Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Kindheit und Jugend PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Kindheit und Jugend
Bei der Großmutter
Kollegiumszeit
Geistliche Laufbahn
Studienzeit
Man stellt den Neuankömmling zunächst seinem wenig älteren Cousin, den Comte de la Suze vor, dessen Aufgabe es ist, sich um den kleinen Périgord zu kümmern. Aber de la Suze hat dazu keine Lust. Sehr viel mehr Lust hat dagegen Auguste de Choiseul, und die beiden werden zu einem unzertrennlichen Gespann. Diese Freundschaft überdauert Jahre, räumliche Trennung über viele tausend Kilometer hinweg, unterschiedliche politische Überzeugungen und sehr unterschiedliche Lebensläufe. Und sie mag den kleinen Périgord im College d'Hartcourt gerettet haben. Auguste, knapp zwei Jahre älter als Charles-Maurice, ist sein Vertrauter, sein Verbündeter, sein Tröster im Internat. Er wird und bleibt sein bester Freund.

choiseul.jpg 
 Auguste de Choiseul

Charles-Maurice ist ein guter Schüler. Jahrgangsbester. Schulbester. Er strengt sich dafür nicht sehr an - für was auch. Die einzigen Menschen, die er gerne mit seinen Leistungen beeindrucken können möchte, interessieren sich nicht für ihn. Seinen Eltern ist es gleichgültig, ob er gut oder schlecht in der Schule ist. Sie interessieren sich nicht für seine Schulnoten, nicht dafür, was er erlebt, denkt, fühlt. Hin und wieder holen sie ihn für einen Nachmittag zu sich, und jedes Mal hört er den einzigen Satz, den sein Vater zu ihm spricht: “Seien Sie ein guter Junge und machen Sie Ihren Lehrern keinen Ärger.” Dies ist die einzige Ermahnung, die man ihm mit auf den Weg gibt.

Charles-Maurice ist alleine.
Er ist nicht unbeliebt bei seinen Mitschülern; seine freundliche, zurückhaltende Art macht es leicht, ihn zu mögen. Aber er kann nicht mit ihnen spielen, er nimmt nicht am Reitunterricht teil, nicht am Fechtunterricht, er lernt nicht tanzen. Charles-Maurice übt gehen.

Und er übt denken.
Dass man ihn so alleine gelassen hat, dass niemand sich um ihn kümmerte, sich um ihn sorgte, so sagt er später, habe auch sein Gutes gehabt: Dadurch habe er schon früh gelernt, selbstständig zu denken, frei und unabhängig von der vorgegebenen Meinung.
Niemanden interessiert, was er denkt, und niemand weiß, was er denkt. Und Charles-Maurice lernt, sein eigener Maßstab zu sein und nach seiner eigenen Moral zu empfinden.

Unterdessen wird seinen Eltern zunehmend klar, dass ihr ältester Sohn nicht das Erbe der Familie Talleyrand-Périgord antreten kann, wenn er nicht gesund ist. Es gibt nur einen einzigen Weg für einen Périgord, Ruhm und Ehre zu erlangen, sich des Titels, des Namens als würdig zu erweisen: Siegreich in der Schlacht zu sein, sich im Kampf zu behaupten. Durch das Militär. Und ein Krüppel kann diesen Weg niemals gehen. Der einzige Ausweg, die andere Möglichkeit, ihrem Sohn eine annehmliche Zukunft zu sichern, nämlich einen hohen Verwaltungsposten zu erkaufen, steht der Familie nicht offen: Die Talleyrand-Périgords haben schlicht nicht genug Geld.
Letzte Versuche werden unternommen, zu retten, was nicht zu retten ist. Alexandrine de Talleyrand bezahlt Ärzte, die Charles-Maurice nur noch mehr Schmerzen zufügen, als er ohnehin schon hat. Immer wieder wird versucht, seinen Fuß mit Gipsbandagen zu richten, werden Nerven ausgebrannt, wird vergeblich versucht, seine Gesundheit wieder herzustellen. Aber Charles-Maurice bleibt ein Krüppel. Er kann kurze Strecken gehen, eine Weile stehen, mehr nicht. Er wird niemals zum Militär gehen konnen, und er wird niemals den Titel erben.

Mittlerweile hat er zwei Brüder bekommen, Archambaud und Boson. Sie wachsen im Haus ihrer Eltern auf, wo Charles-Maurice, wie er in seinen Memoiren bitter bemerkt, in seinem Leben insgesamt nicht mehr als eine Woche verbracht hat: Er ist siebzehn Jahre alt, als er zum ersten Mal bei Ihnen übernachten darf. Es bleibt eine Ausnahme.
Der Plan wächst, den Titel, das (sehr geringe) Vermögen und alle Privilegien auf Archambaud zu übertragen.

Fast hätte sich das Problem von selbst gelöst. Als Charles-Maurice zwölf oder dreizehn Jahre alt ist, erkrankt er an den Pocken. Im Internat kann er aufgrund der Ansteckungsgefahr nicht bleiben, und die letzten, die ihn bei sich aufnehmen wollen, sind seine Eltern. Zwei Bedienstete bringen ihn in einer Sänfte ins Haus einer Frau, die selbst die Pocken überlebt hat und daher immun ist. Die Rosskur, die sie ihm angedeihen lässt, überlebt er, ebenso wie die schwere Krankheit - und diese ohne Narben zurückzubehalten. Die sich anschließende, lange Zeit der Rekonvaleszenz verbringt er alleine. Seine Eltern besuchen ihn nicht ein einziges Mal. Sie erkundigen sich nicht, wie es ihm geht, es interessiert sie nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Erst als er vollständig genesen ist, laden sie ihn wieder zum Tee ein. Und in diesen Tagen und Wochen, während er im Bett liegt und auf die Türklinke starrt und sich wünscht, seine Eltern würden ihn besuchen oder wenigstens nachfragen, wie es ihm geht, wird ihm endgültig klar, dass sie ihn wirklich nicht lieben. Dass er keinen Platz in ihrem Leben hat, dass er ihnen vollkommen gleichgültig ist. Dass er vollkommen alleine ist.
Etwas später erwähnt sein Vater ihm gegenüber fast beiläufig, dass er Archambaud zum Erben erklärt hat. “Warum Archambaud? Warum nicht mich?”, fragt Charles-Maurice. “Weil Archambaud kein Krüppel ist”, antwortet sein Vater. Auf diese Weise lernt Charles-Maurice, dass, und warum seine Eltern ihn enterbt haben. Weil Archambaud kein Krüppel ist. Die Worte hinterlassen eine Wunde in seiner Seele, die nicht mehr heilen wird.




 
weiter >