Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Kindheit und Jugend PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Kindheit und Jugend
Bei der Großmutter
Kollegiumszeit
Geistliche Laufbahn
Studienzeit
Als er fünfzehn Jahre alt ist, ist seine Schulzeit zu Ende. Weil seine Eltern kein Geld haben, ihm einen Platz in der Verwaltung zu erkaufen, muss anders für den Jungen gesorgt werden. Ungewollte Töchter bringt man im Kloster unter, ungeliebte Söhne werden Priester. Charles-Maurice wird zum Priester bestimmt, und er hat keine Chance, sich dagegen zu wehren. Um ihm die Sache schmackhaft zu machen, schickt man ihn an den Hof seines Onkels Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord, der zu dieser Zeit Koadjutor des Erzbischofs von Reims ist. Die Pracht, der Luxus, das Leben am Hof des Bischofs sollen ihm klar machen, dass auf ihn zwar keine Hochzeit, keine Liebe, keine Freiheit wartet, aber dass ihn Geld und Reichtum dafür entschädigen werden, sein Leben der Kirche zu weihen und sich dem Papst unterzuordnen. Man gibt ihm die Biographien berühmter Kirchenmänner zu lesen, um ihm vor Augen führen, dass es nicht darum geht, Pfarrer, Seelsorger zu werden, sondern dass die klerikale Laufbahn nichts anderes ist als ein Weg zu Reichtum und Macht. Charles-Maurice liest die Memoiren der Kardinäle Richelieu und Ximenez und fragt sich, warum er eigentlich erst Priester, Bischof, Kardinal werden soll, um danach Minister zu werden. Die Verlogenheit und Heuchelei der Kirche widert ihn an, dem Reichtum seines Onkels begegnet er mit Verachtung, Geld und Macht bedeuten ihm nichts gegen die persönliche Freiheit, die man im Begriff ist, ihm zu nehmen.

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Alexandre-Angélique de Talleyrand-Périgord
Onkel Talleyrands
Eine Weile lang.
Ein Jahr lang widersetzt er sich dem Wunsch seiner Eltern und seines Onkels. Still und trotzig verlebt er die Zeit bei Onkel Alexandre-Angélique in Reims, beobachtet, was um ihn herum geschieht und kommt eines Tages zu dem Schluss, dass er keine Wahl hat. Er ist allein, er hat keine Verbündeten, niemanden, der sich für ihn einsetzt. Seine ganze Familie hat sich gegen ihn verschworen. Und was ist so schlimm an Reichtum und Luxus? Wären seine Eltern reich, befände er sich nicht in der Lage, in der er ist. Hätten sie Geld, müsste er nicht Priester werden. Und ist es wirklich so wichtig, woher das Geld kommt? Charles-Maurice fügt sich.

Mit sechzehn Jahren tritt er in das Priesterseminar von Saint-Sulpice ein. Widerwillig, unglücklich, trotzig schweigend. Zwei Jahre lang spricht er mit niemandem. Er hält sich nicht an die Hausordnung, nicht an die gesellschaftlichen Konventionen, er schließt sich niemandem an. Alles, was er tut, tut er mit ausgesprochenem Widerwillen, und er lässt keine Gelegenheit aus, seinen Lehrern zu zeigen, dass er nicht freiwillig da ist. Er wird für unerträglich arrogant gehalten - und ist nichts als todunglücklich. Es gibt niemanden, mit dem er über seinen Kummer reden könnte. Sein Freund Auguste ist mittlerweile beim Militär, und an diese Zeit schließen sich desen lange Reisen durch Griechenland an - sein Reisebericht Voyage pittoresque en Grèce begründet seinen Ruf als Wissenschaftler und Kunstkenner. Charles-Maurice ist derweil alleine mit seiner Einsamkeit - und mit seiner Behinderung, die ihn nicht nur in seinem täglichen Leben einschränkt, sondern auch der Grund für die Misere ist, in der er sich befindet. Und er beginnt zu verzweifeln an der Ungerechtigkeit, die ihm widerfahren ist, daran, dass man ihm nicht nur die Kindheit, sondern auch die Zukunft genommen hat. Und dass das seinen Eltern, die daran Schuld tragen, vollkommen egal ist.

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 Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord im Alter von 16 Jahren

Er flüchtet sich in die Bibliothek. Er liest, er flüchtet sich in Bücher. Er liest alles, was er zwischen die Finger bekommt: Volkswirtschaft, Politik, Philosophie. Er verliert sich in Abenteuerromanen, in Reiseberichten unerschrockener Entdecker, er ist fasziniert von den Beschreibungen von Revolutionen und der Umwälzung von Gesellschaftsordnungen, er begeistert sich für die Ideen Voltaires. Und während die Welt sich amüsiert, sitzt der blasse, stille Junge in der schwarzen Soutane in der Bibliothek und träumt vom Abenteuer, von Revolutionen und einer Freiheit, die er nie hatte, und niemals haben wird.

Aber es sind nicht nur Bücher, die ihm das Leben in Saint-Sulpice erträglich machen. Eines Tages, er ist siebzehn, fällt ihm im Gottesdienst ein junges Mädchen auf. Das schlechte Wetter kommt ihm zu Hilfe: Es regnet, sie hat keinen Regenschirm. Charles-Maurice aber hat einen, und er bietet ihr seine Begleitung an. Glücklicherweise wohnt sie nicht weit von der Kirche, und als man an ihrer Wohnungstür ankommt, fragt sie ihn, ob er sich nicht bei einer Tasse Tee etwas aufwärmen möchte.
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 Dorothée Dorinville, Talleyrands erste Freundin

Er möchte.
Ihr Name ist Dorothée Dorinville, sie ist getaufte Jüdin, und sie ist Schauspielerin. Die beiden jungen Leute entdecken schnell, dass sie etwas gemeinsam haben: So wie Charles-Maurice von seinen Eltern in ein Priesterseminar abgeschoben wurde, so haben Dorothées Eltern sie auf die Bühne gezwungen, um sie loszuwerden. Dorothée wird seine erste Freundin, und sie bleibt es für zwei Jahre.

Charles-Maurice wird übermutig - sein Trotz und Widerwillen gegen das Seminar und seine ihm von seinen Eltern bestimmte Zukunft sind ungebrochen, seine Missachtung der Regeln geht soweit, dass er Arm in Arm mit seiner Freundin vor den Fenstern des Seminars auf und ab flaniert. Man wirft ihn nicht hinaus. Er ist der Neffe des Erzbischofs von Reims - denn dazu ist Alexandre-Angélique mittlerweile aufgestiegen. Und deshalb kann sich Charles-Maurice alles erlauben. Kein Vergehen würde den Skandal rechtfertigen, zu dem es käme, wenn das Seminar von Saint-Sulpice den Neffen eines Erzbischofs suspendieren würde. Der widerwillige Seminarist beginnt zu begreifen, dass seine Eltern Recht haben. Es geht nicht darum, Pfarrer, Seelsorger zu werden, ein Leben in Keuschheit, Demut und Bescheidenheit zu führen. Es geht darum, Geld zu verdienen. Gut leben kann man trotzdem.

Diese Freiheit ist eine Illusion, aber sie ist besser als die Wirklichkeit, erträglicher als die Wahrheit, und das Leben wird noch besser, die Illusion noch tröstlicher, wenn sie mit Macht und Geld einhergeht. Die Soutane ist nur eine äußere Hülle. Zynisch stellt er fest, dass sie sogar einen Vorteil hat: Sie verbirgt seine Beine vor den Blicken der Damen.
Seine Verachtung fur eine Gesellschaft, die eine solche scheinheilige Heuchelei möglich macht, die einen Menschen dazu zwingt, diese Lüge zu leben, wächst. Na schön, mag er denken, Ihr habt es nicht anders gewollt.



 
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