Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Kindheit und Jugend PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Kindheit und Jugend
Bei der Großmutter
Kollegiumszeit
Geistliche Laufbahn
Studienzeit
Eine Zeit fürchterlicher Qualen schließt sich an diese Episode an. Die besten Ärzte von Paris werden konsultiert, aber all die Bandagen, Korrekturschienen und eisernen Spezialschuhe, in die man seinen Fuß zwängt, bringen keine Besserung.
Es ist zu spät, es ist nichts mehr zu retten. Und die Eltern haben keine Zeit und keine Lust, sich um ihren behinderten Sohn zu kümmern. Sicher zu ihrer Erleichterung erklärt sich eine alte Verwandte aus dem Périgord bereit, das Kind bei sich aufzunehmen. Die einzige glückliche Zeit in seiner Kindheit beginnt.

Man bringt ihn nach Chalais, siebzehn Tagesreisen von Paris entfernt. Siebzehn Tagesreisen dann, wenn man sich öffentlicher Postkutschen bedient: Man hält es nicht fur nötig, eine eigene Kutsche zu schicken, vielleicht fehlt auch das Geld dazu. Charles-Maurice, knapp fünf Jahre alt und nicht in der Lage, selbst zu laufen, wird in einer Postkutsche auf die beschwerliche Reise in den Süden geschickt. Und nicht etwa die Eltern bringen das Kind zu seiner Urgroßmutter, sondern eine Gouvernante, eine Mademoiselle Charlemagne (ja, sie hieß wirklich so).

Chalais ist ein verwunschener Ort, eine Welt, die es schon damals eigentlich nicht mehr gibt. Seine zweiundsiebzig Jahre alte Urgroßmutter, die er ’Großmutter’ nennt, ”weil sie mir so naher schien”, herrscht wie eine Königin über ihr winziges Reich, das Dorf Chalais, und an ihrem ’Hof’, dem klobigen alten Schloss aus dem Dreizehnten Jahrhundert, hat sie einen kleinen Hofstaat versammelt. Es sind aber keine Vasallen, die dort gemeinsam mit ihr leben, sondern Freunde, lauter alte Freunde, mit denen sie groß und schließlich alt geworden ist - sie zählt die Jahre der Freundschaft in Dekaden. Diese Menschen pflegen einen freundlichen, respektvollen Umgang miteinander, und auch dem kleinen Jungen in ihrer Mitte begegnen sie mit dem gleichen höflichen Respekt - zum ersten Mal in seinem Leben wird ihm Achtung entgegengebracht. Und wenn Talleyrand sein Leben lang eine große Achtung vor dem Alter hat, dann liegt der Grund in Chalais.
Die Großmutter ist nun der erste Mensch in seinem Leben, der ihm Liebe entgegenbringt. Der erste Mensch, der ihn umarmt, ihm einmal einen Kuss gibt. Und sie ist der erste Mensch, den er liebt. Er liebt die ’Großmutter’ und alles, was sie umgibt, mit der ganzen Kraft seiner Kinderseele. Chalais wird zu einer Art Ideal fur einen Mann, der darauf beharrt, keine Ideale zu haben. Aber in Chalais wird der Grundstein fur seine Vorstellung von Höflichkeit und dem ’guten Umgangston’ gelegt, hier lernt er, wer er ist: Ein Périgord. Hier versteht er, was es bedeutet, von hoher Geburt zu sein, der Satz Ré qué Diou wird mit Bedeutung gefüllt; nur die Capets haben eine ältere Familiengeschichte.

Aus dem verstörten, vernachlässigten Kind wird ein kleiner Fürst. Und seine adelige Herkunft wird zu einem Teil seines Selbstverständnisses. Seine Überlegenheit, oft Überheblichkeit anderen Menschen gegenüber gründet sich auf das Wissen, ein Abkömmling der Familie Talleyrand-Périgord zu sein. Auch Talleyrands unermesslicher Stolz hat seinen Ursprung in Chalais.
Hier lernt er lesen und schreiben, er verblüfft Großmutter, Schloss- und Dorfbewohner gleichermaßen mit seiner schnellen Auffassungsgabe und verzaubert sie mit seinem liebenswerten Charme. Er lernt laufen, endlich. Jemand hat erkannt, dass er Spezialschuhe und eine Schiene braucht, um ihm das Auftreten zu ermöglichen und den Knöchel zu stützen. Zuerst mit Krücken, später mit Hilfe eines Stocks schafft er
es, einige Schritte zu gehen. Es ist schmerzhaft und anstrengend, aber er ist ein Périgord, und ein Périgord kriecht nicht. Später, als Jugendlicher, wird er verbissen üben, um sich einen etwas schwebenden Gang anzutrainieren, und damit sein Hinken so gut wie möglich zu kaschieren.

Knapp drei Jahre lang erfährt Charles-Maurice nun, was es heißt, geliebt zu werden und zu lieben, er ist zum ersten und für sehr lange Zeit zum letzten Mal in seinem Leben glücklich. Als er acht Jahre alt ist, wird er von seinen Eltern nach Paris zurückbeordert. Sie wollen eine vernünftige Ausbildung für ihren Sohn, und haben ihn im College d'Harcourt angemeldet, einem Internat in Paris. Wieder schicken sie Mademoiselle Charlemagne, die Gouvernante. Wieder in einer Postkutsche, die in siebzehn Tagen zurück nach Paris rumpelt. Charles-Maurice weint, als er Chalais verlassen muss. Die Großmutter wird er nie wieder sehen, sie stirbt, noch während er auf der Schule ist.
Ein kleiner Trost in seinem Kummer ist ihm auf der langen Reise jedoch die Vorfreude darauf, seine Eltern zu sehen. Er kennt sie kaum, und kann es kaum abwarten, von ihnen in Empfang genommen zu werden. Aber sie enttäuschen ihn. Als er zusammen mit Mademoiselle Charlemagne an der Relaisstation rue d'Enfer [Straße der H
ölle] - welch prophetischer Name! - aussteigt, warten nicht seine Eltern auf ihn, sondern ein alter Diener, der den Jungen direkt ins College d'Harcourt bringt. Seine Eltern haben Verpflichtungen und keine Zeit, ihren Sohn abzuholen. Eine Woche vergeht, bis sie ihn zu sich nach Hause einladen - für einen Nachmittag. Charles-Maurice spürt den Schmerz der Zurückweisung tief. Und er wird es seinen Eltern nie vergessen, dass sie ihn nicht abgeholt haben.

Es ist nicht das erste, und beileibe nicht das letzte Mal, dass sie ihn ihre Gleichgültigkeit spüren lassen. Aber an diesem Tag, an dem er einen Vorgeschmack bekommen hatte von dem, was in den nächsten Jahren sein größter Kummer sein sollte, an seinem ersten Schultag, macht er die Bekanntschaft eines Jungen, über den er eines Tages schreiben wird, niemand habe seinem Herzen jemals so nahe gestanden wie er, niemanden habe er jemals so geliebt wie ihn. Marie-Gabriel-Florian-Auguste de Choiseul-Beaupré, später Choiseul-Gouffier, ist der Neffe des berühmten Ministers Etienne-François de Choiseul, der auf dem Höhepunkt seiner Karriere sicher mehr Macht hatte als der König selbst. Und er sitzt an dem Tisch im Speisesaal, zu dem man Charles-Maurice nach seiner Ankunft im College d'Harcourt bringt.



 
weiter >