Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Kindheit und Jugend PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Kindheit und Jugend
Bei der Großmutter
Kollegiumszeit
Geistliche Laufbahn
Studienzeit
Nach fast sechs Jahren in Saint-Sulpice beginnt Charles-Maurice das Studium der Theologie an der Sorbonne. Er ist kein guter Student. Er ist vielmehr der wahre Schrecken seiner Professoren. In den Vorlesungen bringt er seinen Kommilitonen Kartenspiele bei, er hat wechselnde Freundinnen, an der Pforte des ’Studentenwohnheims’, in dem er logiert, werden Kisten voller Wein für ihn angeliefert, und seine Doktorarbeit hat er wohl mehr dem guten Willen seines Doktorvaters zu verdanken, als seinen Bemühungen - und dem Wunsch aller Professoren, den störenden Studenten so schnell wie möglich wieder loszuwerden: Man erwirkt eine Sonderregelung, die es ermöglicht, eine Dissertation vor Vollendung des einundzwanzigsten Lebensjahres einzureichen. Mit einer Arbeit mit dem Titel Quenam est scientia quam custodient labea sacerdotis? [Welches Wissen müssen die Lippen des Priesters bewahren?] erlangt Charles-Maurice schließlich die Doktorwürde.

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 Louis de Narbonne-Lara

Vier Jahre vergehn bis zu seiner Weihe. In dieser Zeit feiert er die Illusion der Freiheit. Er ist ausgehungert nach Leben und Liebe. Dem Einfluss seines Onkels Alexandre-Angélique hat er es zu verdanken, dass er eine Pfründe bekommt, die Diozöse Saint-Rémy de Reims, und es ist zunächst sehr angenehm, dass mit dem Geld keinerlei Verpflichtung einhergeht. Eine Weile lang besteht sein Leben nur daraus, sich im Theater oder in der Oper zu amüsieren, Karten zu spielen, und Geld auszugeben. Das tut er vor allem zusammen mit seinem Freund Auguste, der wieder aus Griechenland zurück und mittlerweile zwar verheiratet ist, aber trotzdem lieber die Zeit mit seinem alten Schulfreund verbringt. Zu den zwei Unzertrennlichen gesellt sich Louis de Narbonne-Lara, der ein illegitimer Sohn Louis' XV ist - das Gerücht geht um, Louis de Narbonne sei zudem nicht einmal wirklich der Sohn der Comtesse de Narbonne-Lara, sondern vielmehr dem inzüchtigen Verhältnis Louis' XV und dessen leiblicher Tochter, Madame Adelade, entsprungen. Wer auch immer Louis de Narbonne ist, er versteht es, das Leben zu genießen.

Nichts anderes hat auch Charles-Maurice nun im Sinn.
Sein Name öffnet ihm die Türen zu den Salons, wo er sich in kürzester Zeit den Ruf erwirbt, ein geistreicher Unterhalter zu sein. Er hat die ’Gabe der Konversation’: Er ist schlagfertig, charmant, witzig, nie um Worte verlegen. Er macht Bekanntschaften mit hochgestellten Persönlichkeiten und hat Verhältnisse mit schönen und klugen Frauen.

Das Leben könnte so schön sein, wäre da nicht die Weihe, auf die seine Eltern nun drängen. Der Vater hält sich vornehm zurück, ihm ist sein Sohn nach wie vor gleichgültig. Die Mutter hat dagegen kein gutes Wort für ihn übrig. Missraten sei er, wirft sie ihm vor. Zu nichts tauge er, wirklich zu gar nichts, eine einzige Enttäuschung sei er, für sie und für die Familie.
Charles-Maurice weiß, dass er keine Wahl hat, als sich dem Willen seiner Eltern zu beugen. Wenn er den Weg nicht zu Ende geht, den sie für ihn ausgewählt haben, wird man ihn endgültig verstoßen. Was bleibt dann? Er hat keine Macht, keinen Einfluss, nicht genug Geld und einen verkrüppelten Fuß.

 

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 Talleyrand als Abbé

Wenige Tage vor Weihnachten 1779 weiht ihn sein Onkel, mittlerweile Kardinal von Paris, zum Priester. Talleyrand kann sein Leben lang nicht über diesen Tag sprechen. Die Weihe findet keine Erwähnung in seinen Memoiren, und auch seinen Freunden gegenüber verliert er kein Wort darüber. Sein Freund Auguste allerdings ist nicht so verschwiegen und hinterlässt uns einen Bericht über die Nacht, die der Priesterweihe vorausgeht.
Auguste findet Charles-Maurice in einem Zustand vor, in dem er ihn noch nie erlebt hat. Weinkrämpfe schütteln ihn, keinem einzigen vernünftigen Wort ist er zugänglich. Gleichsam erschüttert und hilflos wohnt Auguste dem Verlust jeglicher Selbstbeherrschung seines sonst so verschlossenen, stillen Freundes bei. Stundenlang wiederholt sich der selbe Wortwechsel: “Du musst es nicht tun”, sagt Auguste, “es ist noch nicht zu spät! Sag Deinem Onkel, dass Du es nicht tust, dass es eine einzige Lüge wäre!”, und Charles-Maurice antwortet: “Es gibt keinen Ausweg mehr, es ist alles zu spät, es gibt keinen Ausweg mehr, keinen Ausweg...” Wieder und wieder und wieder. Und er weint und weint und kann nicht mehr aufhören zu weinen. Es gibt keinen Ausweg, und Charles-Maurice erklärt seinem Freund auch, warum: Er ist ein Krüppel, seine Eltern haben ihn enterbt, er ist des ständigen Kampfes mit seiner Mutter überdrüssig und müde und will nicht mehr und kann nicht mehr, es gibt keinen Ausweg, er ist ein Krüppel, man hat ihn enterbt, ihm sein Geburtsrecht genommen, es gibt keinen Ausweg... Irgendwann geht Auguste. Er kann ihm nicht helfen; niemand kann ihm helfen.

Charles-Daniel und Alexandrine de Talleyrand halten es nicht für nötig, der Weihe beizuwohnen, dem Ereignis, dem ihre ganzen und einzigen Bemühungen im Hinblick auf das Leben ihres Sohnes gegolten hatten.
Wie ein Opferlamm wirkt er, als er zum Altar geht, noch blasser als sonst, noch stärker hinkend als sonst, und dort vor seinem Onkel niederkniet.
“Mit heiligem Schauer muss man eine so hohe Stufe erklimmen und sich daran erinnern, dass diejenigen, die dazu berufen werden, sich durch himmlische Weisheit, Sittenreinheit und Gerechtigkeit auszeichnen müssen. Geloben Sie Ihrem Bischof Achtung und Gehorsam?”, fragt ihn Alexandre-Angélique de Talleyrand.
Er ist nicht berufen.
Und er legt seine gefalteten Hände in die seines Onkels, und dann sagt er, so leise, dass es außer seinem Onkel niemand hört: “Ich gelobe es.”
Seine Eltern haben gesiegt.



Ich habe versucht, mit diesem Text fünfundzwanzig Jahre eines ereignisreichen Lebens zusammenzufassen. Es liegt in der Natur der Sache, dass ein solcher Versuch nur unvollständig und bruchstückhaft sein kann. Trotzdem hoffe ich, dass es mir gelungen ist, einen Eindruck zu vermitteln von diesen Jahren, die einen Menschen sicher mehr prägen als alles andere.
Eine freudlose Kindheit und eine verlorene Jugend können keine Entschuldigung, keine Rechtfertigung sein, für nichts. Aber wenn man darum weiß, fällt es leichter, zu verstehen, worin manche Eigenschaften ihre Wurzel haben mögen. Wer um die Auswirkungen des Geldmangels weiß, unter dem die Familie Talleyrand-Périgord gelitten hat, wird Talleyrands grenzenlose Geldgier vielleicht in einem anderen Licht sehen. Wer um Chalais weiß, und welchen Eindruck dieser Ort in dem vernachlässigten, einsamen Kind hinterlassen hat, versteht vielleicht Talleyrands Stolz, und auch, wie tief er verletzt wurde, als seine Eltern ihm das Erstgeborenenrecht nahmen. Wer weiß, wie er gelitten hat unter der Soutane, die sie ihm gegen seinen Willen überzogen, kann sicher verstehen, dass er über seine Exkommunikation elf Jahre nach seiner Weihe nicht sehr unglücklich war. Und wer sich vorstellen kann, wie alleingelassen und ungeliebt er sich in seiner Kindheit und Jugend gefühlt haben muss, der kann vielleicht nachvollziehen, woher seine Verschlossenheit gekommen sein mag, seine Unfähigkeit, Gefühle zu zeigen, seine Egozentrik - wer hätte sein Maßstab, seine moralische Instanz sein können, wenn nicht er selbst?
Wer hätte diese Kindheit unbeschadet überleben können?



 
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