Talleyrand - der Mensch und die Persönlichkeit
Talleyrands Kindheit und Jugend PDF Drucken E-Mail
Beitragsinhalt
Talleyrands Kindheit und Jugend
Bei der Großmutter
Kollegiumszeit
Geistliche Laufbahn
Studienzeit
"Meine frühen Jahre waren freudlos"

Mit diesem lapidaren Satz beschreibt ein Mann seine Kindheit, der sein Leben lang unter der Lieblosigkeit und der Gleichgültigkeit gelitten hat, die sie ausmachte - und einer Vernachlässigung, die in dauerhafter physischer Versehrtheit kulminierte.

Wenn man eine Annäherung an ein Verständnis seines Charakters wagen will, wenn man verstehen möchte, was ihn zu dem machte, was er war, dann muss man seine Kindheit und Jugend kennen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle, abseits von Politik, weit entfernt vom ’Glamour’ des Hofes und von pikanten oder romantischen Amouren, das Bild einer Kindheit und Jugend zeichnen, die von Schmerzen, Einsamkeit, unerfüllter Sehnsucht nach Zuwendung und Liebe, stillem Trotz und verletztem Stolz geprägt war.


Charles-Maurice de Talleyrand-Périgord wird am 2. Februar 1754 in Paris, 4 rue Garancière, als zweites von fünf Kindern geboren. Seine Eltern, Charles-Daniel de Talleyrand-Périgord und Alexandrine-Marie-Victoire-Eléonore de Talleyrand-Périgord, geborene de Damas d'Antigny, sind am Hof in Versailles beschäftigt. Charles-Daniel ist sechzehn, Alexandrine zweiundzwanzig Jahre alt, als man sie verheiratet. Es ist, wie man sich leicht vorstellen kann, keine Liebesheirat, es geht um Geld - aber es ist allen Umständen zum Trotz Liebe auf den ersten Blick. Und es ist eine Liebe, die so tief, so allesbeherrschend ist, dass es darin keinen Platz mehr gibt für irgend etwas anderes - auch nicht für die eigenen Kinder.

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  Charles-Daniel de Tallyrand-Périgord
 Charles-Maurice' Vater
Charles-Daniel, Stallmeister am Hof, ist achtzehn Jahre alt, als sein erster, neunzehn, als sein zweiter Sohn geboren wird. Die Talleyrand-Périgords können auf eine Familiengeschichte zurückblicken, die sich bis ins Neunte Jahrhundert zurückverfolgen lässt, und sie zählen sich voller Stolz zu den ältesten und nobelsten Familien Frankreichs. Ré qué Diou [Rien que Dieu: Nichts als Gott] ist ihr Motto. Kein anderer Fürst, kein König - nur Gott allein wird als höhere Instanz anerkannt.
Mehr als diesen Stolz können sie allerdings nicht ihr Eigen nennen - sie sind arm. Sie sind tatsächlich so arm, dass sich Alexandrine de Talleyrand-Périgord die Bettwäsche für die Niederkunft ihres zweiten Kindes, Charles-Maurice, ausleihen muss. Die Armut seiner Eltern wird das Kind teuer zu stehen kommen.

Charles-Maurice wird also am 2. Februar geboren, am Tag seiner Geburt in der Kirche von Saint-Sulpice getauft, und noch an der Kirchentür einer Amme übergeben, einer armen Frau aus dem Faubourg Saint-Jacques. Der Name dieser Frau ist nicht bekannt, Talleyrand sprach von ihr sein Leben lang nur als ’une femme’:
Eine Frau.

Dieser Frau ist das Kind vollkommen gleichgültig. Ihre Erziehung besteht darin, es nicht verhungern oder erfrieren zu lassen, geht aber darüber kaum hinaus. Eines Tages setzt sie es auf eine Kommode und lässt es alleine. Es fällt herab und verletzt sich den Fuß. Obwohl die Verletzung offensichtlich sehr schwer ist, holt sie keinen Arzt, und sie benachrichtigt auch die Eltern nicht. Diese wiegen sich noch einige Jahre im Glauben, das Kind sei gesund und munter und bei der Amme gut aufgehoben. Einige Jahre? Ja, richtig. Vier lange Jahre lang ’vergessen’ die Eltern ihren Zweitgeborenen, besuchen ihr Kind nicht ein einziges Mal, zeigen durch keinerlei Nachfrage auch nur das geringste Interesse. Dann stirbt ihr erstes Kind, Alexandre, im Alter von fünf Jahren.
Nicht die Eltern sind es jedoch, die als erste den Zweitgeborenen aufsuchten, der durch den Tod seines nur ein Jahr älteren Bruders plotzlich zum Erben des prestigereichen Titels geworden ist: Charles-Maurice ist nun der Älteste, und im Moment noch einzige Sohn. Er ist der Nachfahre der Grafen von Grignols, Fürsten von Chalais, Marquis d'Excideuil, Marquis de Talleyrand-Périgord. Ein Bruder seines Vaters, Gabriel-Marie de Talleyrand-Périgord, ist es, der sich dafür zu interessieren beginnt, wer eigentlich das Kind ist, das den Titel erben und einmal das Familienoberhaupt sein würde. Er sucht die Amme auf, findet den Jungen aber nicht in ihrer Obhut, sondern auf einem Acker, wo er mit anderen Kindern spielt. Das Spiel besteht darin, mit Steinen nach Vögeln zu werfen. Das Kind trägt zerlumpte, für die Jahreszeit viel zu dünne Kleidung, ist schmutzig und verwahrlost, und es kann nicht laufen. Der rechte Fuß ist nach innen verdreht, die Mittelfußknochen verkrümmt, das Knöchelgelenk deformiert, die Wadenmuskulatur verkümmert, die Achillessehne verkürzt.

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 Alexandrine de Talleyrand-Périgord
 Charles-Maurice' Mutte

Gabriel-Marie bringt den Jungen zu seinen Eltern. So wie er ist, in seinen schmutzigen Lumpen, seinen verfilzten, ungewaschenen Haaren, mit all dem Ungeziefer, das er mit Sicherheit mit sich bringt. Charles-Daniel ist nicht anwesend. Alexandrine gibt eine Teegesellschaft, in die ihr Schwager nun platzt und die anwesenden Damen schockiert, als er das zerlumpte, verkrüppelte kleine Wesen auf den Boden setzt, und es auffordert, seine Mutter zu begrüßen. Charles-Maurice setzt sich gehorsam in Bewegung, auf Händen und Knien, anders geht es nicht, und kriecht auf die Frau zu, die der Mann in der Marineuniform seine Mutter genannt hat. Die droht, in Ohnmacht zu fallen, und mit den Worten, “Mein Gott, er ist ja lahm! Bringt ihn weg!”, wirft sie Gabriel-Marie zusammen mit ihrem Sohn hinaus.
So also gestaltet sich das erste Zusammentreffen zwischen Charles-Maurice und seiner Mutter, die ihn am Tag seiner Geburt einer Amme übergeben und seit mehr als vier Jahren nicht mehr gesehen hatte.



 
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