt für alle die, mit denen er auch in Paris am liebsten seine freie Zeit verbracht hat. Narbonne ist dabei, Jaucourt, Bon-Albert Brios de Beaumetz, Mathieu de Montmorency. Und die Damen, Madame de la Châtre, die Princesse d'Hénin, Madame de Genlis, Adélaïde de Flahaut. Und viele, viele andere, die auf seine Kosten leben.

Madame de Genlis gibt bescheidene Abendgesellschaften, bei denen nicht das Essen die Hauptattraktion ist, sondern sein Unterhaltungstalent geboten wird: Er ist klug, charmant, geistreich, gebildet, man fühlt sich wohl in seiner Gesellschaft, und dass man Strohhüte flechten muss, um zu überleben und die Tafel zwangsläufig äußerst frugal ist, lässt sich ansolchen Abenden glatt vergessen.

Außerhalb dieses kleines Kreises von Freunden wird ihm weniger wohlwollend begegnet.

Für die monarchistischen Flüchtlinge, les pures, jene, die bereits 1789 geflohen waren, und alle, die ihnen nahestehen, ist der revolutionäre - gar im Auftrag der französischen Regierung nach London gekommene - exkommunizierte Ex-Bischof der Teufel in Menschengestalt. Man macht ihn für die Revolution verantwortlich und damit für das eigene Unglck. Und man begegnet ihm mit äußerster Feindseligkeit.

Aber auch den Engländern ist er suspekt. Die Tories empfangen ihn nicht, die Whigs nur widerstrebend. Ein Vertreter des götzendienerischen, römisch-katholischen Papismus wäre schon schlimm genug. Dass dieser aber Frauen liebt und Karten spielt und an der Börse spekuliert, lässt ihn als das personifizierte Laster erscheinen. Außerdem können sie ihn nicht einschätzen: Er ist ihnen zu kühl, zu beherrscht, er entspricht nicht ihrem Bild eines typischen Franzosen. Man erwartet Lebhaftigkeit und Offenheit und findet Zurückhaltung, feinen Spott und leise Ironie, und deshalb hält man ihn für undurchsichtig und durchtrieben. Jede seiner Handlungen wird mit Argusaugen beobachtet. Ist er vielleicht ein Spion?

Politischen Einfluss hat er nicht. Zu Beginn versucht er, den Schein zu wahren, aber als der Nationalkonvent am 5. Dezember 1792 ein Dekret gegen ihn und eine Festnahmeverordnung erlässt, ist seine diplomatische Mission auch offiziell beendet. Er zieht sich vollkommen aus der Politik zurück.

Die beiden einzigen, die ihn nun noch bei sich empfangen, sind Charles Fox und Lord Shelbourne, Earl of Lansdowne - dieser bringt ihn auch mit interessanten Persönlichkeiten zusammen: Bei Lansdowne lernt er unter anderem George Canning kennen, Jeremy Bentham, Joseph Priestley (ob Talleyrand sich für die Elektrizität begeistern konnte?) und Lord Hastings.



 
< zurück